Bleicher Mond

...worin die Charaktere einem wissenschaftlichen Vortrag beiwohnen,
Phobien einen völlig neuartigen Respekt abgewinnen und
eine fremdartige Reise zu einem noch fremdartigeneren Ziel unternehmen.

aus Bleicher Mond

Ich bin persönlich ein großer Freund der Reihe „Cthuloide Welten Bilbiothek“. Dort hat man bei Cthulhu noch den Mut zu Experimenten, zeigt auch mal verrücktere Seiten des Spieles und beweist, wie variantenreich der Hintergrund sein könnte.
Das trifft auch sicherlich auf „Bleicher Mond“, den jetzt wohl dritten Band der Reihe und man erkennt es gleich am Cover. An dieser Stelle ist aber auch gleich ein kleiner Disclaimer von Nöten.
Aufmerksame Betrachter können auf der Rückseite des schönen Softcovers, inmitten des Hintergrundmotivs, die Gesichter von Marcel (in einem Busch unten, zwischen „CW Bibliothek“-Logo und Barcode), Matthias (im Geäst der Bäume, links von der Überschrift „König! ... Reich ... ! ... Unten!“) sowie mir (auch in den Bäumen, aber rechts von „Bleicher Mond“) entdecken. Das war ein kleines Gimmick, dass Covergestalter Manfred Escher für uns eingebaut hat. Wir haben aber keinerlei redaktionellen Anteil an dem vorliegenden Buch und diese Rezension wird daher auch im gleichen Maße objektiv sein, wie es auch die anderen bisher waren. Aber es soll halt gesagt sein.

Warum sieht der Band so anders aus? Nun, Manfred Escher hat auf liebevolle Art das Design der alten Laurin-Bände kopiert, vom Rahmen und der Titelschrift bis zum ganzen eher motivischen Design. Für die Jüngeren unter uns: Laurin war der Inhaber der deutschen Cthulhu-Lizenz vor rund einer Dekade, haben in dieser Zeit einige der heutigen Legenden der Reihe veröffentlicht. Die „Ägypten“- wie auch die „Traumlande“-Box, „Narrenball“, „Die Froschkönigfragmente“, „Im Zeichen des Stiers“ und „Jenseits von Kalkamal“, das war alles Laurin – und es gab noch ein paar Bücher mehr.
„Bleicher Mond“ stammt auch noch aus der Zeit und war damals schon übersetzt worden, ist nun aber erst aufgelegt worden. Und weil es so dünn war, hat Steffen Schütte (der damals unter anderem besagte „Froschkönig-Fragmente“ verfasste) auch noch ein neues Abenteuer beigelegt.
Jedenfalls sieht das Buch sehr hübsch aus, mal was anderes. Es trifft den alten Charme, ohne eine Kopie zu sein und fügt sich, vom Buchrücken her, natürlich perfekt in die durchlaufende Reihe.
Die Gestaltung im Inneren ist zumindest in der ersten Hälfte auch erfrischend anders. Kim Schneider hat die grafische Gestaltung von „Bleicher Mond“ übernommen, von der ersten Illu bis zum letzten Handout. Illu? Jawohl, zumindest das erste Abenteuer im Band hat gezeichnete Bilder, kein totales Novum in der Reihe, aber wenigstens einmal wieder eine Abwechslung, vom „historische Fotos“-Einerlei.
Steffen Schüttes Abenteuer dagegen strotzt wieder so vor 1920er-Fotos und sieht daher, wie man das so kennt, irgendwie etwas zu gleich aus, wie so viele andere Szenarien vorher.

Worum geht es aber nun inhaltlich? „Bleicher Mond“, übrigens im Original von Marcus Rowland geschrieben und von Heinrich Glumper ins Deutsche übertragen, schickt die Charaktere auf den Mond. Ernsthaft!
In einem Kohlebergwerk im britischen Lancashire aus soll die erste Expedition der Menschen auf den grauen Trabanten geführt werden, denn dort ruht ein Tor. Die große Rasse von Yith hinterließ es dort und nachdem ein erster Verlorener das Vakuum am anderen Ende entdeckte, soll nun eine gerüstete Expedition ausrücken.
Man merkt es schon, „Bleicher Mond“ ist ebenfalls irgendwie anders als die anderen Szenarien der Reihe. Nicht unbedingt im Schlechten – Puristen mögen ob der Rahmenhandlung zwar das kalte Grausen kriegen, wer sich aber darauf einlässt, kriegt zumindest ein unglaublich abwechslungsreiches Szenario geboten.
Nichts für Leute, die eher wenig Mythos-Elemente in ihrer Kampagne haben wollen, freilich. Neben besagtem Tor gibt es noch einen langen Auftritt der großen Rasse von Yith, eine Stasis-Zeitmaschine und allerlei mehr. Sogar zahlreiche Möglichkeiten, aus dieser Prämisse eine Kampagne abzuleiten, werden gegeben.
Eher verrückt, das Ganze. Meine Sorge ist es wohl, dass es je nach Gruppe und Spielleiter etwas in eine reine Slideshow der abstrusen Ideen abrutschen könnte, aber mit etwas Tuning passt das schon.
Ein gutes, kein überragendes, Szenario, mit einer der irrsinnigsten Geschichten, die das deutsche Cthulhu bis zum heutigen Tag erzählt hat.

Aufmerksamen Lesern mag aufgefallen sein, dass ich abseits des Einleitungszitats noch nirgends den Titel des Schütte-Szenarios erwähnt habe. Nun, tue ich das doch mal: das Abenteuer heißt „König! ... Reich ... ! ... Unten!“
Alles klar?

Es macht aber Sinn, denn während einer Zugfahrt springt den Charakteren von Außen einer an die Scheibe und ruft ihnen etwas zu. Sie verstehen kaum etwas, nur die Worte „König! ... Reich ... ! ... Unten!“ dringen an ihr Ohr.
Man muss Schüttes Abenteuer nicht mögen, aber innovative Idee finden sich darin ganz sicher. Neben dieser Eröffnung hat er ja auch schon inmitten Deutschlands Motorblöcke mit Speeren durchschlagen und nicht zuletzt in einem von ihm erdachten (wenn auch von Wolfgang Schiemichen geschriebenen) Abenteuern Indy Jones und seinem Feind Belloq einen Auftritt verschafft.
Die Exposition „König! ... Reich ... ! ... Unten!“ geht sicherlich in die gleiche Richtung und auch das Abenteuer ist erfrischend, denn „es kommt ohne neue Mythosgötter und finstere Kulte aus“, wie er gleich in der Einleitung schreibt.
Vielmehr nimmt sich Schütte Ratten, sowie den Mythos um einen „Rattenkönig“, und entfesselt eine lebensbedrohliche Queste inmitten der Stadt Plauen im sächsischen Vorland.
Mir hat das Szenario recht gut gefallen, vom Aufbau wie auch von der Idee her. So gibt es zu Beginn umfassende Beschreibungen der Vorgeschichte, des geplanten Abenteuerablaufs und allem, was man als SL sonst so wissen sollte.
Auch der eigentliche Text ist gebräuchlich strukturiert und das Szenario selbst, wie schon gesagt, sicherlich auch spielenswert. Ob „König! ... Reich ... ! ... Unten!“ das Potential zu einem Evergreen der Cthulhu-Geschichte hat, weiß ich nicht, aber es ist ganz sicher eines der besten Szenarien, die ich in den letzten Monaten für Cthulhu gelesen habe.
Könnte mir sogar gut vorstellen, das direkt einmal zu leiten.

Ein Fazit zum Gesamtband „Bleicher Mond“ fällt mir dieses Mal leicht. Es gibt mit dem Titelgeber und „König! ... Reich ... ! ... Unten!“ gleich zwei gute Szenarien, die beide nicht auf irgendwelchen festgetretenen Pfaden wandeln, sondern mit frischen (und im ersten Teil sicherlich auch absonderlichen) Ideen darauf warten, gespielt zu werden.
Das gibt es auf 106 redaktionellen Seiten in schöner Aufmachung inmitten eines stimmungsvollen Umschlags, auf dessen Rückseite zudem der unglaubliche Preis von nur 14,95 Euro frohlockt.
Wer Cthulhu spielt und experimentiertfreudig ist, sollte zum Mond reisen.
Wer Cthulhu spielt und mal ein Abenteuer ohne die immer gleichen Götter sucht, sollte mit dem Zug nach Plauen fahren und den Ruf „König! ... Reich ... ! ... Unten!“ vernehmen.
Wer Cthulhu spielt und einen neuen Abenteuerband sucht, macht hier nichts falsch.


Name: Bleicher Mond
Verlag: Pegasus Press
Sprache: Deutsch
Autoren: Marcus Rowland, Steffen Schütte {jcomments on}
Empf. VK.: 14,95 Euro
Seiten: 106

 

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