Vampire - The Requiem - Carthians

„The Kindred are thousands of years old,
if not older.
That doesn‘t mean their social politics have to be.
These are the nights of power
in the hands of people,
not priests and princes.“
vom Backcover von V:tR – Carthians

Einmal mehr ist es soweit, einmal mehr liegt ein „Dingsbuch“ vor uns. „Dingsbücher“ sind eine alte Tradition der WoD und sollten jedem, der sich dafür interessiert, ja auch hinlänglich bekannt sein. Das alte Vampire hatte Clanbooks, das alte Mage dagegen Tradition Books. Hunter erfreuten sich an ... nein, nicht Hunter Books, sondern Creed Books und Werwölfe lasen Tribe Books. Und das neue „Vampire: the Requiem“ hat auch so etwas, hat „Covenant Books“.
Meine drei liebsten Covenants, Lancea Sanctum, Ordo Dracul und The Invictus, haben wir hier ebenso schon besprochen, ebenso der Sonderfall der VII, was uns dann nur noch einen kleinen Rest übrig lässt. Und so fällt unser Augenmerk heute auf das Covenant Book „Carthians“.

Auf den ersten Blick muss man erst einmal attestieren, dass alles irgendwo beim Alten ist. Hardcover, matter Einband mit glänzenden Elementen, soweit, so gut. Ein Blick ins Innere dagegen macht schnell klar, dass leider doch wieder alles beim Neuen ist. Wie schon der „Requiem Chroniclers Guide“ kommt auch „Carthians“ in der neuen, chinesischen Verarbeitung daher, was man dem Druck und – vor allem – auch der Papierqualität deutlich anmerkt. Kein Hochglanz, keine Beschichtung, nur mattes Standardpapier. Das ist schade, doch nicht so bedauerlich wie die Qualität der Bindung, die mit den über 200 Seiten des Buches ziemlich überfordert ist und nach erstmaligem Aufschlagen schon fröhlich knackt und ächzt.
Das ist schon mies genug, doch geht‘s noch weiter – der Text ist eindeutig größer als in den Vorgängern, mutmaßlich 14pt. Doch obschon die Produktionsqualität deutlich schlechter ist, der Druck im billigen China erfolgte und effektiv weniger auf den Seiten steht, entspricht der Preis exakt dem der beiden Vorgänger. Das ist schon eine Frechheit und wenn ich auch befürchte, dass es der Ist-Zustand von Morgen ist, so kann ich das doch nicht kritiklos im Raume stehen lassen.

Eine Augenweide ist der Band aber ohnehin nicht. Das Cover ist ganz nett, die anorganischen Objekte darauf sogar unglaublich plastisch, aber vom Hocker reißt es einen trotzdem nicht. Die Qualität der Innenillustrationen schwankt zwischen grausam und okay mit starker Tendenz zum unteren Mittelfeld, das Layout selbst aufgrund des großen Textbildes ein Angriff auf die Augen und nur ganz und gar scheußlich anzuschauen.
Der gesondert verarbeitete Einleitungsteil, der einmal mehr eine Kurzgeschichte von Greg Stolze darbietet, ist aber sogar die absolute Krönung, ist hier das Papier doch effektiv schlechter als im Rest des Buches.

Das Buch „Carthians“, rein als physisches Objekt, erreicht also schon mal in keinem der oben genannten Punkte die Qualität seiner Vorgänger. Schauen wir also mal, ob der Inhalt mithalten kann...
Bei der Aufteilung des Buches gibt es keinerlei Überraschungen zu vermelden. Es gibt eine Einleitung, fünf Kapitel und einen Appendix. Die Einleitung ist dabei bereits recht lesenswert und gibt auch auf einer Metaebene einen winzigen Einblick, warum man diesen Bund Monarchie-abgewandter Vampire überhaupt eingebaut hat und woher sich beispielsweise ihre Name ableitet. Das ist ganz praktisch und ein guter Einstieg.

Das „History of the Carthian Movement“-Kapitel ist dagegen eher dröge zu lesen. Die Wurzeln des Covenants liegen im 18. Jahrhundert, weshalb es hier nun keine tollen Mythen, alten Rätsel und machtvolle Geheimnisse gibt, sondern vielmehr aus Amsterdam stammende Revoluzzer, Kaffehaus-Vampire und dergleichen mehr. Das ist als Konzept noch nicht einmal so uninteressant, aber rein rollenspielerisch an alles, nicht aber an diesen Geschichtsrückblick gekoppelt.

Die nächsten beiden Kapitel – zusammen sind es fast 100 Seiten – bieten ebenfalls dann genau das, was man erwartet hat. „Unlife in the Carthian Movement“ widmet sich der Identität, der Philosophie und den Verantwortungsbereichen der Carthians und beschreibt damit sozusagen, was diese Vampire hier im Innersten zusammenhält.
„Carthian Movement and the Danse Macabre“ ist dagegen der große Überblick über politische Ausrichtungen, allgemeine Strömungen, Traditionen und Praktiken des Movement. Positiv hervorzuheben ist sicherlich, dass das Buch gerade auch hier aufzeigt, dass nicht alle Carthians Demokraten sind und auch andere Glaubensrichtungen existieren, aber wirklich gepackt hat mich auch hier leider nichts.

Das vierte Kapitel bietet, auch das ist von den Vorgängern her bekannt, „Factions and Bloodlines“. Wie immer haben sich die Autoren sichtlich bemüht, auch ein paar weniger klischeebehaftete Beispiele einzubinden und dem Covenant so mehr Farbe zu verleihen.
Zunächst werden mit den Individualisten, der Kollektivisten und denen, die dem Mittelweg dazwischen folgen, drei generelle Machtgruppen vorgestellt, in die sich die Carthians grob unterteilen lassen. Danach werden einige Allgemeinplätze geklärt, bevor dann Untergruppen des Covenants folgen. Da gibt es die Anhänger der Bodhisatcracy, deren Anhänger von einem Mentor aus dem Golconda ins Golconda geführt werden wollen, die selbsterklärenden „Carthian Atheists“, die nihilismusgetriebenen „Sabotage Artists“, die etwas freakige „Anti-Obstructionist Army“, die sprechend benannten „Oppositionists“ und die sogenannten „Paranormal Phenomena Investigation Cadres“.
Das ist soweit ganz nett, wenn ich die Texte an sich auch weniger inspirierend fand, als sie hätten sein können. Es sind nette Ideen darunter, etwa die „Paranormal Phenomena Investigation“-Geschichte, doch irgendwie wirkt alles etwas zu unbeeindruckend und gleichgültig.
An Blutlinien gibt es neu die Barjot, Gangrel mit gewissen Zigeuner-Tendenzen, die zorngetriebenen Deucalion (Ventrue) und die eher mysteriösen Zelani, die sich stark über ihre geheimnisvolle Gründerin Lorna Zelan definieren; auch kein so richtiger Hammer dabei, alles gewohnte Hausmannskost.

Das gilt dann so auch noch mal für das fünfte Kapitel – “Rules and System“. Auf Infos zum „Carthian Law“ folgen hier dann noch neue Merits (neun Social, und je einer Physical, Mental und Supernatural), bevor es die gewohnten neuen Disziplinen und „Devotions“ zu lesen gibt. So können Deucalion-Anhänger die Disziplin „Impurity“ erlernen, die aus den Schwächen der anderen Clans ihre Kraft zieht, wohingegen die Zelani mit „Serendipity“ geradezu Meister der richtigen Gelegenheit und richtigen Sprüche zu eben jenen Gelegenheiten sind.
Massenhafte Devotions waren mir mal wieder zu viel des Guten, aber insgesamt bleibt auch dieses Kapitel eher blass.

Der Appendix schließlich sammelt einmal mehr haufenweise NSC-Werte zum späteren Gebrauch. Ob man das nötig hat, ist eben die Frage – sicher jedenfalls ist es, dass hier wirklich mal ein paar coole und neue Ideen versteckt wurden, mit denen man arbeiten kann ... dann ist das Buch aber auch schon zu Ende.

Zu sagen, „Carthians“ hätte mich enttäuscht wäre falsch, bin ich doch eigentlich gänzlich ohne Hoffnung an den Band herangetreten. Leider wurde ich darin aber eher bestätigt denn widerlegt, denn das Buch ist vor allem eines: gesichtslos.
Wer jetzt auf „Carthians“ steht und mehr Infos braucht, der wird hier sicherlich fündig werden. Allen anderen sei dagegen eher zu einem der drei ersten Covenant Books geraten, wenn es nun nicht wirklich unbedingt Carthians sein müssen für die heimische Kampagne.
Hier wurde deutlich Potential verschenkt, denn man hätte viel machen können aus dem Konzept antimonarchischer Charaktere; herausgekommen sind bisweilen alberne Abziehbilder schlimmster Klischees.
Ganz klar: für mich zählt „Carthians“ zu den mit Abstand schwächsten Büchern, die ich bisher für die neue WoD gelesen habe; unter den Dingsbüchern ist es sogar definitives Schlusslicht bisher; von der Unschämtheit des Preises und der mangelhaften Verarbeitung des Buches an sich mal ganz zu schweigen...


Name: Carthians {jcomments on}
Verlag: White Wolf 
Sprache: Englisch
Autoren: Ray Fawkes, Matthew McFarland, Ian Price und Greg Stolze
Empf. VK.: 31,99 US-Dollar 
Seiten: 224

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