Shadowrun 4 - Bodytech

„BodyTech ist das Regelwerk zur fortschrittlichen Körpermodifikationen für die vierte Edition von Shadowrun.“
vom Backcover von BodyTech

Das vorliegende Buch ist das zweite deutsche Shadowrun-Buch, das unter dem geflügelten Pferd von Pegasus erscheint. Wer sich über den Titel wundert, obschon auch Englisch ist es der Titel der deutschsprachigen Ausgabe des Buches, das im Original „Augmentation“ heißt. Ist was kompliziert, aber ehrlich gesagt finde ich den deutschen Titel nicht nur stimmig, sondern sogar besser, da der englische Name irgendwie immer zu suggerieren scheint, dass es um die 'augmented reality' geht; was so schlicht nicht der Fall ist.
Aber apropos besser: Wurde das englische Buch noch von einer mittelschweren optischen Katastrophe aus der Feder von Marc Sasso verunziert, hat auch „BodyTech“ wieder einen neuen Umschlag spendiert bekommen. Es war wieder Arnd Drechsler am Werk, das Bild sieht phantastisch aus und erinnerte mich persönlich sehr angenehm an den Anfang von „Ghost in the Shell“. Sehr ansehnlich, auch wenn es dem einen oder anderen vielleicht etwas zu leicht bekleidet sein könnte – aber hey, ist ja auch kein Spiel für Kinder.

Der Rest der Aufmachung ist gewohnt hoher Pegasus-Standard (ohne Lesebändchen, sehr schade; in einer möglichen zweiten Auflage will man es aber ergänzen) mit schwarzweißem Innenteil und alles in allem überdurchschnittlichen Illustrationen. Es gibt da ein zwei Ausreißer nach unten, aber die bleiben genau das: Einzelfälle. Alles in allem ein schönes Buch, dem vor allem gemeinsam mit dem „Arsenal 2070“ etwas gelingt, was die ganze 4er-Palette von FanPro nicht geschafft hat: Schon jetzt erwecken die Bücher einen einheitlichen und koordinierten, graphischen Stil. Schön. Alles aus einem Guss.

Aber genug der Optik zugesprochen, schauen wir einmal auf den Inhalt. Das Buch ist in sieben große Kapitel gegliedert, die sich je einem recht gut abgegrenzten Unterthema widmen. Dabei ist gleich das erste Kapitel, „Stiche und Ersatzteile“, noch nicht mal eine der erwarteten „Warenlisten“, sondern beginnt mit allgemeinen Informationen zum Thema. So etwa über die medizinische Versorgung 2070, über Organschmuggel oder eben auch über regeltechnische Fragen wie neue Gaben und Handycaps (Bodysystemüberlastung (S. 21) – ganz großer Spaß). Hat mir gut gefallen, ist knapp, aber auf den Punkt und gibt der Sechsten Welt des Jahres 2070 einige neue Facetten.

Danach folgen sie aber, die Produktkataloge. Die Kapitel 2 bis 5 heißen demnach „Cybertech“, „Biotech“, „Gentech“ und „Nanotech“. Hier findet man dann auch das gewohnte Sortiment an praktischen und obskuren Körpererweiterungen. Um es exemplarisch anhand der Cyberware aufzuzeigen: Da stehen halt klassische Ideen wie Kompositknochen und die guten, alten Move-by-Wire-Systeme neben James-Bond-Gimmicks wie der Mund-Pfeilpistole, Absurditäten wie dem Balanceschwanz oder den Cyberflossen bis hin zu, naja, Dingen wie Glasfaser-Haaren oder aufpumpbare beste Stücke.
Dazu gesellen sich auf eine Reihe wirklich cooler Produkte wie Tätowierungen auf Nanitenbasis, die man einfach auf ein neues Motiv umprogrammieren kann, oder die Endosymbionten, bottichgezüchtete Lebensformen, die im Körper des Nutzers leben und dort Einflüsse auf sein Biosystem haben.
Aber ebenso findet man auch hier Hintergründe, Zusatzinformationen und – ein gewaltiges Plus – Shadowtalk. Nicht so massiv und so kultig wie die alten 2er-Sachen zumindest in nostalgischer Verklärung wirken, aber stringent, gut gemacht und schön eingefügt.

Es folgen noch zwei Kapitel. „Medtech für Fortgeschrittene“ bietet weitere Regeln zu Anwendung und Pflege der Implantate, zu der Zeit unter dem Messer, zu Krankheiten, Pathogenen und Medikamenten, die man im Gegenzug zücken kann.
Sieht soweit alles gut aus, muss aber jeder selber wissen, wie viele Regeln seine Shadowrun-Runde haben soll. Aber gerade die Krankheiten und Medikamente haben sicherlich auch das Potential, manchen Plot ein wenig auszubauen.

Der letzte Abschnitt präsentiert dann unter dem Titel „Novaheiß“ einige spannende Abschnitte: Biodrohnen („den aktuellen Trend in der Konzernsicherheit“), Cybermantie und Cyborgs. Das Ganze ist schön getrennt in einen Atmosphäre-Text und einen Abschnitt Spielinformationen. Da ist auch einiges zu finden, womit man schöne Sitzungen erleben kann – gerade die Biodrohnen-Schwärme haben es mir angetan.
Das Kapitel wirkt ein wenig wie der große „Was noch übrig war“-Abschnitt, aber das tut dem Inhalt keinen Abbruch. Viel Potential auf wenig Seiten.

Abschließend kann man noch lobend erwähnen, dass immer mal wieder kleine Elemente in dem Buch verankert wurden, die einfach etwas Flair verbreiten. So gibt es auf Seite 28 einen Textkasten, der die „Bioshops im Seattle Metroplex“ aufzählt. Aufgemacht wie eine Internetsuche finden sich da Einträge wie „Executive Body Enhancements“ (Platz 1) bis hin zu „Dr. Bobs Quickstitch-Klinik“ (dritter Eintrag von unten). Auch grandios: Die Werbeanzeige von Worldwear Metatribe auf S. 105, die man aber besser selber lesen sollte.

Somit kann man nur sagen: „BodyTech“ ist schön geworden! Es ist ein nützliches Buch das allgemeine Regeln, Waren und Hintergrundinfos schön vermengt und einfach sehr viel Zeit- und Spielgefühl der 2070er versprüht. Wie schon das „Arsenal 2070“ stellt auch dieses Buch eine sinnvolle und nicht nur auf Charaktermaximierung, sondern auch auf eine farbige Spielwelt ausgestattete Erweiterung des Spiels dar und wie bei dem zuvor genannten Band kann man bei einem Ladenpreis von 29,95 Euro wirklich nichts sagen.
Wer Shadowrun spielt und Körpermodifikationen nicht nur zu einer Nuance, sondern zu einem Thema des Settings machen möchte, der kommt um dieses Buch nicht herum.
Nun gut, wer einfach nur seinen Straßensamurai aufrüsten will, der vermutlich auch nicht.
Kaufempfehlung.


Name: BodyTech
Verlag: Pegasus Spiele
Sprache: Deutsch
Autoren: diverse
Empf. VK.: 29,95 Euro 
Seiten: 184 s/w, Hardcover 
ISBN: 9783939794776{jcomments on}

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