Vampire - The Requiem - New Orleans – City of the Damned

„You‘ll find everything a Kindred might want here – willing vessels, easy Vitae, precious power and a chance to claim a domain all your own.“
vom Backcover von New Orleans – City of the Damned

Es schwebt eine gewisse morbige Atmosphäre über dem vorliegenden Band, wenn auch aus anderen Gründen, als die Autoren das vorgesehen haben. „New Orleans – City of the Damned“ (im Folgenden einfach „New Orleans“ genannt) ist ein Quellenbuch zu einer Stadt, die jüngst von einer Naturkatastrophe nahezu vollkommen vernichtet worden ist.
Eine der ältesten Städte der USA, doch nun nur noch ein Ausnahmegebiet. Das konnte natürlich niemand wissen, als das Buch in der ersten Hälfte 2005 veröffentlicht wurde. Dennoch wirkt es schon etwas gespenstig, und dass die eröffnende Kurzgeschichte „The Coming Storm“ heißt, hilft nicht wirklich weiter.
Ich werde in der folgenden Rezension allerdings nicht weiter auf diesen Fakt eingehen. Ich vermute allerdings, dass das Buch so bald keinen Reprint sehen wird; wer also gerne eine Ausgabe hätte, der sollte ein Exemplar der aktuellen Druckauflage erwerben, solange er noch kann.

Das Cover des Bandes ist sehr schön geraten, wenn es mir persönlich auch fast schon zu dick aufträgt. Aber nur fast. Wir sehen eine dunkelhaarige Gothicfrau in verzückter Pose, Blut benetzt ihre Hand. Im Hintergrund erkennen wir einen Friedhof (sowie eine Gestalt, die ein Nosferatu sein sollte) sowie eine Engelsstatue, die direkt hinter besagter Dame aufragt. Es wirkt recht voll, ist R. K. Post aber zeichnerisch sehr gut gelungen.
Einzig eine etwas unelegante Verarbeitung seitens der Druckumsetzung fällt auf. Denn auch dieses Mal arbeiten White Wolf wieder mit Glanzfolienabhebungen auf mattem Grund und auch dieses Mal ragt ein Element des Covers wieder in das Logo ein. Wo allerdings bei späteren Bänden wie „Lancea Sanctum“ oder „VII“ das einragende Element matt ist und so wunderschön den Glanz „überlagert“, wurde das hier noch nicht gemacht. Der Teil des Engelskopfes, der über das Logo hinweggeht, glänzt dann eben auch.
Das ist ein gespaltenes Haar, sicherlich, aber wer sonst die besten Rollenspielcover des Marktes produziert, fällt auch mir solchen Kleinigkeiten auf.
Dafür ist die Innengestaltung bravourös. Verschiedene Künstler mit ähnlichen Stilen wurden ausgewählt, wodurch das Buch abwechslungsreich, aber doch stimmig wirkt. Man wird eigentlich durch die Bilder direkt in eine passende Stimmung für die „Stadt der Verdammten“ versetzt.

Inhaltlich war ich dagegen schon gespannter, hatte das Grundbuch doch schon einen Appendix zu New Orleans und war da eigentlich nicht durch genug Abwechslung aufgefallen, dass ein ganzer Quellenband zur Stadt sinnvoll erschien.
„New Orleans“ behilft sich da mit einem Kniff. Denn gleich zu Beginn wird klar gemacht, dass das, was im Grundbuch stand, nur die Spielerseite des Wissens darstellt. All die kleinen, düsteren Geheimnisse, die soziale Geflechte interessant für eine spannende Geschichte machen, all die fehlen dort halt.
Das hat Vorteile, etwa, dass man Spielern das Grundregelwerk ohne Sorge überlassen kann. Es hat aber auch Nachteile, denn im Endeffekt halte ich diese Theorie für nur bedingt glaubwürdig. Zumindest mehr Vorausdeutungen im besagten Appendix hätten ein schöneres Fundament für den vorliegenden Quellenband geschaffen.

Dessen Gliederung weicht tatsächlich einmal vom bekannten Schema ab, wenn auch nur marginal. Auf den Prolog folgen nicht fünf, sondern gleich sechs Kapitel zur Stadt, sowie der gewohnte Appendix.
Schon der Prolog ist umfangreicher geraten, als man da aus anderen Bänden kennt. Neben allgemeinen Worten, einer Inhaltsübersicht und dem gewohnten „Thema und Stimmung“-Abschnitt gibt es hier auch gleich ein erweitertes Glossar sowie mehr als eine Seite mit Ressourcen aus Literatur, Film, Musik und Internet. Abgesehen davon, dass ich mir bei einigen der Glossar-Einträge Aussprachetipps gewünscht hätte, gefällt dieser Teil aber schon sehr gut und stimmt geschickt auf das ein, was folgt.

„A Look Back at The Big Easy“ ist dann das erste richtige Kapitel und bietet einen historischen Überblick, angefangen in den 1720ern bis heute. Abgesehen davon, dass mancher Europäer sicherlich lächelnd zur Kenntnis nehmen wird, was für Amerikaner offenbar schon alles „ancient“ zu nennen ist, ein sehr schönes Kapitel. Vor allem werden hier geschickt die reale Geschichte der Stadt und die fiktiven Hintergründe der Vampirgesellschaft elegant verwoben und für Erzähler inspirierend präsentiert.

Kapitel zwei bietet verschiedene „Points of Entry“, insbesondere für neue Vampire in der Stadt. Wie ist New Orleans aufgebaut, was für Riten und Gebräuche herrschen hier vor. Vor allem aber auch: Was für Verhaltensregeln herrschen für den vampirischen Teil der Bevölkerung, sowohl allgemein als auch in den einzeln regierten Stadtteilen. Man merkt schnell, dass schon vorausgesetzt wird, dass der Leser mit dem New Orleans-Teil des Grundregelwerks vertraut ist, wenn er hier mit Namen wie Vidal, Savoy oder Cimitiere konfrotiert wird. Aber hey, ich denke, das kann man so auch erwarten. Jedenfalls werden hier all die interessanten Namen von der Karte des Grundregelwerks endlich mit Farbe gefüllt, so dass man damit auch etwas Interessantes erzählen kann.

Ab dem dritten Kapitel wird der Stoff dann langsam härter, denn die „Games of the Elders“ stehen bevor. Hier werden all die wichtigen Spieler näher vorgestellt und, in einem zweiten Abwasch, mit Werten versehen. Angefangen bei Prinz Augusto Vidal und seinen Verbündeten über seinen Rivalen Antoine Savoy bis hin zum mysteriösen Cimitiere werden hier alle Beteiligten ausführlich beschrieben und in Bezug zueinander gesetzt. Wer noch aus alten V:tM-Büchern diese Beziehungsdiagramme kennt, wird sich schnell wie daheim fühlen.
Interessant ist, wie stark die Charaktere teilweise ausgebaut wurden. Alleine Vidal, der im Grundbuch bei mir kaum einen anderen Eindruck als „der Prinz halt“ hinterlassen hatte, wird hier plötzlich zu einem ambivalenten Charakter mit einigen dunklen Geheimnissen, die auch die Stadt selbst gleich viel spannender erscheinen lassen.
Was etwas stört ist besagter „zweiter Abwasch“. Warum erst alle Charakter mit beschreibenden Texten aufgeführt und auf einer Illu gezeigt werden, nur um auf den Folgeseiten dann noch einmal aufgeführt zu sein, diesmal aber mit Werten, einer kürzeren Beschreibung und erneut einem Bild, das hat sich mir nicht wirklich erschlossen. Vor allem verstreut es Informationen, die sowieso nur zusammen wirklich Sinn machen, quer durch das Buch.

Somit sind wir im vierten Kapitel angelagt, „Wheels within Wheels“. Schnell erkennt man, dass hier das gleiche Schema wie im Kapitel zuvor gewählt wurde, nur wie eine Hierarchieebene tiefer sitzen. Kapitel 4 kümmert sich um die Ancillae der Stadt, mit dem gleichen Grad an spannenden Details und dem gleichen Strukturproblem.

Man kann daher auch schon erraten, was das fünfte Kapitel darstellt, erst Recht, wenn es „Working the Street“ heißt. Es folgt ebenfalls dem oben genannten Schema, nur haben wir jetzt die niedrige Ebene der Neonates erreicht. Sicherlich für die Anwendung am Spieltisch das interessanteste Kapitel, denn man kann zwar in den Geschicken der ganz Großen der Stadt mitmischen, wer aber nun eher auf persönlichen Horror aus ist, der ist auf dieser Ebene hier besser aufgehoben.
So findet man hier auch direkt viele schöne Anregungen, wie man gute Geschichten erzählen kann, ohne gleich die gesamte Stadt aus den Fugen zu werfen. Das ist schön, vom Grundbuch her so auch nicht zu erwarten gewesen, wenn das mit dem doppelten Abwasch natürlich auch hier wieder vorliegt.

Was nun aber wird uns das sechste Kapitel bieten, welches es bei den neuen WoD-Büchern ja eher selten gibt. Richtig: „Storytelling“. Hier wird einmal sehr umfassend demonstriert, was man nun also mit all dem Wissen so anfangen kann, das in den bisherigen Kapitel so geboten wurde. Was für Geschichten kann man da erzählen? Was für Konflikte kann man ausnutzen, was für Themen aufgreifen? „New Orleans“ bietet eine Menge davon und macht es neuen Spielleitern mit diesem Kapitel auch ziemlich einfach, davon zu profitieren.
In diesem Bezug ist man von den neuen Büchern ohnehin nur Gutes gewohnt, doch trotzdem verdient das sicherlich Lob.

Bleibt „The Dead Travel Fast“, ein Beispielabenteuer als Appendix. Das Dingen ist sauber strukturiert und generell gut zu lesen bzw. leicht zu leiten, aber einfach zu kurz, um mehr zu sein als ein nettes Szenario zum Auftakt. Ganz auf eigenen Beinen kann die Geschichte in meinen Augen nicht stehen.

Was sagt man also abschließend zu „New Orleans“? Genormte 144 Seiten für genormte 26,99 US-$, spannend geschrieben, mit vielen knackigen Details und ungeahnt vielen Ideen für ein im Grundbuch eher mau erscheinendes Szenario, dazu schön gelayoutet und illustriert.
Es bleibt als Fazit, was man so oft bei der neuen WoD sagen muss: Wen das Thema „New Orleans als Stadt für Vampire“ interessiert, der bekommt hier einen sehr exzellenten Band dazu. Wer dagegen für so etwas keine Verwendung hat, der braucht das Buch auch nicht; es ist nichts drin, was nicht auch drauf stünde.
Allerdings muss man sagen, dass „New Orleans“ sicherlich eine lohnende Lektüre ist, auch wenn es darum geht, Anregungen für seine eigene Stadt zu finden, sei es nur über die Form der Ausgestaltung. Falsch macht man bei diesem Band nichts.


Name: New Orleans – City of the Damned 
Verlag: White Wolf
Sprache: Englisch{jcomments on}
Autoren: Ari Marmell und C.A. Suleiman
Empf. VK.: 26,99 US-Dollar
Seiten: 144

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