Königsmacher I – Hinter dem Thron

Reich und mächtig ist das Horasreich unter der Herrschaft der Kaiserin Amene geworden, die man bereits die Große nennt. Ihr Tod hinterlässt eine Lücke. Alte Intrigen, tot geglaubte Feinde und eingeschlafene Fehden erwachen wieder zum Leben und drohen, das Land zu zerreißen.
vom Backcover von Hinter dem Thron

Wohl ist dem, dessen Leben friedlich irgendwann nach dem Orkensturm geendet ist. Zunächst wütete Borbarad über den halben Kontinent, dann verheerte Das Jahr des Feuers das gesamte Mittelreich und nun ist das Horasreich dran, sich seine Packung abzuholen.
Das alles beginnt mit dem Tod Kaiserin Amenes und entfaltet sich doch gänzlich anders, als Galottas Massenschlacht im Mittelreich.

Die Königsmacher-Kampagne erscheint in zwei Bänden, deren zweiter noch aussteht und deren erster hier nun neben mir liegt. „Hinter dem Thron“ erscheint wie gewohnt im soliden Hardcover mit kleiner Einlege-Tasche im Umschlag und schwarzweißem Innendruck. 18 Euro für 108 redaktionelle Seiten ist auch nicht mehr gerade so billig, wie man bei DSA mal war, geht aber noch in Ordnung, wenn man die Verarbeitung in Betracht zieht.
Nicht so sehr in Ordnung geht die Optik. Das Cover wurde von Tom Thiel angefertigt, der bereits weitaus stimmigere Bilder für DSA angefertigt hat als dieses hier. Auch wenn mir ausgewiesene Aventurien-Kenner mehrfach das Gegenteil erklärt haben, so bleibe ich privat dabei: die beiden Plattenschweine, die sich da offenbar in einem Thronraum gegenseitig die Dose verbeulen, während eine Frau im Hintergrund Dekolleté zeigt, weckt bei mir einfach keine horasische Stimmung. Und das sich bei dem Titel des Buches dann auch noch ein gecker Bub entblödet, hinter dem Thron herzulinsen, macht es nicht besser. Irgendwo habe ich gelesen, der Bub und die Frau mit Ausschnitt sollten Timor und Aldare Firdayon darstellen, die beiden potentiellen Erben des Reiches (dazu gleich mehr) – wenn dem so ist, dann ist das aber auch schief gegangen, denn dem Kerl nähme ich Timors gnadenlos guten Sozialwerte nicht ab und Aldare, kurz und knapp, ist hellblond. Die Frau auf dem Cover nicht.
Man schelte mich einen Unwissenden, an mir geht das Bild jedenfalls vorbei.

Die Bilder im Inneren sehen grandios aus, sofern sie eigens für das Buch gefertigt wurden. Gerade die ganzen Bilder der recht frischen NSCs sind ungeheuer stimmungsvoll und von jener seltenen Art, dass ein Blick darauf genügt, und man weiß, was für einen Kerl man da vor sich hat. Leider sind auch einige ziemliche Relikte im Buch gelandet und warum die verstorbene Amene noch immer mit Ina Kramers alter Illustration leben muss, entzieht sich mir etwas. Aber dieses Mischmasch ist man ja leider von den neueren DSA-Büchern gewöhnt, vorbei die Zeiten, wo Caryad noch ganze Abenteuer von vorne bis hinten durchillustriert hat. Auch Satz und Layout sind in etwa so aufregend wie zwei Borongeweihte beim Smalltalk.

Andererseits muss man sich nicht lange mit „Hinter dem Thron“ befassen um festzustellen, dass Frank Wilco Bartels irgendwie ein Buch abgeliefert hat, dass nicht so ganz alltäglich in der DSA-Produktpalette erscheint.
„Hinter dem Thron“ ist der erste von zwei Bänden, enthält dabei dann drei Abenteuer und ganz viel Hintergrundmaterial. Freiheit für den Spielleiter wird hier durchaus groß geschrieben und man hat sich offenbar viele Gedanken gemacht, wie man das recht aufwendige Geschehen im Horasreich den Spielern nahe bringen kann, auch wenn diese jetzt vielleicht nicht alle direkt aus der Region sind.

Doch worum geht es eigentlich genau? Achtung, es folgen Spoiler:
Amene Firdayons Tod kommt zu früh und zu plötzlich, hinterlässt ein unangenehmes Vakuum. Ihr ältester Sohn Jaltek ist verschollen, ihre Tochter Aldare daher an der Position, die Nachfolge anzutreten. Doch auch ihr Sohn Timor zeigt unerwartet starke Ambitionen, eine Machtposition zu erlangen. Zwar handelt er aus durchaus ehrbaren Motiven heraus, doch auch die Spieler dürften das während des ersten Bandes kaum herauskriegen können.
Also bricht zwischen diesen beiden Geschwistern schon einmal ein harter Konflikt aus, der aus Missverständnissen und fehlenden Informationen erwächst, aber mächtig Blut fordert. Amenes jüngste Tochter Salkya hält sich bedeckt, Jaltek ist aber nicht wirklich aus dem Rennen. Er hat sich schon vor langer Zeit einer Organisation namens „Mantikor“ aus Al‘Anfa angeschlossen, die ebenfalls bald schon Interesse an den Vorgängen im Horasiat zeigen wird. Und auch der dreizehnte Gott hat offenbar noch Einfluss, denn auch seine Jünger mischen hier aktiv mit.
Es kommt zu einem offenen Krieg im Horasreich und ein Ende des Chaos ist am Ende von „Hinter dem Thron“ noch nicht abzusehen.
Der Plot des Bandes ist ungeheuer komplex und verworren, so wie es sich das für die Region gehört. Man hat als Spielleiter schon ein Stück Arbeit vor sich, erst einmal alle NSCs zu verinnerlichen und sich mit ihren einzelnen Zielsetzungen vertraut zu machen.
Das Buch aber kommt einem dahingehend sehr entgegen und hilft, wo es nur kann. Zunächst einmal ist es großartig zu nennen, dass ein großer Teil der Gesamthandlung nur als Spielleiter-Notizen mit Abenteuerideen in das Buch gelangt ist. So kann man seinen Spielern eine ganz individuelle Königsmacher-Kampagne zurecht schneidern und ihnen so vielmehr das Gefühl geben, wirklich das Zünglein an der Waage zu sein.
Da ist es auch etwa gut, dass pro Kriegsphase immer wieder Meisterpersonen „zum Abschuss freigegeben“ werden. Zusammen mit einem recht ausführlichen Kapitel über mögliche Ausscheidungsgründe kann man so auch hier ganz frei entscheiden, ob Fiaga ya Terdilion nun entführt oder ermeuchelt wurde, oder doch anderweitig umgekommen ist. Selbst ein Weiterleben ist problemlos möglich, wenn es der Kampagne dient.
Überhaupt müht sich das Buch, dem Spielleiter Hilfen anzubieten. Da bekommt man Informationen zur Kriegsführung, zum typischen Jargon (damit man moderne Begriffe wie Frontlinie und Mobilmachung gleich vermeiden kann), halt zu allem, was man so im Rahmen der Kampagne brauchen könnte.

Die Szenarien, die dann explizit ausformuliert enthalten sind, markieren auch wirkliche Schlüsselstellen. Erfreulich ist, dass das erste Abenteuer in dem Buch zwar recht geradlinig ist, aber sogar regelrechten Horas-Muffeln einen Einstieg in die Kampagne ermöglicht. Eine Runde, die aus einem Moha, zwei Achaz und einem Goblin bestünde, würde zwar immer noch nicht glücklich werden, aber durchschnittliche Helden kommen hier elegant unter und können sogar selber direkt etwas bewegen.

„Hinter dem Thron“ lässt dabei manche aventurische Tugend dennoch nicht außen vor. Zwar wird hier kein Popkultur-Referenz-Feuerwerk wie in „Schlacht in den Wolken“ abgefeuert, was mir schon für sich genommen zusagt, wohl aber werden interne Referenzen sehr gepflegt. So können richtig alte Hasen sich über eine Widerkehr von Sephirim Isyahadan freuen, den meine Spieler ganz zu unseren Anfangszeiten im Hobby einst in „Die Tage des Namenlosen“ konfrontiert haben. Probleme, wie sie etwa durch besondere Vorkenntnisse der Charaktere entstehen könnten – sagen wir, sie haben die Aarenstein-Kampagne gespielt – werden bedacht und abgefedert, während ganz aktuell der dazugehörige DSA-Soundtrack immer wieder mit kleinen Textkästen unterstützt wird.

Alles in allem hat mich „Hinter dem Thron“ ziemlich begeistert. Nahezu alles, was mich in der aktuellen Spieltischerfahrung als Spieler bei „Schlacht in den Wolken“ gestört hat (eingeschränkte Charakterauswahl, Railroading, Minderwertigkeitsgefühle für stattliche Helden usw.) ist für „Hinter dem Thron“ kein Problem. Man wird als Spielleiter nirgends alleine gelassen, hat aber alle nur erdenklichen Freiheiten.
Wenn man glaubt, dass man als Spielleiter ebenso der komplexen, NSC-reichen Story gewachsen ist wie die eigenen Spieler, der kommt an dieser Kampagne nicht vorbei. Gerade die vielen, vielen Möglichkeiten der Anpassung an die eigene Gruppe dürften „Hinter dem Thron“ zu einem ganz besonderen Erlebnis für die ganze Runde werden lassen.
Wenn „Masken der Macht“, der zweite Band der Reihe, dieses Niveau halten kann, kann ich nur hoffen, dass viele Leute dieser Kampagne eine Chance geben. So, und nicht anders, sollten weit mehr DSA-Abenteuer sein.
Name: Hinter dem Thron
Verlag: FanPro
Sprache: Deutsch
Autoren: Frank Wilco Bartels, mit Beiträgen von Andree Hachmann, Dennis Schmidt und Heike Wolf
Empf. VK.: 18 Euro
Seiten: 108{jcomments on}

Kommentare (1)

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Wird der zweite Teil auch noch rezensiert werden?

Honak
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