Regionalband 14 – Schattenlande

Der DSA-Regionalband Schattenlande ist der vierzehnte und somit letzte Teil der grünen Reihe, also der Regionenbeschreibungen zur vierten Edition des schwarzen Auges. Er löst damit die gerade in Fragen der Spielbarkeit recht umstrittene Box Borbarads Erben ab, die bei Erscheinen des vorliegenden Buches auch mal eben schon göttergefällige zwölf Jahre alt war.
Optisch ist das Buch sehr gefällig geworden. Das beginnt schon bei dem Cover, das mir zwar rein handwerklich nicht rundum gefällt, dessen Motiv aber sehr ansprechend ist. Eine Magierin bretzelt mit inniger Freude einen Ignifaxius einem Dämon entgegen, der sich mit gespreizten, ledrigen Schwingen in eine Burgmauer krallt, während ein Ritter hinter ihm zum Lanzenwurf ausholt und eine zweite Kämpferin mit erhobenem Rondrakamm ihm gerade von den Zinnen eines Turmes entgegen gesprungen ist. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal auf einem DSA-Cover derart viel Action geboten bekommen habe!
Cool!
Eine Handvoll Fragen bleibt, etwa warum der Ignifaxius genau zwischen die Beine des Monsters gezielt wurde und warum beide Frauen offenbar vergessen haben, ihre Hosen anzuziehen … aber das sind Haarspaltereien. Das Cover von Markus Koch gefällt.

Das gilt auch für die Optik im Inneren. Das Layout ist vertraut, die Qualität der Illustrationen dagegen erstaunlich hoch. Vor allem gibt es viel neues Artwork zu bestaunen und erfreulich wenig Altertümchen. Wenn man tatsächlich mal zwei Doppelseiten in Folge keine Grafik sieht, ist das in diesem Buch eine Ausnahme, anders als in vielen vorigen Titeln und einzig, dass das vielleicht beste Bild des Buches – die Beschwörung auf Seite 20 – offenbar auch den Machern so gut gefiel, dass es dann gleich noch mal auftaucht (Seite 115) nervt etwas und erinnert eher an weniger glückliche oWoD-Zeiten. Dennoch muss man klar sagen, dass visuell Schattenlande einer der mit Abstand besten Titel der Reihe ist.
Die Kartentasche am Ende des Buches kommt allerdings mit einem Hauch von Geiz daher. Farbig gibt es die Regionalkarte „Maraskan und die umgebenden Inseln“ als Doppelseite sowie die Stadtpläne von Tuzak und Yol-Ghurmak jeweils auf der halben Rückseite. In schwarzweiß wird der Fundus dann um Boran, Jergan, Mendena und Warunk erweitert. Die neuen Karten sehen alle absolut phantastisch aus, allerdings bleibt die Frage, ob es den Preis wohl ruiniert hätte, auch die Pläne von Sinoda und Beilunk dort noch einmal einzulegen, die ebenfalls im Buch abgedruckt sind? Das wäre ein A4-Blatt gewesen. So sind nun nicht alle Karten, sondern „alle bis auf zwei Karten“ dort zu finden, was irgendwie unschön ist.
Der Rest stimmt dagegen: Hardcover mit flachem Rücken, Lesebändchen, da kann man nicht nörgeln.

Was mir aber dahingehend auffällt, ist der Preis des Buches. 35 Euro wollen Ulisses für den Titel haben – das sind fünf Euro mehr als für die exakt gleich umfangreiche Geographia Aventurica. Das ist erstaunlich fair, wenn man bedenkt, dass die Geographia von 2003 ist und der Preisanstieg echt moderat ausfällt, wenn man schaut, was die Rollenspiel-Preise ansonsten in den letzten neun (bzw. bei Erscheinen acht) Jahren gemacht haben.
Wer übrigens eifrig hier mitliest, der merkt auch, dass ich somit zwei Regionalbände – Reich des Horas und Im Bann des Nordlichts – bei den Rezis übersprungen habe. Warum?
Weil ich sie noch nicht habe. Wird nachgereicht!

Zurück aber zum Buch.
Schattenlande gliedert sich sehr überschaubar in zwei Regionen, die üblichen „Mysteria et Arcana“ sowie Anhänge auf. Region Nr. 1 ist „Das umkämpfte Tobrien“ und hat mir extrem gut gefallen. Hier gibt es eine Menge Zeug, was für kontemporäre DSA-Gruppen sicherlich interessant ist. So gibt es Details zu den korrumpierten Wäldern des Widharcal und eine allgemeine Beschreibung zu Transysilien. Noch spannender vielleicht ist die Beschreibung zu Yol-Ghurmak, mit der auch Zusammenfasusngen zu so brisanten NSCs wie Balphemor von Punin, Leonardo dem Mechanicus, Ascheherz oder Torxes von Freigeist einhergehen. Darauf folgen die Warunkei und die Fürstkomturei Tobimora – letztere u.a. inklusive Helme Haffax nebst Werte-Auszug, Beschreibungen zu Mendena und Eslamsbrück. Gerade Eslamsbrück hat es mir dabei sehr angetan, alleine ‚der Seelensammler’, der in einen Leib gezwungene Neungehörnte Nirravan, ist unglaublich reich an Potential.
Den Abschluss der Region bilden die Blutige See und „die Sonnenmark und die Stadt Beilunk“, die ebenfalls zu überzeugen wissen.

„Maraskan“ ist dann erkennbar ein eigenes Kapitel und zu Recht, ist doch vermutlich keine aventurische Region so eigenwillig die diese. Die Operation ist jedoch als gelungen zu bezeichnen. Die eigenartige Atmosphäre wird gut transportiert, doch zugleich spielbar gehalten. Die Region ist und bleibt durch den Einfluss der Heptarchen gekennzeichnet, hat jedoch dennoch genug Charakter, um nicht darauf reduziert zu werden, und erhält mit der Regionenbeschreibung auch ein paar differenzierte Facetten, was mir durchaus gut gefallen hat.
Noch immer ist Maraskan eine Region, in der ich persönlich glaube ich keine Kampagne ansiedeln würde, einfach aus der persönlichen Vorliebe heraus. Aber mit dem vorliegenden Buch habe ich zumindest einen weitaus besseren Eindruck davon, was vor Ort möglich ist, als das vorher der Fall war.

Generell kann man zu beiden Abschnitten sagen, dass die Schattenlande weitaus bespielbarer sind als das, was ich aus Borbarads Erben seinerzeit mitgenommen habe. Es ist wieder glaubwürdig, dass in den Regionen jemand tatsächlich lebt und man hat nicht durchweg das Gefühl, nur eine widernatürliche Mischung aus Mordor und anderen Höllenreichen vor sich zu haben. Auch, aber nicht nur.

Somit kommt man zu den „Mysteria et Arcana“. Die Zahl der Beiträge ist gewaltig, so gewaltig, dass ich bei 39 Seiten mit oft auch mal vier oder mehr Einträgen irgendwann das Zählen abgebrochen habe.
Eine Reihe Eigenarten sind zu beobachten. Zunächst ist die Anzahl der M&A* sehr gering. Das mag der Region und ihrer starken Verankerung im aventurischen Metaplot geschuldet sein, ist aber dennoch schade. Wenn für Transysilien etwa fünfzehn Geheimnisse aufgelistet werden und dann davon genau eines als frei von späterem Redaktionsinteresse markiert wird, dann ist es selbst für mich als starken Verfechter der Einteilung „für später relevant“ und „frei zum Abschuss“ schwer zu rechtfertigen. Positiv dagegen fällt auf, dass gerade bei den großen Geheimnissen Zukunftsausblicke gegeben werden. Das ist etwa gerade bei den Splittern der Dämonenkrone spannend – so weiß man nach der Lektüre etwa nicht nur, wo der Splitter des Thargunitoth derzeit ist, sondern auch, wo er die nächsten drei Jahre sein wird. So etwas ist sehr löblich.
Ohne Präzedenzfall schrecklich ist dagegen das wilde Chaos der Formatierung in diesem Abschnitt und es wirkt ein wenig, als hätte da jeder Absatz einen eigenen Layouter gehabt. Einige Einträge, etwa die Splitter oder ein anderes Artefakt, haben Textkästen, sind aber nicht anders aufgebaut als die vielen anderen Einträge, die einfach Text mit Überschrift sind. Es kann aber auch nicht daran liegen, dass es sich eben dabei um Artefakte handelt, denn Leonardos Weltmaschine oder etwa „Das Schwarze Schwert Athai-Naq“ haben keinen Kasten.
„Weitere Geheimnisse Mendenas“ sind durch „schwarze Augen“ gegliedert und jeweils fett gedruckt, um klar zu machen, worum es geht. „Kleinere Geheimnisse Warunks“ dagegen sind jeweils eigene Absätze ohne schwarzes Auge, die eine fette Überschrift mit Zeilenumbruch aufweisen. Die „Sternchen“-Symbole bei den Warunk-Sachen stehen jeweils nach der Überschrift, bei den Mendena-Einträgen dagegen am Ende des Eintrags (!) ohne erkennbaren Grund.
„Der Drachenturm“ hat einen regulären Eintrag und das Sternchen steht direkt dahinter, wohingegen eine Seite später „Der Bund der Rache“ ebenfalls einen regulären Eintrag hat, das Sternchen jedoch in Parenthese, also geklammert, steht.
Wer hat denn das bitte gelayoutet? Ich weiß es nicht zu sagen, denn im Impressum steht es auch nicht.

Die Anhänge dagegen stimmen versöhnlich. „Die Kampagne in den Schattenlanden“ beschreibt die Verwendung der Region in ihrer Gesamtheit, was mir gut gefallen hat. Dann gibt es wie immer Empfehlungen zu irdischer Literatur, Musik zur Begleitung des Spiels und Filme wie Fernsehproduktionen, die sich lohnen. Die Liste der die Region betreffenden DSA-Publikationen ist ebenfalls lang, genauso wie die Romanliste. Alles durchaus gut, leider wie immer unkommentiert. „Der Tag des Falken“ ist also ein guter Film, um ihn zu den Schattenlanden zu schauen. Zu welcher Region? In welchem Kontext? Man weiß es nicht.
Aber ich will nicht meckern, ich finde die Rubrik wie immer sehr lobenswert und werde wohl auch mal wieder der einen oder anderen Empfehlung gerne folgen.

Ein Fazit fällt mir leicht: Trotz einiger kleiner Schwächen zwischen Haarspalterei und „ärgerlich, aber nicht fatal“ ist Schattenlande nicht nur einer der stärksten Bände der Reihe, sondern auch insgesamt ein ungeheuer starkes Quellenbuch. Wer DSA spielt und davon ausgeht, dass diese Region in seiner Kampagne eine Rolle spielt, der tut wirklich gut daran, das Geld auszulegen. Ich bin sehr beeindruckt von dem, was die Redaktion hier abgeliefert hat. Klare Empfehlung.

Mit freundliche Unterstützung von Ulisses Spiele und des F-Shops.


Name: Schattenlande
Verlag: Ulisses Spiele
Sprache: Deutsch
Autoren: Daniel Simon Richter et al.
Empf. VK.: 35,00 Euro
Seiten: 253{jcomments on}

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