nWoD - Second Sight

„Are these people our friends for looking like us,
for being like us?
Yes.
Are they our most dread threat, for looking like us,
for being like us?
Yes.
While some things are monsters without,
others are monsters within.“
vom Backcover von World of Darkness: Second Sight

Die letzten Produkte der generischen World of Darkness hatten micht nun doch eher kalt gelassen. Die „Armory“ traf einfach nicht meinen Spielstil und der „Storyteller‘s Screen“ ... nun, der war Mist. Nun aber liegt ein weiterer, brandneuer Quellenband vor mir und diesmal nehme ich es klar vorweg: Ich bin begeistert.

Das beginnt schon mit der Optik. „Second Sight“, so heißt das gute Stück nämlich, erscheint in der guten Tradition der eher schemenhaften Cover der generischen Bände und erinnert mich vom Stil her noch am ehesten an das von „Mysterious Places“. Die Farben jedenfalls sind mit ihren eher dunklen, matten Tönen sehr schön, das Motiv gelungen. Der Band sieht einfach schön aus, wie er so auf meinem Tisch liegt, und vermittelt auch durchaus sein Thema: „mortal psychics and mystics“.
Auch das Interieur ist hübsch anzuschauen und versammelt einmal mehr all die Künstler, die mir schon in den vorigen Bänden so positiv aufgefallen sind. Da gibt es nichts zu meckern, auch die Layout-Fehler der „Armory“ und – vor allem – vom diesbezüglich noch schlimmeren Spielleiterschirm finden sich hier nicht wieder. Hier und da ein Sprung im Satz, aber auch das eher selten.
Wenn es am Buch selber etwas zu meckern gibt, dann einmal mehr an der Verarbeitung. Ich denke, in Zukunft werde ich es auch immer nur noch kurz und am Rande erwähnen, doch einmal mehr: „Second Sight“ zählt ebenfalls zu den neuen, in China gedruckten Hardcover-Bänden, die White Wolf nun produzieren lässt. Das bedeutet, dass die Bindung weniger strapazierfähig ist (was allerdings bei den 160 Seiten hier nicht so ins Gewicht fällt) und vor allem das Papier deutlich schlechter ist als früher. Kein Hochglanz mehr, sondern ein raues, mattes Material. Das Buch ist von der Verarbeitung her nicht mal am unteren Ende der Skala angesiedelt, aber mit den alten Büchern kann es, obschon nicht erkennbar günstiger geworden, einfach nicht mithalten.

Aber schauen wir weiter, schauen wir auf den Inhalt. Neben Prolog und Einleitung bietet „Second Sight“ vier Kapitel sowie ein zehn Seiten langes Abenteuer zum Thema als Appendix. Thematisiert wird nicht nur die titelgebende Fähigkeit, sondern generell übernatürliche Kräfte für Mortals (und ggf. andere).

Das erste Kapitel ist dabei noch sehr kurz und hört auf den Namen „Not Normal“. Es ist ein ganz grober Überflug und erster Ideengeber für Erzähler, ganz gut, aber auch sehr knapp. Große Innovationen bleiben hier noch aus, doch man kriegt eine recht gute Idee davon, was man mit den Kräften aus dem Buch so machen kann, um eine spannende Geschichte zu erzählen. Ein gelungener Anleser.

Das zweite Kapitel wurde „Psychic Phenomena“ getauft und kann zweigeteilt gesehen werden. Denn auf schöne Hintergrundinfos und inspirierende Ideen, wie sie den ersten Teil des Kapitels ausmachen, folgen zahlreiche übernatürliche Merits. Von Traumreisen bis Psychometrie, von Biokinese bis Pyrokinese, die Liste ist so umfangreich wie gut ausgearbeitet. Der Spagat zwischen guter Schreibe und harten Regeln gelingt und bereits „Psychic Phenomena“ erweist sich als schlichtweg lohnende Lektüre.

„Low Magic“ nennt sich das dritte Kapitel und beschreibt Wege der Magie, die nicht auf der „atlantean magic“ vom neuen „Mage“ basieren. Vielmehr werden hier Hexenpfade und Wege der Thaumaturgie näher beleuchtet ebenfalls mit Regeln untermauert.
Beispielhaft werden die „Apostles of the Dark One“, Zeremoniemagier, „Hedge Witches“, Schamanen, taoistische Alchemisten und Vodoun-Anhänger näher beschrieben und ebenfalls mit Superkräften im Merit-Format ausgestattet.
Dieses Kapitel zeugt einmal mehr davon, dass White Wolf es Gott sei Dank ernst gemeint haben, als sie die neue WoD als Baukasten beschrieben. Immerhin geht das an dieser Stelle so weit, dass trotz der ganzen Mage-Palette hier nun auch noch alternative Magiemethoden beschrieben werden. Die sind zwar anders – innerhalb des Spiels, genauso außerhalb – aber in sich logisch. Sehr schön.

Das vierte Kapitel dann hat mich noch mal richtig fasziniert. „Reality-Bending Horrors“ ist vor allem an Erzähler gerichtet und beschreibt einfach exzellent, wie man okkulte Hintergründe, wie sie dieses Buch beschreibt, in der eigenen Kampagne sinnvoll nutzen kann.
Ich habe selten ein so gutes, durchdachtes und praktisches Spielleiterkapitel zu einem auch nur im Ansatz vergleichbaren Thema gelesen. So können sich Neulinge auf eine recht gute Darbietung vom Potential des Settings der WoD mit „mystischen“ Sterblichen freuen und auch alte Hasen lesen es mal quer, da die Tipps zur Umsetzung einzelner Themen einfach spitzenklasse sind.
In meinen Augen ist das vierte Kapitel für sich schon fast ein Kaufgrund.

Anders als der Appendix, soviel vorweg. Denn wenn es irgendeine Unsitte bei Rollenspiel-Quellenbänden gibt, die mich wirklich ärgert, dann ist es wohl das Einbinden von Abenteuern in Quellenbände.
Wahlweise ich spiele es, dann sind die zehn Seiten Umfang kurzzeitig sehr gut angelegt und für den Rest meiner nWoD-Spielzeit bleiben sie dann nutzloser Balast, oder aber ich spiele sie nicht, dann ist es sogar von Anfang an grober Unfug und unnötiges Balast.
Vom Aufbau her hat es mir aber gut gefallen. „What you wilt“ ist mehr eine Sammlung von Szenen denn ein eigenes Szenario. Somit ist eine einfache Anpassung an die eigene Chronik sicher gewährleistet, doch der Detailsgrad ist auch hoch genug, um dem Erzähler wirklich eine Unterstützung sein zu können. Die Grundidee ist dabei nicht so innovativ wie man es sich vielleicht gewünscht hat, aber auch wiederum mehr als einfach nur „solide Hausmannskost“.
Insgesamt ist „What you wilt“ schon in Ordnung, wenn man sich eben damit abfindet, dass es in dem Band enthalten ist.

Insgesamt ist „Second Sight“ ein recht großartiges Buch geworden. Es sieht gut aus und bietet viel Content pro Seite, schafft ein gekonntes Spagat zwischen Regel- und Atmosphäretexten, bietet einem als Spielleiter tolle Ansätze für eigene Abenteuer und zahllose Inspirationen über die schnöden Mächte hinaus.
Wenn es etwas an dem Buch zu mäkeln gibt, dann ist es wohl vor allem der Appendix. Das Abenteuer hat meiner Meinung nach in dem Buch nichts zu suchen, dafür aber wäre ein Index schön gewesen. Denn das gewohnt sporadische Inhaltsverzeichnis ist einem nun auch keine Hilfe, wenn man sich einige Wochen nach der Lektüre noch mal fragt, wo nun genau die „Pyrokinesis“ aufgeführt ist.
Aber sieht man einmal davon ab, so ist „Second Sight“ bei seinem Erscheinen wohl mit das beste Supplement, das die generische nWoD bisher so gesehen hat. Liest sich gut, kann man am Tisch verwenden und tolle Ideen für schöne Geschichten findet man auch darin.
Wer auch nur latent Interesse an übernatürlich agierenden Sterblichen hat, der kommt an diesem Buch nicht vorbei.


Name: Second Sight {jcomments on}
Verlag: White Wolf 
Sprache: Englisch
Autoren: Alan Alexander, Will Hindmarch, Conrad Hubbard, Brand Robins und John Snead
Empf. VK.: 26,99 US-Dollar 
Seiten: 160

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