nWoD - Urban Legends

Whispers carry the stories through the generations.
So unreal that people no longer believe.
„Legend.“
The do not realize that legends can be more real than real.
vom Backcover von WoD: Urban Legends

„Urban Legends“ ist der neue generische World of Darkness-Quellenband aus dem Hause White Wolf. Die generische Reihe hat ja in den letzten Monaten einige interessante Auswüchse erlebt, von guten Erweiterungen („Second Sight“) und einem eher unnötigen Waffenbuch („Armory“) über sehr spezielle Titel („Tales from the 13th Precinct“) bis hin zu zweckfremd veröffentlichten Büchern, die eigentlich das Werewolf-Logo hätten tragen müssen („Shadows of the UK“ und „Skinchangers“). Umso mehr freut es mich sagen zu können, dass „Urban Legends“ seit langem noch mal ein ganz klassischer, ganz typischer Band im Stil älterer Veröffentlichungen wie „Mysterious Places“ oder „Ghost Stories“ geworden ist.

Optisch hat der Band seine Höhen und Tiefen. Das Cover ist eine jene seltenen Kombinationen von tollem Motiv und missglücktem Stil. Zu sehen ist offensichtlich Bloody Mary, die einem Spiegel entsteigt und sich einem schreienden Mädchen nähert, die dank clever aufgestellter Spiegel von mehreren Seiten zu sehen ist. So schön das Arrangement, auch gerade mit den Spiegeln, auch geworden ist, der Zeichenstil gefällt mir leider nicht so gut und die Verwendung der typischen, extrem matten, fast grauen Grün- und Blautöne, die typisch sind für die generischen WoD-Cover, macht es nicht gerade schöner. Es geht, aber verglichen mit anderen Titeln des Spiels...
Die Aufmachung ist dabei wie gewohnt matt mit glänzenden Teilen, der Innendruck kräftig und die Bindung, wie verwunderlich, sogar recht gut. Das mag damit zusammenhängen, dass das Buch wieder in Kanada gedruckt worden ist und nicht aus den Billigpressen aus China stammt, die bei den letzten Büchern verantwortlich waren. Leider ist mit den Kanadiern das glänzende Papier nicht wiedergekommen, aber immerhin, es besteht anscheinend ja doch noch Hoffnung.
Das Artwork im Inneren ist von gewohnter Qualität. So eine „Haut mich aus den Socken“-Illu wie in einigen anderen Büchern habe ich nicht gefunden, aber insgesamt kann der Band visuell sicher überzeugen. Ganz nett ist das Arrangement von eMails und ähnlichem im Text, die anders als in vergleichbaren Titeln nicht einfach nur mit anderen Schrifttypen dargestellt werden, sondern schön mit Grafiken ins Layout gebettet wurden.
Ich hatte sogar den Eindruck, die gewerblichen Lektoren von Scribendi.com hätten dieses Mal sogar ihre Arbeit weitestgehend gemacht. Als letzte Anmerkung auf dieser Ebene sei dann vielleicht noch erwähnt, dass „Urban Legends“ der erste WoD-Band sein sollte, bei dem der Copyright-Vermerk nicht mehr auf White Wolf, sondern auf CCP geht. Ist quasi egal, aber für einen der wie ich lange dabei ist, doch eine Art „Wendepunkt“.

Aber egal, genug palavert, kommen wir zum Inhalt. Das Thema von „Urban Legends“ ist ja recht selbsterklärend, die Art der Darbietung dagegen schon kreativ zu nennen. Nach einer längeren und lesenswerten Kurzgeschichte bietet das Buch einem sechs Kapitel. Die ersten fünf davon stellen jeweils eine einzelne urbane Legende sehr ausführlich vor, mit Abenteuerideen, Anregungen, NSCs, Werten – quasi als Abenteuerbaukasten.
Nur Kapitel 6 weicht davon dann ab und liefert kürzere Anregungen in größerer Zahl, aber dazu später mehr.

Die ausführlichen Kapitel sind „Unwilling Organ Donars“, „The Jersey Devil“, „Bloody Mary“, „Alligators in the Sewers“ und „Doppelgängers“. Anders als etwa bei „Ghost Stories“ gibt es in diesem Buch kein exakt einheitliches Format, in dem die Legenden präsentiert werden.
Die Einleitung verrät, dass den Autoren hier viele Freiheiten gelassen wurden, um das entsprechende Thema jeweils bestmöglich darstellen zu können. Und tatsächlich ist es den Autoren gelungen, den meisten Themen einige nette Seiten abzuringen.
Die Abschnitte sind mehr Szenarien als Abhandlungen zu den Themen, aber auch so offen formuliert, dass man etwa mit dem „Bloody Mary“-Kapitel auch durchaus eigene Abenteuer um die Frau im Spiegel bauen könnte. Dankenswerterweise haben die Macher auch auf eine Verwendung von White Wolfs neuem, umständlichen SAS-Abenteuerpräsentationsformat verzichtet und schreiben hier ihre Idee in ganz klassischer Form nieder.
Die Auswahl fand ich anfangs etwas fragwürdig, gerade die Organdiebe waren unerwartet und die Kanalalligatoren sind auch Sicht eines deutschen Lesers ja eher fragwürdig, aber wie bereits gesagt, es ist den Autoren gelungen, die Kapitel sehr inspirierend zu gestalten. Im Falle der Organe etwa ist das Kapitel so arrangiert, dass es einen oder mehrere der Spielercharaktere trifft und es gibt gute Anregungen, wie man daraus ein intensives Abenteuer machen kann. Sowas gefällt mir gut.
Sicher, „Urban Legends“ hat auch mal wieder einige der typischen White Wolf-Ausrutscher. Furchtbar finde ich etwa die Regeln zur Herbeirufung von Bloody Mary, denn ein Storytelling-System hat es doch echt nicht nötig, dass Kinder einen extended Resolve + Occult-Wurf mit einer Schwierigkeit von 8 ablegen, um Bloody Mary zu rufen. Wir stimmungstötend ist das denn?
Aber, wie gesagt, sowas sind hier Ausnahmen und weniger, als man mit einer Hand abzählen kann.

Verbleibt das sechste Kapitel. „Sombody Told Me“ ist eine Sammlung von mehr oder minder bekannten urbanen Legenden und Abenteuerideen. Die Kurzfassungen hier sind immer noch zwei bis drei Seiten lang und ausreichend ausgearbeitet, nur eben nicht bis ins letzte Detail wie die anderen Kapitel.
Hier findet man nun ein Kleid, das immer wieder von Frauen getragen wird, die in die Pathologie gefahren werden, „Bad Candy“, Kornkreise, das mysteriöse „Niemals-Existiert-Haben“ eines Angehörigen, den Mann mit der Hakenhand, Kinder-Tattoos mit Drogenanteil, einen in dieser Welt gefangenen Spirit, mysteriöse Anrufer und verschwindende Anhalter.
Hat mir alles sehr gut gefallen, vor allem sind hier einige richtig gute Ideen untergebracht. Kornkreise etwa sind ja durchaus ein Grund, mal kräftig zu gähnen, da scheint ja kaum noch etwas mit machbar zu sein, was man nicht schon gesehen hat.
Nun, der Betrachtungswinkel, den „Urban Legends“ einem hier serviert, ist tatsächlich noch mal frisch und etwas, woraus man auch anno 2007 noch ein schönes Szenario bauen kann.

Alles in allem hat mir „Urban Legends“ ziemlich gut gefallen. Es steht in der tugendreichen Tradition von „Ghost Stories“ und „Mysterious Places“ und enttäuscht darin auch nicht. Bekannte Konzepte und scheinbar ausgelaugte Ideen werden mit frischem Wind in einer Form erzählt, mit der man am Spieltisch echt etwas anfangen kann.
Wer neue Inspirationen für seine WoD-Kampagne sucht, der kann hier bedenklos zugreifen. Und das sogar noch zu einem im Vergleich mit dem bereits ordentlich alten „Ghost Stories“ unveränderten Preis.
Beide Daumen hoch!


Name: Urban Legends {jcomments on}
Verlag: White Wolf 
Sprache: Englisch
Autoren: Alan Alexander, Russell Bailey, Rick Chillot, Will Hindmarch, Luke Johnson, Amber E. Scott und Malcolm Sheppard
Empf. VK.: 24,99 US-Dollar 
Seiten: 136

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