Regionalband 00 – Geographia Aventurica

Alle Regionen vom Yetiland bis zu den Waldinseln – mit ihrer Historie, ihren wichtigsten Städten und Hinweisen zum Einsatz im Spiel –, Artikel zur Gesellschaftsordnung, zu Recht und Gesetz, zu Reisen, Handel, Sternkunde, Giften, Krankheiten, Heeren und Flotten, Immanspiel und vielem anderen mehr.
vom Backcover der Geographia Aventurica

Ah, und der frischen DSA-Rezensionen zweiter Teil. Ebenso sehnlichst wie das "Aventurische Arsenal" wurde sicherlich auch der vorliegende Band erwartet: die "Geographia Aventurica”. Hinter dem etwas umständlichen und mit Sicherheit meist-falsch-zitierten Titel verbirgt sich, kurz gesagt, der Nachfolger der "Welt des Schwarzen Auges" sowie des ungleich älteren "Land des Schwarzen Auges" für die vierte Edition; kurz gesagt, die Weltenbeschreibung.
Die Basisbox hatte da ein paar Happen zu, aber niemals ausreichend.
Kaum ein System hat eine so komplexe und über die Jahre 'gewachsene' Welt wie DSA, wenn es da überhaupt noch ein anderes gibt, da reicht nicht mal ein Band aus. So kündet auch das vor uns liegende Hardcover von einigen Erkenntnissen. Einerseits, dass die Regionalbeschreibungen jetzt im Hardcover erscheinen und "Götter und Dämonen" mit der vierten Box nun zugleich auch bereits die Letzte der vierten Edition sein dürfte. Sehr löblich das, macht sich so ein Wälzer insgesamt doch einfach schöner.

Ebenso zeigt sich aber auf dem Buchrücken nicht nur der erste Teil eines übergreifenden Motivs, das – wenn man alle Regionalbeschreibungen beisammen hat – eine schöne Aventurienkarte ergeben wird, sowie eine große '0'. Verständlich, stellt die "Geographia" ja auch mehr das Fundament für die ganze Reihe dar.

Optisch ist der Band schön geworden, wenn auch mir kleinem Schönheitsfehler. Die Grundfarbe der Reihe ist grün, etwa im Gegensatz zur roten Färbung der Regelbände und -boxen, die Verarbeitung wohl nahezu unzerstörbar, sowohl was die Bindung als auch was den Umschlag betrifft. Auch hier veredelt ein Lesebändchen das Buch.
Das Cover gibt sich gewissermaßen traditionell, denn so wie auch "Land" und "Welt", so zeigt auch die "Geographia" viele typische Elemente: grüne Grundfarbe, eine Stadt, ein Drache und eine Heldengruppe – eigentlich auch sehr schön gezeichnet von Thomas Thiemeyer – wenn auf dem sakralen Gebäude links kein Kreuz stünde.
Jepp, ein christliches Kreuz. Ich gebe zu, es ist nur ein sehr, sehr kleiner Makel und man kann sehr gut damit leben, aber gerade auf einem solchen Hauptbuch hätte das nicht sein müssen, zumal es auch noch leicht zu entfernen gewesen wäre.
Aber wie gesagt, sonst sieht es schon schön aus.
Das Innenlayout ist bekannt, die Illustrationen nahezu alle aus bisherigen Bänden wiederverwertet, dennoch aber hübsch anzusehen und erstaunlicherweise auch noch alle recht gut zueinander passend.
Kartenmaterial gibt es auch diesmal wieder, mangels Box nun in einer Lasche hinten im Band zu finden. Dort kriegt man dann die typische extrem detaillierte Gesamtkarte (gleicht eigentlich der in den alten Boxen, wurde aber auf den neuen, politischen Stand gebracht), eine politische Karte Aventuriens (sehr schön!) und die ebenfalls traditionelle Weltkarte. Sehr schön.

Aber kommen wir zu dem, was wirklich interessiert: dem Inhalt.
Es hat sich viel getan in Aventurien, nicht zuletzt durch die Rückkehr Borbarads, doch auch durch kleinere Probleme an allen Ecken und Enden des Kontinents. Der neue Bande musste dem Rechnung zollen, doch wer mit der Lektüre beginnt, erkennt schnell, dass man es nicht dabei bewenden ließ.

Die ersten achtzehn Seiten dienen erst mal zur allgemeinen Einführung. Wie ist der Kontinent beschaffen, wer und was lebt wo, wie gebildet ist man eigentlich auf Aventurien und wie wird regiert? Grundlegende Fragen, grundlegend beantwortet.
Ab Seite 19 dann startet das Buch aber direkt richtig durch und beginnt mit den Beschreibungen der einzelnen Regionen. Es ist kaum zu glauben, wie viel neuer Text hier Einzug gehalten hat, aber der gesamte Stil der alten Boxen ging irgendwo über Bord. Erkennbar ist die Abkehr von den über-genauen Beschreibungen der Vergangenheit, die bis auf die letzte Hütte alles vorschrieben. Die "Geographia" gibt Lebensgefühl und Atmosphäre weit mehr Raum, entfernt sich vom Definieren und wendet sich dem Schildern zu. Die Informationen sind dabei aber nicht schwammig oder ungenau – im Gegenteil. Ich denke, wer die "Geographia" als Einstieg in die Welt des Schwarzen Auges nimmt, wird einen weit stimmigeren und interessanteren Überblick erhalten als jemals zuvor.
Zwei Dinge fallen dabei noch auf. Einerseits, dass den aktuellen Entwicklungen viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde, auch wenn es nicht direkt vom großen Metaplot abhing. Die alten Kriegsgegner Nostria und Andergast etwa zeugen deutlich von diesem Umstand und weisen wohl erstmals beide ein erkennbar unterschiedliches, ja, individuelles Profil auf. Schön ist aber auch, dass dabei der Spielleiter nicht vergessen wurde. Neben einleitenden Textkästen mit den 'harten Fakten' zu jeder Region gibt es noch einen zweiten, grauen Kasten zu jedem Abschnitt, der sich direkt der Praxis widmet. Hier erfährt der Spielleiter nicht nur, wie er die entsprechende Region am besten darstellen kann, sondern auch, in welchen Abenteuern oder Romanen dies bereits geschehen ist. Wer also beim obigen Beispiel glaubt und den entsprechenden Kasten zu Nostria konsultiert, der kann danach zielstrebig "Das große Donnersturmrennen", "Liebliche Prinzessin Yasmina", "Straßenballaden" und "Die dunkle Halle" zur weitere Lektüre zu Hand nehmen.
Damit, das kann man klar sagen, sind die ersten knapp 100 Seiten des Bandes schon einmal klare Gewinner.

Nach diesen konkreten Beschreibungen wendet sich das Buch erst einmal den ferneren Gebieten – Riesland oder Güldenland als Beispiel – zu, doch wer jetzt eine Übermacht Myranor in 'seinem' Aventurien fürchtet, der kann beruhigt sein. All diese Regionen werden nahezu gänzlich Intime von Reisenden geschildert – ein guter Kompromiss, denn wem das Erzählte nicht zusagt, der muss es ja nicht glauben...
Die nächsten 28 Seiten widmen sich dann der Frage, wie Dinge von a) nach b) kommen. Dinge, das sind Personen ebenso wie Nachrichten oder Waren. Umfangreich geht das Buch hier auf Straßen und Wege, Fuhrwerke und Wasserwege ein, Botendienste werden ebenso wie Botendienste und Zeitungen betrachtet.
Anschließend werden "Maße, Geld, Gewichte" thematisiert, ebenso wie die Sprachen und Gesetzgebung Aventuriens. Und da jeder Kontinent eine Vergangenheit und jede Geschichte einen Anfang hat, schildern danach 15 Seiten die Vergangenheit Aventuriens, angefangen von den Schöpfungsmythen bis hin zum borbaradianischen Feldzug. Ganz nett, zumal alte Hasen sich was freuen dürfen, sollten sie noch wissen, was dereinst mit Kaiser Hal geschah oder sie selbst noch in der Schlacht der 1000 Oger standen.
Aber damit noch lange nicht genug! Weiter geht es mit der Heraldik, den Heeren und Flotten Aventuriens auf der ernsten Seite, Musik, Tanz, Mode, Küche, Sport und Spiel auf der eher heiteren Seite des Lebens. Schön auch, dass etwa dem Immanspiel mal etwa Raum zugedacht wird.
Der Himmel über Aventurien und der Kalender werden ebenso behandelt wie Aberglaube und Wahrsagerei, optional sind sogar die altbekannten 'Göttergeschenke' (Gaben durch den Geburtsmonat) wieder zurück. Krankheiten, Heilpflanzen und Gifte sind dann auch noch Thema, bevor 'Von Folianten und Pergamentsammlungen' den frohen Themenreigen beendet. Die letzten Seiten des Buches, immerhin 34, gehören dann noch der aventurischen Prominenz; wer sich nicht mehr erinnert wer noch mal Blasius von Eberstamm war, von neu dabei ist und sich wunder, wer Bahram Nazir sein soll oder wer sich immer schon fragte, wie alt Cuanu ui Bannain wohl ist, der wird hier fündig.
Schön wirkt es hier, dass die altbekannten Illustrationen wie im Galerien jeweils auf Doppelseiten arrangiert wurden und so einen knallharten Textfluss ermöglichen.
Die Sahnehaube sozusagen bilden die Anhänge, die Aventuriens 'gekrönte Häupter' listen, einen immerwährenden Kalender und eine Vergleichstabelle der einzelnen regionalen Zeitrechnungen sowie eine Entfernungstabelle bieten.

Ich wollte diese Rezi kurz halten – doch das geht einfach nicht. Die Themenvielfalt des Bandes ist so groß, dass alleine dadurch schon viel Platz verloren geht. Doch das beste daran ist: eigentlich ist hier alles gut!
Alleine die überaus lohnenswerten Landesbeschreibungen würden den Kauf vermutlich rechtfertigen, doch durch die umfassende Abhandlung aller allgemein über Aventurien zu diskutierenden Themen kann man dieses Buch nur, ohne zu zögern, einfach jedem empfehlen. Zwar sind nahezu keine neuen Regeln enthalten – doch wer will schon Regeln, wenn er so wunderbare Beschreibungen bekommen kann?
Dicke Empfehlung!


Name: Geographia Aventurica
Verlag: FanPro
Sprache: Deutsch
Autoren: Ralf Hlawatsch, Jörg Raddatz, Thomas Römer und Gun-Britt Tödter
Empf. VK.: 30 Euro
Seiten: 256{jcomments on}

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