De Profundis

Zunächst dachte ich, ich hätte ein Tagebuch vor mir. Als ich jedoch weiter blätterte, sah ich Tabellen mit Zahlen und Buchstaben, kryptische Formeln und seltsame Symbole vor mir. Ich brauchte einige Zeit, um zu verstehen, was ich in meinen Händen hielt, doch dann begriff ich: es war ein Spiel!
Ein unverständliches, unendlich komplexes und dennoch klares und einfaches Spiel.

vom Backcover von De Profundis

Als Ralf Sandfuchs mir auf der Cthulhu-Con 2003 erzählte, das er gerade für Krimsus Krimskrams-Kiste das ursprünglich polnische Erzählspiel „De Profundis” übersetzt habe, war ich zunächst einmal skeptisch.
Ich kannte das Spiel in der englischen Übersetzung, noch unter alter Besatzung bei Hogshead Publishing erschienen, und obschon die Idee eines cthuloiden Briefspiels, denn darum geht es im Endeffekt, sehr verlockend war und auch durchaus verlockte, so war der Band insgesamt nicht wirklich fesseln.
Die Aufmachung war zu lieblos, der Texfluss nicht wirklich gelungen.
Aber wie ich Ralf so zuhörte wurde klar, dass man weit mehr Aufwand in das Produkt stecken wolle und als dann auf der SPIEL am Krimsu-Stand war und den Band für gerade mal 7 Euro 50 erspähte, musste ich einfach zugreifen und mir selbst ein Bild machen.

Ich denke, es hat sich sehr gelohnt.
Der Band kommt im DinA5-Format daher, ist somit noch etwas kleiner als die Hogshead-Fassung, die im internationalen Comicformat erschienen war, doch ist das hier sicherlich kein Nachteil.
Da es sich um ein Briefspiel im weiteren Sinne handelt (zur eigentlichen Spielmechanik später mehr), ist das Layout entsprechend angepasst. Zwar nicht handgelettert, doch dennoch sehr schön arrangiert, liest man die Briefe eines gewissen Michal an einen ebenso gewissen Ralf ... klar, oder?
Schade ist dabei, dass das Buch, welches über Books on Demand gedruckt wurde, eindeutig ein Problem mit der Auflösung der Grafiken hat. Der Fehler, so versicherte man mir, liegt dabei aber nicht bei der Vorlage sondern in der Druckerei selber. Schade, wenn es auch nicht ins Gewicht fällt, so hätte ein gestochen scharfer Drucker ein optisch gutes Produkt auch schnell in die Königsklasse heben können.
So aber sind die Grafiken schlicht verpixelt und das Nachwort von Ralf Sandfuchs ist – da als handschriftliche Grafik eingefügt – kaum zu lesen.
Schade, wie gesagt.

Aber der Text selbst ist dafür richtig gut geworden. Der schwelende Wahnsinn des lovecraftschen Horrors, der hier dargestellt werden soll, trieft im weiteren Verlauf geradezu aus dem Buch, gerade die Erzählung in Briefen gibt da ausreichend Potential, welches der Übersetzer auch gut zu nutzen wusste.

Aber nachdem wir nun genug zum 'Außenherum' gesagt haben – worum geht es nun eigentlich in „De Profundis“?
Man darf hier kein klassisches Rollenspiel erwarten. Kein Spielleiter, keine Würfel und eigentlich auch keine Regeln gilt es zu meistern. Dennoch ist die Idee simpel und sehr nahe an der ursprünglichen Erzählweise H.P. Lovecrafts.
Man schreibt sich Briefe. Man erzählt sich eine Geschichte über die Briefe, verkörpert sich oder auch einen anderen Charakter. Während dieses Briefwechsels wendet man sich, ganz gleich den Protagonisten aus Lovecrafts Brief- und Tagebucherzählungen, Dingen von kosmischem Grauen zu und langsam aber sicher steigert man sich hinein, in den Wahnsinn, der einem nur bleibt, wenn man einmal hinter den Schleier der Rationalität geblickt hat.

Das Konzept ist sehr reizvoll und wird in dem Band auch bereits der gut vermittelt, man ist direkt in der Stimmung, loszulegen. Unterstrichen wird der Reiz sicherlich auch durch die ungewohnte Form, denn es fordert einen schon direkt ganz anders, sich an seinen Tisch niederzusetzen und wirklich einen Brief zu verfassen. Ebenso wie es doch etwas ganz anderes ist, wenn man mal nicht vom Spielleiter hört, dass man eine unerwartete Nachricht von einem alten Freund bekommen hat, oder wenn man morgens den Briefkasten öffnet, einen echten Umschlag mit ins Haus nimmt und öffnet.
Gerade auch durch die endlosen Möglichkeiten der Ausgestaltung kann man sich einmal richtig austoben, sich richtig hinein versetzen und die Grenzen zwischen Spiel und Realität ein wenig anzuknacksen.
Daher aber auch mit Recht die Warnung auf dem Backcover, dass es ein Spiel für „geistig stabile Erwachsene“ ist. Die Phantastik wird ein kleiner Teil des Alltags, und mehr Raum darf sie dann auch nicht einnehmen. Man muss, wie immer, die Grenze ziehen können.

Wer das aber kann, dem steht wirklich mal innovatives und doch herrlich klassisches Spiel bevor. Und zuvor eine vergnügliche Lektüre, denn wir oben schon geschrieben vermittelt das vorliegende Büchlein bereits die richtige Stimmung und gibt auch Ratschläge, wie man sich selbst vor der Lektüre eines neuen Briefes einstimmen kann.

Wie man merkt, ist „De Profundis“ mehr eine Inspiration als ein wirkliches Regelwerk – letzteres gibt es hier ja auch schlicht nicht.
Dennoch ist der Kauf von mir klar empfohlen (sofern man sich eben für stabil hält), gerade der günstige Preis ist schon Grund genug.

Beide Daumen hoch!


Name: De Profundis
Verlag: Krimsus Krimskrams-Kiste
Sprache: Deutsch
Autoren: Michal Oracz, überarbeitet von Ralf Sandfuchs
Empf. VK.: 7,50 Euro
Seiten: 80{jcomments on}

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