Horror im Orient-Express Bd. 1 - London

Band 1: London beschreibt den Beginn der Reise und enthält zugleich alles Quellenmaterial über den Orient-Express sowie wichtiges Spielmaterial für die weitere Kampagne.
vom Backcover von Horror im Orient-Express Bd. 1 – London

Lange mussten die Fans um diesen Band betteln. Während „In Nyarlathoteps Schatten“, die andere große Cthulhu-Kampagne aus der Feder Chaosiums, schon früh bei Pegasus erschien, ließ der „Orient-Express“ lange auf sich warten.
Nun ist es aber endlich soweit, zumindest der erste Schritt ist gemacht. Denn anders als das lange vergriffene und bei eBay normalerweise schrecklich teure Original erscheint die Kampagne bei Pegasus nicht in einer Box, sondern in Form von vier separaten Bänden.

„London“ gibt sich zunächst einmal als sehr schönes Softcover. Der Umschlag stammt, wie man das kennt, von Manfred Escher und der einzige Grund, warum man nicht von „gewohnter Qualität“ sprechen sollte ist wohl der, dass es nicht annähernd eine angemessene Beschreibung seiner von Mal zu Mal besser werdenden Arbeiten ist. Der Zug, der rötliche Farbton, das umgebende Muster und die durchschimmernden Fragmente billden ein ansprechendes Ganzes, welches dank der angedeuteten Eisenbeschläge am Rand dennoch wie ein Bucheinband wirkt. Eine sehr schöne Arbeit.

Die Innengestaltung ist es aber, die bei diesem Band noch deutlicher heraus sticht. Konstantyn Debus, einer der Köpfe hinter der revolutionären Bebilderung des „Malleus Monstrorum“, hat sich für den „Orient-Express“ etwas ganz besonderes einfallen lassen.
Das schlichte, aber elegante Design transportiert perfekt den Flair, den das Thema „Orient Express“ allgemein vermittelt und hebt sich in vielen Punkten von dem ab, was man bei Cthulhu gewöhnt ist. Keine verbrannten Ränder, keine ‚Leonardo da Vinci‘-Handschrift und keine verstörenden Zeichnungen von François Launet – nicht einmal Seitenzahlen hat der Band.
Statt dessen thront über jeder Seite eine kleine Uhr und wer im Inhaltsverzeichnis nachschaut, der findet sich in einer Art Fahrplan wieder. Schaut man als in der ersten Spalte unter „Die Kampagne“ nach, so sieht man, dass der betreffende Teil um 14:45 beginnt. Das ist neu, das funktioniert erstaunlich elegant und hat mir, wie das ganze Design, rundum gut gefallen.
Rein von der Verarbeitung her fällt der Band auch etwas aus dem Rahmen, wenn man ihn mit den anderen Softcover-Bänden des Systems vergleicht, was sich vor allem in einem matten Einband und dickerem Papier zeigt, ohne aber, dass ich da jetzt ein Pro oder Contra zu geben wollte.

Inhaltlich gliedert sich der Band, der wie gewohnt massiv überarbeitet wurde, in vier Teile. Zwei davon, Vorwort und Anhang, seien hier mal nur in ihrer Existenz erwähnt, das Fleisch hängt vor allem an den Knochen der Teile zwei und drei.
„Der Orient-Express“ dauert von 12:15 bis 16:20 und beschreibt sowohl den Zug als auch die Kampagne selbst. Die historischen Informationen sind mit Liebe zusammen getragen worden und erfreuen auch eher von Eisenbahnen unbegeisterte Leser mit liebevollen Details und gut zu- und eingänglichen Informationen.
Doch auch die Hinweise zur Kampagne sind vorbildlich, wie man sich das von einem solchen Band nur wünschen kann. Grob wird bereits umrissen, was teils auch erst in den Folgebänden passieren wird, so dass man als Spielleiter von vorneherei weiß, worauf man sich einlässt. Wer typische einzeln veröffentlichte Kampagnen anderer Systeme, etwa „Die sieben Gezeichneten“ bei DSA oder „Der innere Feind“ bei Warhammer, kennt, der weiß, wie schnell man sich an den späteren Bänden vorbei improvisiert – hier wurde vorgesorgt.
Zuletzt werden auch noch neue Zauber und Kreaturen geboten, sauber abgesetzt und zur günstigen Referenz und eigenen Wiederverwertung geeignet. Sehr löblich.

Der Abenteuerteil spielt in London und führt die Charaktere in die Handlung ein. Zwar hat der Einstieg einen Hauch von Cthulhu-Matrix an sich, also der standartisierten Abenteuerstrukturen, die vor allem in älteren Bänden dominieren. Hier ist es ein alter Freund (komplett mit dem „Was ihr über ihn wisst“-Handout), der sie in das Abenteuer lockt.
Generell – Warnung Spoiler! – geht es um das „Sedefkar-Simulakrum“, eine Statue von menschlicher Gestalt. Die Spieler reisen durch ganz Europa, um die Teile der Statue aufzuspüren, dienen damit aber insgesamt dunklen Machenschaften, von denen sie zumindest im ersten Teil nicht wirklich etwas erfahren können.
Angereichert mit einem Sonderabenteuer können die Spieler also durch London ziehen und ersten, Vorsicht Doppeldeutigkeit, Mythen nachgehen. Dabei sei erwähnt, dass die Kampagne zwar generell alle Informationen bieten wird, die man braucht (etwa exzessive Quellenteile zu den eventuellen Reisezielen), gerade in Band 1 aber durchaus ein ganz gut gefülltes Buchregal nur hilfreich sein kann. „London – Im Nebel der Themse“ etwa, da aufgrund des recht frischen Bandes im ersten Band des „Express“ auf eine genauere Beschreibung der britischen Metropole verzichtet wird, sowie etwa einen der vielen genannten Bände mit Englandbezug („Wales“, „Dartmoor“ oder „Kinder des Käfers“), um die Charaktere vorher erst einzuführen.
Am Ende des Bandes beginnt dann auch die eigentlich titelgebende Zugfahrt...

Daraus resultiert, dass wir hier eigentlich auch kein komplettes Fazit geben können. Die Handlung ist nicht wirklich innovativ, aber macht einen spannenden Eindruck, die Darbietung ist inhaltlich wie optisch exzellent und die Ausstattung (drei Zugpläne und eine Karte der Reiseroute in DinA3 liegen ebenfalls bei) lässt keine Wünsche offen.
In wie weit die Kampagne allerdings selbst punkten kann, muss sich nun mit den nachfolgenden Bänden zeigen. Ich denke, schon nach dem für Anfang 2005 geplanten „Band 2: Von Paris bis in die Alpen“ werden sich bestimmte Qualitäten zeigen. Es muss sich dann zeigen, ob die recht grenzlastige Location Probleme durch hohe Charaktersterblichkeit aufweist, ob der äußerst manipulative Widersacher der Spieler effektiv eingesetzt werden wird und wie sich die neuen Pegasus-Szenarien in das bereits bestehende Bild der Kampagne einfügen werden.
Vorläufig hat mir Band 1 ausnehmend gut gefallen und lohnt sich vermutlich allein aufgrund seiner Schönheit und der historischen Information zu dem berühmtesten Zug aller Zeiten. Auch der Abenteuerteil überzeugt und sieht man einmal von dem nicht zu einhundert Prozent optimalen Einstieg ab gibt es eigentlich nichts, worüber man meckern kann.
Wenn die nachfolgenden drei Bände diese Qualität halten können, so steht Cthulhu-Spielleitern und Spielern ein wahres Freudenfest voraus und die Wartezeit hat sich gelohnt.

Zwei Sachen aber kann ich schon jetzt mit Sicherheit sagen: schon jetzt merkt man, dass „Horror im Orient-Express“, sei es auch erst seit der Überarbeitung durch die Jungs und Mädels bei Pegasus, weitaus mehr spielerisches Potential bieten dürfte, als es „In Nyarlathoteps Schatten“ getan hat. Und der Preis ist mehr als nur fair.
Und das kann ja beides nur gut sein...


Name: Horror im Orient-Express Bd. 1 – London
OT: Horror on the Orient Express
Verlag: Pegasus Press {jcomments on}
Sprache: Deutsch
Autoren: Frank Heller (Redaktion und Konzeption), u.v.a.
Empf. VK.: 14,95 Euro
Seiten: speziell

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