Tome of Corruption – Secrets from the Realm of Chaos

Seize the Power of Chaos
vom Backcover von Tome of Corruption

Dimmt die Beleuchtung und zündet die Kerzen an, liebe Leser. Staubt die Totenschädel ab, werft die Räucherstäbchen an und hüllt euch in eure besten schwarzen Roben, liebe Leser, denn es ist da. Lange war es erwartet, die Ansprüche ins Unglaubliche gehoben, doch nun liegt es vor: das „Tome of Corruption“.
Das Buch, das sich anschickt, das Erbe der beiden alten „Realms of Chaos“-Bände anzutreten, liegt nun neben mir. Umfangreich ist es sicherlich geworden und ist nach dem Grundbuch und „Realms of Sorcery“ der nunmehr dritte Band, der mit über 250 Seiten Umfang und Wrap-Cover erschienen ist. Doch wie kann sich das Buch behaupten, in einem Sandkasten, in dem schon ganz andere ganz große Fußstapfen hinterlassen haben? Nicht nur, dass da die beiden RoC-Bände waren, die nicht zuletzt dadurch, dass man sie nur noch für gigantische Beträge bei eBay erwerben kann, Legendenstatus erlangt haben, so viele Fans haben. Auch GWs eigene Liber Chaotica-Reihe war sicherlich gut und nach der bunten Phase, die das Tabletop zeitweise mal hatte, ein sehr richtiger und wichtiger Schritt zurück zu alter Größe. Mehr noch: das „Liber Chaotica Complete“ dürfte eines der dicksten und zugleich schönsten Bücher sein, die ich besitze.

Und nun also das „Tome of Corruption“. Das BI in Sachen Layout eher Handwerker als Künstler sind weiß man mittlerweile und das ToC stellt da keine Ausnahme dar. Während das Cover noch düster, cool und vor allem Warhammer-typisch ist, sich zudem schön an den Stil des „Realms of Sorcery“ hält, ist gerade der Satz im Inneren sehr zweifelhaft. Die zitronengelben Titelschriften der ganzen Reihe gibt es auch hier wieder, die Rot- und Orangetöne der Gestaltung sind hier aber weitestgehend Lila- und Violetttönen gewischen. Das sieht bestenfalls schräg aus, insgesamt aber schon eher scheußlich. Da können die wuchtigen Outlines und Schattenwürfe der Textkästen auch nichts dran ändern, die hier Einzug halten, denn schön sind auch die nicht. Es gibt einige, wenige seitenfüllende Bilder und auch wenn das Artwork an sich voll in Ordnung geht, so bemerkt man hier bei näherer Betrachtung öfters Raster und aufgequollene Pixelhaufen – alles irgendwie nicht wirklich schön.

Auf der anderen Seite ist das Buch sehr, sehr gut gefüllt worden. Neunzehn (!) Kapitel haben es dort hinein geschafft, untergliedert in vier Teile und gefolgt von zwei Appendices. Ich denke, es ist jedem am Besten damit gedient, wenn ich mich dort einfach mal entlang hangele.
„Part 1: The Enemy Within“ trägt einen wohlig vertrauten Kapitel und beschreibt schon mal ganz gut, worum es geht: Es geht um das Chaos, das überall verborgen liegt und lauert.
„Chaos in the Old World“ ist ein nettes Geschichtskapitel, das einmal ausführlicher beschreibt, wie das Chaos in die Welt gekommen sein könnte und wie es sie langsam immer mehr verdorben hat. „The Lost and the Damned“ schildert recht nett die In-Time-Seite des Mutanten-Themas, beschreibt, wie die Leute der Alten Welt der Gewandelten gegenüberstehen und wie man mit ihnen umgeht. Regeltechnisch ergänzt wird das durch „A Catalogue of Change“, in dem nicht nur die W1000-Tabelle für Mutationen aus den alten RoC-Büchern ihr Revival feiert, sondern auch ganz untypisch für BI richtig gute, handfeste Regeln mitgeliefert werden. Jede der Mutationen hat einen „Fear“-Faktor, der aufaddiert wird, wenn mehrere Mutationen einen einzigen Träger treffen und dessen Gesamtwert insgesamt bestimmt, ob ein Charakter vielleicht „Menacing“ oder gar „Terrifying“ ist. Sehr schön. Einfach, aber gut.
„Cults of Chaos“ ist ein schöner Hintergrundteil über Beweggründe für normale Menschen, sich auch dem Chaos anzuschließen. Es hat mir sehr gut gefallen, wie hier einmal der Mythos des gnadenlosen Erzschurken entkräftet wird und hier Kultisten im Zweifel gar zu bemitleidenswerten Opfern werden, ohne das man ihnen das Böse nimmt. „Objects of Chaos“ rundet den ersten Teil dann ab, wenn auch nicht wirklich spektakulär. Der Abschnitt ist nicht schlecht, aber die Frische des vorigen Abschnitts fehlte mir hier etwas.

„Part 2: Shadows of Chaos“ ist ein ganz kurioses Sammelsurium von Dingen, denen man im Spiel als Charakter begegnen kann, vermutlich aber nicht will. „The Places Between“ entführt den Leser in die Wildnis und beschreibt alles zwischen Wegsteinen und verlassenen Dörfern, was man da so gebrauchen kann. „Beasts of Chaos“ erweitert die bisherigen Beschreibungen der Beastmen aus dem „Old World Bestiary“ und dem Grundbuch gehörig, bis hin zu dem in meinen Augenen etwas zweifelhaften Punkt der Charaktererschaffungsregeln. Wozu ist das drin, wenn das Buch doch selber sagt, dass nur Kranke mit Spaß an Folter und dem Verspeisen von Kindern für solche Charaktere geeinget sind? „Menangerie of the Strange“ bietet Amalgamation Beasts, Baslisiken, Chaos Slime und Dragon Ogres sowie zahllose weitere Biester als Gegnertypen im gewohnten Stil, kurioserweise sogar mitsamt der Slaughter Margin. Warum gibt es die hier wieder, nachdem diverse Bücher seither wie „Karak Azgal“ darauf verzichtet haben? Naja, egal. Zu den Charaktererschaffungshinweisen für Chaosriesen, Chaosoger und Chaostrolle gilt dann aber das gleiche, wie das, was ich schon zu den Tiermenschen sagte.
„Defenders of the Empire“ ist dann aber mal so richtig fehl am Platze. Wir erinnern uns: In „Sigmar‘s Heirs“ war der Exorzist drin, nebst einem Shallya-basierten Zauber zum Austreiben böser Geister, der da eigentlich gar nichts zu suchen hatte. In „Realms of Sorcery“ waren diverse Infos zu Hexenjägern in das „Hexen“-Kapitel gerutscht und dort ausformuliert worden. Hier nun kriegen wir weitere Hexenjäger-Infos, weitere Chaos-Gegner wie die Cloaked Brothers oder die auch schon wieder an diversen anderen Stellen umrissenen Knights Panther. Höhepunkt ist dann das sigmarische „Ritual of Exorcism“, das man nicht mit den Zauber „Exorcism“ verwechseln darf und das nun hier vorgestellt wird. Hallo BI, so strukturiert man seine Bücher nicht! Der Exorzist und seine Zunft werden bislang in drei Büchern beschrieben, von denen keines wirklich thematisch passend war. Ich bin ja mal gespannt, was das jetzt gibt, wenn kommendes Jahr auch noch das „Tome of Salvation“ auf den Markt kommt...

Auch ganz kurios ist „Part 3: The Chaos Wastes“. Auch das erste Kapitel da heißt „The Chaos Wastes“ und beschreibt jenes öde Land, dass von gefrorenen Schlachtfeldern, verderbten Landstrichen, furchtbaren Monolithen, Stürmen und absurden Begegnungen dominiert wird. Der nächste Abschnitt beschreibt „Norsca“ und liest sich wie eine Kurzfassungen der typischen Regionalbände der Reihe. Das sei nicht missverstanden – das ist hier als Kompliment gemeint. Auf schöne. kompakte Weise kriegt man hier eine ganz neue Region präsentiert, die geradezu nach Abenteurern schreit.
„Hordes of Chaos“ beschreibt danach relativ ausführlich die Kurgan, um danach den Rest vom Themenkomplex, also die Hung, die Darksouls, die Chaoszwerge und die Dunkelelfen recht rigoros durchzukloppen. Nicht zu knapp, aber nah dran. Ich nehme an, hier wollte man sich bei BI noch ein paar Türen für weitere halb repetative Bücher offen halten.
„Slaves to Darkness“ ist dann der vorletzte Eintrag des Abschnitts mit Chaoschampions, Chaoszauberern und massiv erweiterten „Rewards of Chaos“, gefolgt von der „Chaos Armoury“, die auch wiederum wenig Überraschendes, aber mancherlei ganz nützliches präsentiert.

Bleibt noch „Part 4: Realm of Chaos“. „The Ruinous Powers“ ist eine umfassendere Beschreibung der vier großen Chaosgötter, mit „Quellenzitaten“ und viel einer Beschreibung, wie die „guten“ Götter das im Grundbuch schon hatten, also inklusive Glaubensrichtlinien und ähnlichem. „Beyond the Wastes of Chaos“ ist dann was ganz tolles. Was liegt jenseits der Chaos Wastes, wo das Land direkt in die Realms of Chaos übergeht? Tolle Ideen inklusive dem lovecraftschen Traum der „Inevitable City“ machen den Abschnitt zu einer kleinen, aber feinen Goldgrube.
„Chaos Sorcery“ danach ist sozusagen das „Realms of Sorcery“-Addon für Chaoszauberer. Hintergrunddetails, neue Nebeneffekte und natürlich auch hier ausgebaute Spruchlisten mit Elemental, Cardinal und Mystical-Abschnitten. Einige Elemente davon, etwa die Chaos Dice, kennt man so bereits aus Realms of Sorcery, aber hier wird nicht zu viel wiederholt.
„Legions of Chaos“ erweitert das Bestiarium dann noch um diverse Dämonen aller Chaosgötter sowie ein paar allgemeine, kleinere Gestalten. Außerdem gibt es da Dämonenersschaffungsmechanismen, die allerdings bisweilen etwas bockig sind. Beispiel gefällig?
Nun, es gibt da diese Tabelle zum Erwürfeln von Dämonennamen. Mein testweise erwürfelter Greater Daemon of Khorne hieße demnach Aicssbbedphrgaaaic. Selbst mit noch so vielen Apostrophen mag ich da keinen eindrucksvollen Namen drin erkennen. Ich bin jedenfalls unüberzeugt.
Greater Daemons kriegen in „Masters of Chaos“ dann auch noch ihr eigenes Spotlight, das sich gut liest, sehr an der Spielpraxis orientiert ist und wirklich sinnige Anmerkungen zur Verwendung dieser Beinahe-Götter macht – und damit ist das Buch dann auch aus.

Appendix I ist ein „The Nature of Chaos“ genannter In-Time-Text, Appendix II erweitert einmal mehr Tzeentch‘s Curse. Dann folgt nur noch ein sehr guter Index, weitaus besser als der, den „Realms of Sorcery“ noch hatte und aus ist das Buch.

Da gibt es vieles, was man jetzt am Ende gegeneinander aufrechnen könnte. Die zahllosen Abenteuerideen in dem Buch etwa sind noch klare, bislang unerwähnte Pluspunkte, wogegen der gute Schreibstil ja schon genannt wurde, aber dennoch wichtig ist. Was mich vor allem stört, neben der etwas misslungenen Optik, ist die furchtbare Struktur des Buches.
Abseits der Inhalte, die sich teils komisch mit anderen Büchern überschneiden und mal sehr ausführlich, manchmal aber auch sehr knapp ausfallen, finde ich den Aufbau auch innerhalb des Buches nicht wirklich schlüssig.
So hätten die Kreaturen- und Dämonenkapitel etwa zusammen gehört, damit es ein kompaktes Bestiarium ergibt. So muss man aber wild umherblättern, genauso wie diverse andere Themen geradezu durch das Buch gestreut wurden. Das nervt.
Genauso hatte ich den Eindruck, die Macher wussten echt nicht recht, was jetzt in das Buch soll und was nicht. Der dritte Part des Buches wäre sicher auch mit etwas mehr Mühe ein toller Regionalband geworden und läge jetzt nicht so verloren im ToC. Dann hätte man den Rest auch sauberer sortieren können, die Gegenseite komplett ins „Tome of Salvation“ auslagern können und hätte mehrere, sauber sortierte, spezifische Bücher gehabt.
So bleibt das, was nur Thema, nicht Produkt hätte sein sollen: Chaos.

Allerdings ist eder Band innhaltlich exzellent, so dass ich dennoch sagen muss: Wer WFRP spielt, der kommt am ToC nicht vorbei. Man kauft vermutlich Dinge mit, die man nicht will, aber ohne das Buch fehlt einem einfach etwas Farbe in der Spielwelt. Das „Tome of Corruption“ ist eines der besten Bücher der Reihe bisher. Was aber nicht heißt, dass BI nicht einmal mehr endlos viel Potential verschenkt haben...


Name: Tome of Corruption 
Verlag: Black Industries 
Sprache: Englisch
Autoren: Robert J. Schwalb{jcomments on}
Empf. VK.: 39,99 US-Dollar 
Seiten: 256

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