Cthulhu 1000 AD

Quod in aeternum cubet mortuum non est,
et saeculis miris actis etiam mors perierit.

Aus Cthulhu 1000 AD

Hm, dieses Mal sind wir wirklich spät dran. Schon vor fast zwei Jahren ist der vorliegende Band, „Cthulhu 1000 AD“ erschienen – doch da wir ja doch quer durch alle Systeme Rezensionen schreiben, mit einem recht geringen Stab an Rezensenten und, zusätzlich, Pegasus auch sonst nicht gerade mit Neuerscheinungen geizen, musste der erste der mittlerweile recht angewachsenen Reihe der Sonderbände zum offiziellen Magazin recht lange auf seine Bewertung warten.

Die Reihe, kurzum, ist mittlerweile effektiv zu ihrem vierten Teil übergegangen, wenn sie auch seit zwei Bänden „Cthuloide Welten Bibliothek“ heißt. Die anderen Bände werden auch nach und nach hier besprochen werden, den Anfang macht aber nun erst einmal „1000 AD“.

Das was sicherlich als erstes auffällt, ist das abweichende Design. Zur Zeit des Erscheinens war die Optik des Umschlags der Cthulhu-Bände doch sehr streng formalisiert, mit immer gleichem Design und Buchrücken. Doch selbst heute bricht „1000 AD“ erkennbar mit diesem Look, wird der Band doch von einem 'echten' Cover, übrigens von Künstler François Launet, welches in Gestaltung, Motiv und Farbgebung bereits überaus gekonnt den Flair des tiefen Mittelalters einfängt.
Auch ein neuer Randbalken fällt einem da sofort ins Auge, die bekannten zerfaserten Ränder sind hier einer HR Giger zu Ehren gereichenden Formation gewichen, die das Buch sehr schön einschließt.
Letztlich, das wird dann auch schnell beim Durchblättern klar, mussten natürlich auch für das deutsche Cthulhu eher ungewohnte Wege in der Illustration gegangen werden, da „historische Fotos“ aus dem Mittelalter nun doch etwas fragwürdig gewesen wären.
Anstatt nun aber Mitarbeiter peinlich zu verkleiden, wurden hier die zeichnerischen Qualitäten von François Launet und Autor Stéphane Gesbert bemüht und insgesamt ein sehr schöner Band geschaffen, der erfreulich wenig nach Fantasy, sondern wirklich nach „Mittelalter“ aussieht.

Mit dieser Prämisse ist aber auch schon eine gute Definition für das getroffen, was den Band irgendwo ausmacht. Hier wurde kein „Dungeons & Cthulhu“ gebaut, sondern man hat sich redlich bemüht, die historische Glaubwürdigkeit, die die Pegasus-Reihe allgemein ausmacht, auch auf das Mittelalter anzuwenden.

Doch bevor man zu den besagten harten Fakten kommt, muss man zunächst einmal über ein Vorwort sowie das Kapitel „Spielmechanismen“ hindurch. Die Existenz des Letztgenannten sollte übrigens nicht dahingehend fehlinterpretiert werden, dass der Band als volles Grundregelwerk fungiert (wie es die englische Ausgabe, die wiederum eine Rückumsetzung des Pegasus-Buches darstellt, beispielsweise ist) oder aber sehr regellastig ist.
Vielmehr Stellen die gerade mal 13 Seiten der „Spielmechanismen“ einfach das nötige Update auf das Jahr 1000 nach Christi Geburt dar. Klar, dass der Fertigkeitensatz ein etwas anderer sein muss, klar auch, dass die Namensgebung von der heutigen Namenswahl etwas abweicht – oder kennt jemand heute noch einen Agilwulf oder Ludouuih?
Das Kapitel ist nützlich, kompakt, in meinen Augen eine korrekte Umsetzung der Zeit und durch weitere Inhalte wie die Ausrüstungsliste oder aber einige (wenige!) Kampfregel-Erweiterungen nützlich und direkt zu Beginn sinnvoll.

Bei „Das alte Grimoire“ bin ich mir da dann nicht ganz so sicher. Nützlich und sinnvoll ist auch dieses zweite Kapitel des Bandes; ob es aber direkt an zweiter Stelle in das Buch gehört, weiß ich nicht.
Aber gut, was kann man sich unter dem Kapitel nun genau vorstellen? Richtig, es geht um Magie, die hier nun eben präsentiert wird. Rund 40 Zaubersprüche, nicht zwangsweise mit Mythosbezug, werden auf- und ausgeführt. Wie gesagt, ich halte das Kapitel eigentlich nicht für so essentiell, dass es direkt vorne stehen muss und hätte es mir eher als Referenz am Ende gewünscht, aber inhaltlich kann man an dem Kapitel nicht viel rütteln.
Sinniger sind auch schon die letzten Seiten des Abschnittes, wo auch die Mythosbücher der Zeit gelistet sind, jeweils mit Anmerkungen zur damaligen „Veröffentlichungsform“.

Um den Regel-Reigen dann komplett zu machen folgt an dritter Stelle das „Bestiarium“, welches erstaunlich gut den Mittelweg zwischen Mythosgestalten und klassischen, mythologischen Figuren schafft. Interessant dabei, dass man weniger beides getrennt aufgelistet hat, sondern vielmehr sich müht, den mythologischen Gestalten cthuloide Gegenparts zuzuordnen, etwa die Darstellung von Lindwürmern als Dhole, Flugkraken oder Hetzenden Schrecken.
Ein schöner Ansatz, der auch noch gut umgesetzt wurde und das Kapitel, entgegen meiner ersten Erwartungen, informativ und inspirierend daherkommen lässt.

Dann sind wir, mittlerweile glatt auf Seite 50 angelangt, auch bei meinem persönlichen Liebling angekommen: „Finstere Jahre: 950 – 1050“. Auf zwanzig randvollen Seiten wird die Welt des Mittelalters recht ausführlich behandelt und vor allem auf das Lebensgefühl der Zeit eingegangen. Anders als ein Geschichtsbuch, welches normalerweise ja vor allem Fakten schildert, geht es hier um das Lebensgefühl. Wie maß ein Mensch damals Zeit, wo lebte er, was fürchtete er, warum verstand er die Gebete der Kirche nicht und was für Kleidung trug er wohl?
Sehr nützlich sind die sogenannten „Portraits“, in denen etwa ein mittelalterlicher Kriegsherr einfach, fast mundgerecht für den Spielleiter, beschrieben wird. Sehr schön, sehr nützlich, denn so hat man trotz des relativ geringen Seitenumfangs schnell ein ungewohnt gutes Bild der damalige Epoche. Für mich mit Abstand das stärkste Kapitel des Bandes.

Die restlichen 44 Seiten gehören dann zu dem Abenteuer „Die Gruft“, mit dem man sogleich auch in das Jahr 1000 AD herab tauchen kann. Gewohnte Pegasus-Qualität, mit wunderschönen Handouts, einer grundsoliden Handlung und allerlei Stimmungstexten. Hat mir auch sehr gut gefallen, vermittelt vor allem weiterhin gut die Stimmung, die sich bis dahin beim Lesen des Buches eingestellt hatte.

Abschließend kann ich jedem nur raten, mal einen Blick auf „Cthulhu 1000 AD“ zu werfen. Der Band könnte zwar noch deutlich mehr Inhalt bieten, aber für den unschlagbaren Preis von unter 15 € kriegt man schönes Hintergrundmaterial, sinnvolle Regelungen und ein gutes Abenteuer in einem sehr schönen Quellenband.
Wer das Mittelalter hasst oder meint, dass die Idee vom Cthulhu-Rollenspiel nicht mit dieser so rohen Epoche vereinbar ist (was eine interessante Diskussion wäre, hier aber nicht weiter ausgeführt werden soll), der sollte sich den Band durchaus mal näher betrachten – gerade wer von den 1920er langsam mal etwas übersättigt ist, kann hier vielleicht noch mal eine erfrischende Zuflucht finden...


Name: Cthulhu 1000 AD
Verlag: Pegasus Press
Sprache: Deutsch
Autoren: Stéphane Gesbert, erweitert von Hannes Kaiser und Frank Heller
Empf. VK.: 14,80 Euro {jcomments on}
Seiten: 114

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