Cthulhus Schattenseiten

Das gesammelte cthuloide Material der RuneQuest Gesellschaft e.V.
der komplette Text vom Backcover von Cthulhus Schattenseiten

Cthulhu ist ja seither ein System, dass sich unter anderem auch durch Publikationen kleinerer Verlage unter dem wohlwollenden Blick der Lizenzinhaber auszeichnete. Fantastische Spiele GbR publizieren ja schon eine geraume Weile Abenteuer, und das vom G&S Verlag herausgegebene 'Unter Druck' ist gänzlich unverdient an den Augen der meisten Kunden vorbeigegangen.
Nun hat sich auch die RuneQuest-Gesellschaft offensichtlich gedacht, dass da noch was Geld zu holen sei, hat weiter ihr gesamtes Material von ihrer Webseite, den 'Schattenseiten', kompiliert und in das vorliegende Werk gesteckt.
Das macht auch, gar keine Frage, auf den ersten Blick einen zumindest soliden Eindruck. Aufgemacht wie ein uralter Foliant, vermutlich sogar abfotografiert, sieht das Buch durchaus edel aus. Der Umschlag ist hoch glänzend und mindert den Eindruck zwar, doch kann ich das verzeihen, weiß ich doch, was eine matte Beschichtung von Buchrücken kostet; schlimmer ist die Schrift. Da hat wohl wer das Wordart für sich entdeckt und demonstriert nun in grell gelb-rot gestreifter Schreibschrift sein layouterisches Unverständnis.

Schlägt man das Buch aber auf, bemerkt man, dass Illustration, Druck, Layout und selbst Satz noch Meilen unterhalb der Qualität des Covers liegen. Da sind zunächst mal die Bilder – wer hat die denn ausgesucht? Zugegeben, die meisten Fotos sind gut, aber die gezeichneten Bilder rangieren von 'gut gezeichnet, aber scheußliches Motiv' bis hin zu 'der Zeichner verdient den Tod!'. Vertreter der ersten Kategorie sei dass Ding, dass wohl Cthulhu sein soll, auf Seite 107. Mit seinem stolzen Geweih würde ich diese Missgeburt aber höchstens in der Rolle des furchtbaren 'Hirschulhu' einsetzen wollen...
Kategorie zwei wird sehr schön von dem Mitglied der Großen Rasse von Yith auf Seite 98 dargestellt; dieses Bild ist klar das Opfer eines Verbrechers geworden. Leider hat er sein Bild nicht signiert. Man würde sich hier ja schon aufregen, wenn die Dinger nicht teils echt zum Blöken schlecht wären..
Der Druck unterbietet alles, was mir bisher untergekommen ist, und zeichnet sich abwechselnd durch ein abscheuliches Raster, schlechten Kontrast und gigantische Pixel aus.
Das Layout ist zweispaltig, mit einer Schriftgröße irgendwo zwischen 12 und 14, grob geschätzt. Aber wenn man das Buch 'normal' gelayoutet hätte, sagen wir mal 10pt., dann wäre vermutlich jedem schmerzlich die Kürze der Beiträge aufgefallen. Dann gibt es da noch Kopf und Fußzeilen, aber da steht auch immer nur der Titel diese Werkes drin; danke, wenn der nicht vier mal pro Doppelseite (mindestens in 16pt.) stünde, würde ich den vermutlich sogar noch in seiner Dummheit ignorieren können. Ich vermute mal, WORD wurde hier zum Layout verwendet ... und so sieht es leider auch aus.
Bleibt noch der Satz und, damit verbunden, die Orthografie, und da bekommt man langsam aber sicher Schreikrämpfe. Klar, Silbentrennung ist Luxus? Satzschlusszeichen? Warum denn das, in Latein ging es doch früher ohne! Einheitliche Typisierung? Wer braucht das schon! Seitenzahlen jeweils auf die Außenseiten? Pah, die der linken Seite kommt in die Pfalz und fertig!
Und wer dennoch in den Text blickt, der muss dann auch noch zähneknirschend so manchen Fehler ignorieren, der einfach nicht passieren darf.
Etwa der NSC Zodak Allen, der in der Überschrift mal eben zu Zadok Allen wird (S. 70). Oder auch meisterhafte Sätze wie "Shirley Jacksons erschreckendes "Wir haben immer in der Burg gelebt" [...] ist ein großartiges Bude in dieser Tradition" oder auch "In fast allen Zombiefilien wird die alte Welt durch die neue Welt des Zombieterrors ersetzt" (beide S. 132) sind in ihrer Falschheit schon beeindruckend.

Kurzum: wer ein Beispiel sucht, wie man Bücher nicht layouten soll, freut sich; der Rezensent ist sich derweil sicher, dass er vermutlich, wenn alle Bücher so aussehen würden, mittlerweile vollständig blind wäre.

Kommen wir also, bereits guter Dinge, zum Inhalt. Der gliedert sich in vier große Bereiche, "Abenteuer", "Hintergrundartikel", "Sekundärliteratur" und "Sandy Petersen" – äh , ja.
Bei den Abenteuern gibt es sechs Einträge, teils übersetzt, teils original aus Deutschland, fast alle schlecht.
"Das Morbach Monster" von Thorsten Gresser führt uns in meine Heimat, die Eifel. Leider den Autor nicht, dieser beschränkt sich auf eine Werwolferzählung zum titelgebenden Ort, die sich wiederum auf einer englischen (!) Webseite befindet, die sich wiederum auf eine eMail beruft. Was bleibt, ist mit ein mit Hängen und Würgen auf 'anders' getrimmter Werwolf-Plot ohne Stimmung.
"Der Große Nlabh' M'nala Nkonde" empfiehlt nicht nur den Besitz des vergriffenen und mittlerweile absolut unbezahlbaren 'Green and Pleasent Lands', sondern führt uns auch in die Fänge eines fleischfressendes Riesenstraußes und somit lieber gleich zum nächsten Szenario, bevor ich hier ganz die Fassung verliere.
"Comedia del morte" ist dagegen dann sogar mal ... okay. Es geht halt um unheimliche Vorgänge in einem Theater und eine als Stück getarnte Beschwörung – hat man schon tausend mal gesehen, klappt aber dennoch ganz gut.
"Mit brennendem Hass" ist Cthulhu-Matrix in Reinkultur, führt aber nicht zu Magenschmerzen, "Das Teufelsriff" ist dagegen eine recht getreue Adaption von Lovecrafts Geschichte "Schatten über Innsmouth". Das klappt noch überraschend gut, der Schluss ist aber verbaut und bitte, bitte liebe Autoren dieser Welt, versucht doch nicht, so zu schreiben, wie Lovecraft es getan hat. Sonst gibt das Sätze wie den auf Seite 75: "Zur gleichen Zeit beginnen auch die seltsamen Träume, in denen Du mit Anderen durch zyklopische Städte auf dem Meeresgrund schwimmst, in denen Du durch phosphoreszierende Paläste schreitest".
"Das Einkaufszentrum" von Sandy Petersen selbst ist dagegen ziemlich cool. Es ist gerade heraus und hat wenig mit klassischen Cthulhu-Szenarien zu tun, aber hey, es hat ein Einkaufszentrum und es hat Zombies. Und das finde ich gut. Sollte nicht die Regel werden für das System, aber Zombies und Einkaufszentren, das passt doch einfach gut zusammen.

Somit sind wir bei den Hintergrundartikeln; leider. "H.P. Lovecraft im Cthulhu RPG" stellt uns den Urvater selbst als Rollenspielcharakter vor und gibt Tipps, wie viel Mythos und Stabilitätsverlust in seinen Romanen und Geschichten lauern. Gut, der Artikel hat ein paar unfreiwillige Lacher (Lovecraft hat 'Englisch Lesen/Schreiben' auf 100%? 'Schatten über Innsmouth' kostet 2W6 Stabilität?), ist aber sonst vollkommen nutzlos ... und dennoch der beste seiner Art.
"Cthulhu X – Die Cthulhu-Akten" ist eine Adaption der Akte-X-Charaktere auf Cthulhu. Ich könnte mich jetzt darüber aufregen, was für blödsinnige Zitate Mulder und Scully bekommen haben (Scully: "Ich könnte etwas Koffein brauchen." – hä?!), könnte mich weiter darüber aufregen, dass sie die wirklich ungünstigsten Beispielfälle gewählt haben, belasse es aber bei einem Zitat aus der Einleitung des Artikels: "Die folgenden Daten beruhen auf der Kenntnis der ersten beiden Staffeln der Fernsehserie."
Die nächsten 28 Seiten gehören der gleichen Verbrecherin, die auch die X-Akten zwischen hatte. Nun aber widmet sie sich diversen Kreaturen des Mythos und schreibt lange Artikel zu ihnen, namentlich zum Schlangenvolk, der Großen Rasse von Yith, den Ghulen, den Tiefen Wesen, den Älteren Wesen und den Insekten von Shaggai.
Diese Ende der Neunziger erschienen Artikel zeugen so richtig davon, was für Sprünge es seither in diesem Bereich gegeben hat? Beschreiben durch 'nicht-beschreiben', Subtilität und Mysterien sucht man hier vergebens, hier geht es knallhart zur Sache und es ließt sich, wie ein Beitrag zur nächstbesten ZDF-Tierdoku.

Womit wir, einige Jahr vor Schrecken gealtert, nun die Sekundärliteratur erreicht hätten, und tatsächlich scheinen kurz einzelne Sonnenstrahlen durch das bisherige Unwetter. Steffen Schütte, wohl noch eine der Cthulhu-Legenden aus der alten Zeit im Laurin-Verlag, widmet sich in "Angstlust" im großen und ganzen der Frage, wer Horrorliteratur konsumiert und warum er das vermutlich tut. Nichts weltbewegendes, aber interessant.
"Von Wahnsinn und geistiger Gesundheit" kündet Ex-Cthulhu-Chefredakteur Wolfgang Schiemichen, allerdings eher davon, wie man so etwas wohl therapiert. Ob man dazu diese zwei Seiten Regeln braucht, sei dahingestellt. "Kleine Tipps für Weltensucher" ist dagegen ebenfalls von ihm und war damals eigentlich zum Abenteuerwettbewerb "Bizarre Welten" erschienen; was er nun hier drin macht, weiß ich aber nicht.

Der abschließende Sandy Petersen-Block ist dann eine halbgare Mischung aus literatischer Selbstüberschätzung, nützlicher Tipps und veralteter Texte. Seine Kategorisierung des Horrors ist eine Tüte Magenschmerz für den Literaturkenner, seine Tipps für Rollenspieler entsprechend besser, aber leider auch nichts Neues, seine Abhandlungen zu Musik im Rollenspiel nett, aber auch nicht mehr, seine FAQ mit ihren gigantischen zwei Punkten ein Witz und sein Leitfaden zum Abenteuerentwickeln leider etwas mit Tunnelblick geschrieben. Dann empfiehlt er halt Filme. Seine 'schrecklichsten Filme' aller Zeiten klammern bewusst und explizit so viele Klassiker ('Bis das Blut gefriert' ist zu subtil, 'Der Exorzist' nicht mehr wirksam und 'Alien' zu bekannt in seinen Augen) aus und schaffen es dennoch nicht, da wirkliche Geheimtipps zu geben, denn 'Evil Dead', 'Braindead' oder auch das 'Texas Chainsaw Massacre' kennt man heute einfach. Die besten Filme zu Halloween, ein weitere Artikel, sind teilweise in Deutschland nicht mal zu kriegen.
Abgeschlossen wird das Buch dann noch von einer Geistergeschichte, die Petersen selbst erlebt hat (haben will?); die ist nett, sympathisch sowie durch und durch nutzlos.

Also fassen wir zusammen. Wir haben hier 156 Seiten mit riesigem Text, einem Augenkrebs erzeugenden Layout und einer recht wilden, inhaltlichen Mischung. Ein lustiges und ein durchschnittliches Abenteuer, vier für die Tonne. Acht Artikel, einer davon gerade mal noch Durchschnitt, der Rest für die Tonne. Drei Sekundärartikel, einer gut, zwei eher nutzlos. Und eine im Schnitt eher unbefriedigende Artikelsammlung von Erfinder des Systems.
Das Ganze kostet 15,95 Euro.

Mein Rat ist ganz klar: nehmt euch diesen Betrag, packt noch fünf Cent drauf und kauft euch damit die vierte, fünfte und sechste Ausgabe der Cthuloiden Welten – die haben auch eine wilde Mischung aus Hintergrundartikeln, Abenteuern und 'sekundärer' Literatur, sind aber dazu noch gut und ihr bekommt etwa die dreifache inhaltliche Menge geboten.

Einzig der Titel hat sich bewahrheitet: dieses Buch präsentiert Cthulhu von seiner dunkelsten Schattenseite.


Name: Cthulhus Schattenseiten
Verlag: RuneQuest-Gesellschaft e.V.
Sprache: Deutsch
Autoren: diverse, vor allem aber André Jarosch
Empf. VK.: 15,95 Euro
Seiten: 156{jcomments on}

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