Die Welt der Dunkelheit

Verborgen von Wolkenkratzern,
von den Fratzen der Gargylen,
von rauchspeienden Fabriken
und Straßen voller
gesichtsloser Menschen
lauern Dinge,
die wir nicht sehen wollten.
vom Backcover von Die Welt der Dunkelheit

Ich habe eine ganze Weile mit mir gerungen, neben das englische Grundregelwerk „The World of Darkness“ eben auch das deutsche Exemplar, „Die Welt der Dunkelheit“, zu stellen. Der Grund ist dabei vor allem der Preis gewesen, denn gegenüber den 19,99 US-$ der amerikanischen ersten Druckauflage bzw. der 24,99 US-$ der nachfolgenden, erschienen die deutschen 27,95 Euro eher wuchtig.
Nun habe ich aber doch mal das Geld gehabt, habe mir den deutschen Band geholt und bin entsprechend fest entschlossen, auch diesem eine Besprechung zu widmen.
Wie aber schon öfters an dieser Stelle richtet sich die Rezension entsprechend vor allem an Leute, die sich explizit für die Übersetzung interessieren; wer gerne wissen möchte, was generell in dem Band steht, fühle sich doch eingeladen, die Rezi zum englischen „The World of Darkness“ zu lesen. Die ist da dann informativer und auch nicht schwerer zu verstehen.

Auf den ersten Blick fällt auf, wie ähnlich sich Original und Übersetzung dieses Mal geraten sind, auf einen zweiten Blick werden aber doch einige Änderungen und Abweichungen offenbar. Das Hardcover kommt hierzulande mit einem Rundrücken daher (Warum eigentlich? Beim „Warhammer-Rollenspiel“ hat es beim gleichen Verlag doch auch mit einem Flachrücken geklappt?) und wirkt im Detail vielleicht auch nicht ganz so filigran wie die Vorlage. Auch hier wurde mit matten und glänzenden Versatzstücken gearbeitet, aber die Schrift des Logos ist weniger schön abgesetzt, der Folienglanz nicht ganz so fein gearbeitet wie bei der amerikanischen Ausgabe. Wer mal „Die Hohen“ direkt neben „Exalted“ gesehen hat, ahnt, was ich meine. Trotzdem ein schönes Buch.
Das Interieur gleicht dem Original so weit, wie es möglich ist, eingedenk der Tatsache, dass das Deutsche einfach mehr Worte für gleiche Sachverhalte braucht. Seite an Seite zeigen sich auch hier Unterschiede in Schriftgrad und -art, in Zeilenabstand und generellem Satz, doch dem normalen Leser dürfte das kaum auffallen. Wie immer wurde mattes Papier anstelle des Hochglanzmaterials der englischen Ausgabe verwandt.
Einzig ein, zwei Inkonsitenzen innerhalb des Bandes selber (man Vergleiche dazu die erste Seite von Kapitel 1 (S. 14) und die von Kapitel 2 (S. 42)) könnten Puristen abschrecken. Insgesamt haben F&S jedoch großartige Arbeit geleistet und machen lange vergessene Pannen wie die mächtig verbogenen Illus des alten „Vampire aus der alten Welt“ locker vergessen.

Doch wie steht es mit dem Inhalt? Die Übersetzung liest sich gut und flüssig, auch die etwas kniffligeren Atmosphäre-Texte klingen auf Deutsch noch immer gut (obschon der Engel der Gottmaschine von einer „she“ zu einem „er“ wurde ... hmmm). Die Regelpassagen lesen sich verständlich und sind in ihrer Referenzierbarkeit der Vorlage nicht unterlegen. Leider wurden zumindest in meiner Druckauflage die amerikanischen Errata noch nicht eingearbeitet, weshalb es noch immer Schlagschaden macht, überfahren zu werden und Hunde eine Entschlossenheit (Resolve) von 4 haben.

Das ist ärgerlich, dient aber zugleich als Überleitung zu der wohl spannendsten Frage: Wie sind die deutschen Termini geraten? Insgesamt muss man sagen, die Begrifflichkeiten der deutschen Ausgabe bieten wenige Ansätze zur Kritik. Vieles ist treffend übersetzt, in einigen Fällen sogar eindeutiger als früher. Waren etwa früher „Handgemenge“ und „Nahkampf“ noch gut zu verwechseln, so sind diese nun sperrig, aber eindeutig mit „Waffenloser Kampf“ und „Bewaffneter Kampf“ bedacht worden. Dass „Virtue“ und „Vice“ „Tugend“ und „Laster“ sind, anstelle von „Tugend“ und „Sünde“, fand ich anfangs etwas überraschend, falsch ist es aber nicht. Eher negativ ist mir da die Unterteilung der Attribute aufgefallen, denn die englische Unterscheidung von „Power“, „Finesse“ und „Resistance“ wird mit „Aktiv“, „Subtil“ und „Passiv“ in meinen Augen nicht wirklich adäquat wiedergegeben. Aber auch das sind jetzt gerade mal drei Wörtern aus einem großen Buch, dem man auch daraus keinen wirklich Strick drehen könnte, selbst wenn man wollte.
Neben obligatorischen Abweichungen in den Assoziationen der Begriffe („Skinrider“ klingen für die meisten Leser eben doch bedrohlicher als „Reiter“, „Socialize“ meint mehr als „Umgangsformen“ etc.), die sich aber nie vermeiden lassen, kann „Welt der Dunkelheit“ in meinen Augen mit Fug und Recht von sich behaupten, sehr gekonnt eingedeutscht worden zu sein.

Eine letzte Kritik meinerseits ist dann aber wieder reine Geschmackssache und ein Punkt, an dem sich die Geister ohnehin scheiden. „Welt der Dunkelheit“ verwendet die formelle und höfliche Anrede „Sie“ anstelle des persönlicheren „Du“ oder den Mittelweg des im Plural stehendes „euch“. Manche mögen das, manche nicht. Da Rollenspiel für mich ein Hobby ist und ich im Hobbybereich definitiv das „Du“ vorziehe, fand ich das persönlich eher unschön.
Aber das ist nun wirklich schon wieder nah am Haarespalten.

Man kann abschließend eigentlich nur sagen, dass das deutsche Buch in etwa so gut geworden ist, wie es auch nur hätte sein können. Einige Elemente wie kleinere Ausrutscher im Layout oder eben die fehlenden Errata (zumal bei F&S zu dem Zeitpunkt, an dem ich dies hier schreibe, nicht herunterzuladen) trüben den Eindruck, ebenso wie die leider doch nicht ganz gleichwertige Verarbeitung, doch damit kann man leben.
Kenner des englischen Originals mögen an der einen oder anderen Stelle mal etwas die Stirn runzeln (etwa bei dem geschlechtsgewandelten Engel oder ob „Aktiv“, „Subtil“ und „Passiv“), doch diese Dinge fallen noch weit weniger ins Gewicht.
Die Entscheidung sollte am Ende vor allem vom Portmonee und den eigenen Englischkenntnissen bedingt sein. Wer das Original fließend lesen kann, der bekommt dort ein letztlich doch leicht besseres Buch zu einem besseren Preis. Wer dagegen mit der Sprache eher hadert oder aber eine Gruppe hat, die auf deutsche Regelmechanismen angewiesen ist, der macht auch mit der deutschen Ausgabe nichts falsch.

Insgesamt ziehe ich schon meinen Hut vor F&S – so müssen Übersetzungen aussehen!


Name: Die Welt der Dunkelheit {jcomments on}
OT: The World of Darkness 
Verlag: Feder & Schwert 
Sprache: Deutsch
Autoren: Bill Bridges, Rick Chillot, Ken Cliffe und Mike Lee, übersetzt von Ole Johan Christiansen und Thomas Plischke
Empf. VK.: 27,95 Euro 
Seiten: 240

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