Regionalband 02 – Unter dem Westwind

Wo die Westwinde – der stetige Beleman und der stürmische Rondrikan – das Meer aufwühlen und über öde Hügel wehen, ist die Heimat dreier uralter aventurischer Kulturen.
vom Backcover von Unter dem Westwind

„Thorwal und die Seefahrt des Schwarzen Auges“, herrje, das ist mal ein Altertümchen. Bereits 1990 erschien die Box, die zwar immer wieder neu aufgelegt, nie aber mal aktualisiert worden ist, und war damit nach dem Bornland-Heft und vor der Khom-Box die erste Region, die genauer thematisiert wurde. Doch seither ist viel Wasser den Bodir herunter geflossen und die Ansprüche an eine Regionalbeschreibungen haben sich seither doch stark geändert. Umso nachvollziehbarer, dass der zweite Band der neuen Regionalreihe sich genau dieser Region widmet.
Selbstredend kommt auch „Unter dem Westwind“ als unverwüstliches Hardcover mit dickem Einband, starker Bindung und Lesebändchen daher. Die Kartenlasche am Ende des Buches versorgt den Spielleiter diesmal mit einer farbigen Karte Nordwest-Aventuriens, schwarzweißen Stadtkarten von Thorwal, Andergast, Nostria, Prem, Olport und Enqui sowie schematischen Zeichnungen eines Langhauses und eines Grassodenhauses. Da kann man nicht meckern. Optisch ist der Band dagegen auch dieses Mal wieder durchwachsen. Das Cover von Thomas Thiemeyer ist okay, aber leider auch recht nichtssagend. Es fehlt leider ein Fixpunkt, die Farben sind auch diesmal wieder blass und zu viel Fläche ist effektiv nur Horizont, um zu begeistern. Das Layout im Inneren ist auch diesmal wieder fernab von allem, was die Bezeichnung „Gestaltung“ echt verdient. Auch diesmal gibt es wieder einen schön gestalteten Rahmen am oberen Ende der Seiten und eine Begrenzung der Außenränder der Seiten durch einen Balken grauen Matsches. Illustrativ dagegen hat mir der Band weitaus besser gefallen als der Meridiana-Band, da kaum richtig alte Bilder verwendet worden sind und sich so eher ein stimmiges Gesamtbild ergibt. Auch diesmal gibt es Wiederverwertungen, aber eben nicht aus grauer Vorzeit.

Weitaus wichtiger, aber ebenfalls positiv, ist dagegen die erste inhaltliche Neuerung: „Unter dem Westwind“ hat eine klar erkennbare und logische Gliederung. Auf das Vorwort folgt zunächst ein gut 100 Seiten langer Teil über „Thorwal – Land der Freien“. Das bezieht sich auch auf die Stadt, vor allem aber wirklich auf die Region Thorwal. Der Abschnitt glänzt durch viele Details und bietet sehr viel Flair. Weniger unnötige Regeln und ein vollkommener Verzicht auf eine geradezu archivarshafte Schilderung von Regionen oder Städten punkten hier bereits eindeutig.

Im zweiten großen Abschnitt werden die Gjalskerländer und ihre Heimat beschrieben. Das fällt weit kürzer aus und ist nur gut 15 Seiten lang, ist aber ebenfalls sehr informativ. Das Gjalskerland ist doch ein Part Aventuriens, der tatsächlich erst mit der vierten Edition zum Leben erwacht ist, weshalb dieses Kapitel mehr als nur gut, sondern schon notwendig ist. Die Kürze resultiert auch nicht zuletzt aus der geringen Infrastruktur, über die die Gjalsker generell verfügen; keine Dörfer, keine Städte, die hier ausgeführt werden müssten. Dafür etwa eine gute Beschreibung ihres Glaubens oder ihrer Riten und Bräuche – hat mir gefallen.

Der dritte Teil des Buches wird wieder etwas länger und widmet sich den „streitenden Königreichen“ Nostria und Andergast. Das ist auch so eine Region, die erst jüngst wirklich zum Leben erwacht ist, aber grandios zu bespielen ist. Wer das Basisbuch der vierten Edition sein Eigen nennt, der findet hier vieles wieder, da die Regionalbeschreibung dort diesem Buch hier entnommen wurde. Das schmälert den Wert der Seiten an sich jedoch nicht: die beiden Königreiche sind ein kleiner Hort dessen, was Aventurien mal groß gemacht hat. Sie bieten Unfug, Dramatik, sehr weltliche Probleme und eine sehr sympathische Weltsicht. Hier spielt man gerne!

Es folgen Persönlichkeiten aus jeder der genannten Regionen. Also angefangen von Hetfrau Jurga Trondesdottir über den Dûrro-Dammagon-Dûn Gon Bartakh bren Yuchdan vom Haerad der Mortakh bis hin zu König Efferdan I. Zornbold von Andergast und Königin II. Kasmyrin von Nostria ist alles vorhanden.
Ebenfalls wenig überraschend aber sehr willkommen sind die Mysteria et Arcana des Bandes, die ebenfalls für jede einzelne der Regionen aufgeführt sind. Da gibt es eine ganze Menge zu erzählen, wie man sich alleine bei einem so abergläubischen Volk wie den Thorwalern sicher denken kann. Der Steineichenwald oder der Riese Neunfinger sind da nur zwei von dutzenden guter Ansätze für spannende Abenteuer.
Das Konzept der „Mysteria et Arcana Sternchen“ wird fortgesetzt und kennzeichnet auch diesmal wieder Mysterien, die von der Redaktion „zum Abschuss freigegeben“ worden sind. Mir gefällt das System; metaplot-bevorzugende Spieler können so Konflikte mit der offiziellen Linie vermeiden und alle anderen ignorieren die Sternchen und verbraten alle Ideen, ganz wie sie wollen.
Schade finde ich nur, dass auch hier das Gjalskerland etwas stiefmütterlich behandelt wird. Zehn Einträge auf kaum mehr als einer Seite wirkt irgendwie eher wie wild dahingeschrieben – wäre da nicht mehr möglich gewesen?
Auch die streitenden Königreiche hätten sicherlich mehr als zwei Seiten zu füllen gewusst, wenn man es nur etwas mehr gewollt hätte.

Positiv ist dagegen wieder das Verzeichnis empfohlener Medien zu nennen. Ist diesmal ausschweifender gesetzt, leider aber auch weiterhin ohne Besschreibungen der genannten Artikel. Einige Ideen sind sehr naheliegend (etwa „Der 13. Krieger“, „Erik, der Wikinger“), andere gut, aber etwas unerwartet (Theodor Storms „Schimmelreiter“ als Quelle für Nostria und Andergast zum Beispiel) und wieder andere erscheinen mir ziemlich schräg (Kenji Kawais Soundtrack zu „Avalon“ für Thorwal ... das ist keine Idee, die mir in den Sinn gekommen wäre...). Doch insgesamt eine tolle Liste mit hohem Nutzen und vielen guten Tipps.
Es verbleibt nur noch ein auch dieses Mal wieder ein die absolute Referenzklasse darstellender Index, von dem die Konkurrenz eigentlich nur träumen kann.

Alles in allem hat mir „Unter dem Westwind“ noch mal deutlich besser gefallen als sein Vorgänger. Der Band ist schöner, übersichtlicher dargeboten, besser geschrieben und inhaltlich mit einigen echt tollen Regionen ausgestattet. Dazu auch dieses Mal wieder zu einem fairen Preis.
Wer in der Region Thorwal spielt oder spielen möchte, der muss bei diesem Buch einfach zugreifen. Alle anderen können aber ruhig auch mal einige Seiten querlesen ... es besteht eine große Chance, dass sie danach auch definitiv in dieser Region spielen wollen.
Dickes Lob an die Redaktion – ein tolles Buch!


Name: Unter dem Westwind
Verlag: FanPro
Sprache: Deutsch
Autoren: Ragnar und Michelle Schwefel et al.
Empf. VK.: 25 Euro
Seiten: 200{jcomments on}

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