Savage Worlds - The Day after Ragnarok

Es gibt Rollenspiel-Settings, die umgehend mein Interesse wecken. Um in diese Kategorie zu fallen, hilft es beispielsweise ein Cover zu haben, auf dem sich ein Kerl mit zerrissenem Hemd (wichtig!), Messer und Maschinengewehr brüllend gegen eine Riesenschlange wehrt. Und eine Tagline wie „Submachine Guns and Sorcery!“ Und Savage Worlds als Regelsystem.  Wenn die Zusammenfassung dann auch noch von Barbaren in zerstörten amerikanischen Großstädten, Schlangenkultisten, britischen Agenten mit experimentellen Bio-Waffen, russischen Affensoldaten und einer Luftwaffe mit Raketenrucksäcken spricht, kann ich nicht mehr wiederstehen. The Day after Ragnarok ist mit seinen trashigen Pulp-Anleihen ein Setting ganz nach meinem Geschmack.

Als ich den schmalen Band etwa im DINA5-Format aufschlug und als Einleitung eine Abwandlung des Conan-Intro-Textes vorfand, wusste ich, dass ich mit diesem Buch von Kenneth Hite kompatibel sein würde. Ein Eindruck der sich auf den ganzen 128 Seiten bestätigt finden sollte.

Aber kommen wir mal zum eigentlichen Setting. The Day after Ragnarok geht davon aus, dass die Nazis die Midgard-Schlange beschworen haben, um den Krieg noch einmal herumzureißen. Dieses enorme Reptil wurde dann von den Amerikanern mittels Atombombe im Kopf getötet, allerdings hatte es zu diesem Zeitpunkt schon so gewaltige Ausmaße, dass der sterbende Leib gute Teile Zentraleuropas zerschmetterte und dort noch immer liegt. Vorher verspritzte die Schlange noch eine Menge ihres giftigen Blutes über Nordamerika und verwandelte den Großteil des Kontinents in verseuchtes Ödland voller Mutanten. Damit wären die größten Spieler des zweiten Weltkriegs ausgeschieden und obwohl ein wackeliger Frieden herrscht, planen die erstarkenden Sowjets hinter dem „Schlangenvorhang“ die Eroberung der ganzen Welt. Das Jahr ist 1948 und die Welt leidet noch immer unter den Nachwirkungen des Krieges und der Verseuchung durch den Körper der Midgard-Schlange.

Konflikte an allen Ecken und Enden und das auf ganz unterschiedlichen Ebenen! Die Gruppe kann als Agenten hinter dem Schlangenvorhang im sowjetisch besetzten Teil der Welt agieren und Geheimnisse in Forschungszentren erkunden. Sie können als Trupp von Überlebenden amerikanische Ruinenstädte durchstöbern, ihr eigenes Reich ausrufen und gegen Mutanten, Monster, Kultisten und andere Überlebende verteidigen. Ein Trupp von australischen Soldaten muss eine japanische Insel erobern, eine Expedition in das Innere des Schlangenkörpers muss beschützt werden oder eine neue Strahlenkanone wurde von Kultisten entführt… die Möglichkeiten in diesem Setting sind enorm und werden durch zahlreiche Hinweise, Tipps, NSCs und Abenteuerideen noch weiter angefeuert. Das wird z.B. bei den besten fünf Orten deutlich, an denen man ein abgelegenes Schloss finden kann, das von einem Wahnsinnigen regiert wird oder die „Top five places to stomp Nazis“. Was zuerst mal nur lustig klingt, bietet tatsächlich passende Anregungen für Abenteuer. Und genau darum geht es bei The Day after Ragnarok.

Es ist ein postapokalytisches Sword & Sorcery-Setting in unserer Welt nach dem zweiten Weltkrieg. Bekanntes und phantastisches vermischt sich zu einer äußerst attraktiven Mischung. Wenn Howard Hughes als reichster Mann der Welt die Charaktere damit beauftragt den Prototypen einer kugelsicheren Weste aus Schlangenhaut aus einem japanischen Forschungslabor zu stehlen, sie dabei aber vorher ein paar russische Affenmenschen ausschalten sollen, um ihre Leichen vor Ort zurückzulassen, um einen politischen Zwischenfall zu generieren, dann klingt das einfach nach ein paar Stunden Spaß. Und solch ein Abenteuer ist ohne weiteres durch den Abenteuergenerator zu erstellen. Alternativ bedient man sich aus den Kampagnenvorschlägen, die sich ebenfalls am Ende des Buches finden. Es gibt zwar keine Savage Tales, also fertige Abenteuer, doch transportieren die kurzen Beschreibungen der einzelnen Abenteuer genug Stimmung und Konflikte, um problemlos darum ein ganzes Szenario zu stricken. Dazu kommen die passenden Gegner und Monster, die in diesem verrückten Setting herumziehen: seien es nun Sklavenhalter-Zwerge in Südamerika, selbsternannte Banditenkönige in den USA, Schlangenkultisten oder verrückte Wissenschaftler, die vom Gift der Schlange in den Wahnsinn getrieben wurden. Durch die realitätsverzerrende Ankunft der Schlange und der Erforschung ihres enormen Leibes wurden auch neue Technologien möglich, so dass Raketenrucksäcke, Strahlenkanonen oder etwas Banaleres wie Supertreibstoff zwar noch selten, aber verfügbar sind. Je nach Wunsch kann es bei The Day after Ragnarok auch wirkliche Zauberei geben, allerdings ist diese wie üblich mit Gefahren verbunden, gerade für diejenigen, die sich der Magie der Schlange verschreiben. Die Schlange korrumpiert, sei es nun durch ihr Blut oder ihre Magie und wer sich zu lange mit ihr beschäftigt, wird früher oder später die Seiten wechseln und sich einem Kult anschließen.

The Day after Ragnarok bietet auf gerade mal 128 kleinformatigen Seiten mehr tolle Ideen, Abenteueransätze und Spaß, als die meisten dicken Hardcover und Settings in mehreren Bänden. Wer auf Pulp steht, sich militärische Kampagnen vorstellen kann, gerne als Spion arbeiten würde oder sich mal aus den Ruinen einer Stadt ein eigenes Reich errichten und es gegen Kultisten und Mutanten verteidigen will, der sollte das Setting unbedingt einmal spielen. Oder auch nur lesen, denn alleine das macht eine Menge Spaß. Kaufen!

P.S.: Atomic Overmind Press hat das Ganze auch noch für das HERO-System herausgebracht.


Titel: The Day after Ragnarok
Autor: Kenneth Hite
Verlag: Atomic Overmind Press
ISBN: 9780981679228
Seitenzahl: 128 s/w, gebunden
Sprache: englisch
Preis: 19,95 US-Dollar{jcomments on}

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