Jenseits der Schwelle

„Cthulhu in unterschiedlichen Settings“ ist das Thema des vorliegenden Bandes aus der Reihe Cthuloide Welten Bibliothek. Er folgt der Tradition von „Hinter den Schleiern“ und „Aus Äonen“, bietet [...] eine Mischung geographischer Natur.
vom Backcover von Jenseits der Schwelle

Die Reihe „Cthuloide Welten Bibliothek“ geht in die vierte Runde und bringt erneut einen Softcover-Abenteuerband mit gleich vier unterschiedlichen Szenarien an den Start. Wie in der Reihe üblich, ist das Cover etwas experimenteller geraten und sieht dieses Mal wirklich schräg aus. Nicht schlecht, aber definitiv schräg. Manfred Eschert hat eine Collage aus Säulen, Treppen, Brücken, Wellen und anderen Schwellenelementen geschaffen, die recht verstörend auf dem Deckblatt ruht. Mir gefällt das Titelbild sehr gut, es ist frisch, wirkt einmal anders als der Rest und ist farblich sehr angenehm, bietet zudem ein wunderschönes Backcover. So muss das sein.

An der Innengestaltung des 164 Seiten schweren Buches habe ich dagegen tatsächlich einmal zu meckern. Generell wurde das gewohnte Layout verwendet, mit verkohltem Seitenrand und historischen Fotografien, typisch für die CW-Bibliotheksreihe noch mit einigen gezeichneten Bildern angereichert. Nicht innovativ, aber auch nicht der Grund meiner Kritik.

Offenbar hat da beim Layouten einiges nicht so funktioniert wie gedacht, weshalb nun ausnahmslos alle Bilder, wenn sie mit dem Außenrand in Berührung kommen, eklige weiße Ränder um ihren Schattenwurf aufweisen. Einige Bilder sind sogar von richtig dicken, weißen Wällen umgeben (man schaue sich die Wohnung Dr. Steins auf S. 26 an, um zu wissen, was ich meine), was einfach unprofessionell wirkt.
Kleinliche Kritik, mögen einige sagen, aber Pegasus haben in der Vergangenheit die Messlatte für Design nun einmal sehr hoch gelegt und da, nicht zuletzt auch im deutschen Cthulhu-Fandom, öfters mal voll Häme genau wegen solcher Fehler auf die englischen Produkte von Chaosium gezeigt wird, sei es an dieser Stelle auch mal angemerkt.
Hier wurde einfach geschludert, was schade ist, denn die Fotos, Karten und Bilder des Bandes an sich sind wie gewohnt sehr, sehr schön geworden.

Aber kommen wir zum Inhalt. Das erste Szenario des Bandes stammt von einem alten Hasen, wenn man so will. Im Fanverlag Armageddon Press veröffentlichte er bereits in den 90ern Cthulhu-Material, etwa das Abenteuer „Der Zeppelin“ im Band „Osnabrücker Nächte“. Anders als besagte Szenarien hat mir sein Heidelberg-Artikel in der CW#2 aber sogar gefallen, weshalb ich recht gespannt an das knapp 40 Seiten lange Werk heranging.
Der Plot des „Flüssige Finsternis“ betitelten Szenarion an sich ist gut. Es ist eine spannende Geschichte, die die Charaktere von Berlin bis Danzig führt und sicherlich Spaß zu spielen macht. Zumindest, wenn es einem gelingt, das Szenario in eine spielbereite Form zu bringen, denn die Struktur ist erschreckend chaotisch.
Die Beschreibungen kommen vom Hölzchen aufs Stöckchen und man wird nicht wirklich durch die Handlung geleitet, sondern eher „geplappert“. Auch gibt es mal wieder keine vernünftigte Handlungsübersicht zu Beginn, die Zusammenfassung endet – das gab‘s ja schon öfter – mit Auftritt der Spieler.
Finde ich besonders ärgerlich, wo das im Vorgängerband „Bleicher Mond“ sowie in allen anderen Szenarien in dem vorliegenden Buch klappt. Warum gleich zum Auftakt so ein Chaos?

Beitrag Nr. 2 stammt von Günther Dambachmair, ebenfalls keinem Unbekannten. Der Herausgeber vom Fanzine Ravenhorst und Autor des Abenteuers „Das Geheimnis von Knossos“ aus der CW#5 hat sich dieses Mal etwas ganz Besonderes vorgenommen.
„Der Herr der Winde“ trägt nämlich nur aus Zufall eine recht große Namensähnlichkeit zum „Herrn der Ringe“. Nicht nur, dass J.R.R. Tolkien in dem Abenteuer vorkommt, nein, die Spieler müssen zudem einen Reif, der in ihren Besitz gelangt ist, zerstören, bevor er in die falschen Hände gelangt.
Ein richtig durchgeknallter Plot, Charaktere wie Sam Woodwise, der Gärtner oder Longalf, der Bibliothekar, gepaart mit keltischer Mystik und einer Prise Mythos machen das Szenario für sich schon zu einem Highlight. Dazu dieses Mal eine löbliche Struktur, sogar mit durch Kästen abgehobenen Spielleitertipps und fertig ist die erste klare Empfehlung des Bandes.
Eine tödliche, allerdings, denn das Szenario bietet einen Auftritt von Ithaqua persönlich, was mächtig an die gS geht.

An dritter Statt lauert eine Übersetzung. Wesley Martin verfasste „The Plantation“ als Beitrag für den englischen Band „Mansions of Madness“, der bereits an anderer Stelle teilweise den Weg nach Deutschland fand. Nun hat es auch „Die Plantage“ herüber geschafft und lockt vor allem mit einem ungewohnten Setting.
Selbst die Amerika-Abenteuer der Cthulhu-Schiene hängen primär irgendwo in und um Lovecraft County herum, dieses Mal geht es aber auf eine Plantage (daher der Titel...) in den Südstaaten. Es geht um Schlangen, dunkle Vorkomnisse, die fremde Atmosphäre, ehemalige Sklaven und eben alles, was man sich in so einem Ambiente wünschen kann.
Nicht mein Lieblingsszenario, aber ohne Zweifel gut.

Vierter und letzter Beitrag des Bandes ist „Das Schloss in den Bergen“ von Jan Christoph Steines. Seit 2002 Redakteur, seit 2004 Pegasus-Verlagsleiter – le chef, sozusagen, zumindets neben Frank Heller als Chefredakteur der Cthulhu-Schiene.
Sein Abenteuer ist eine Erstveröffentlichung, befasst sich aber mit einem nun eher altgedienten und bewährten Thema, denn es geht nach Transsylvanien. Der Geist von Bram Stoker schwebt über dem Szenario, dessen Schwerpunkt mal wieder eher auf dem investigativen Teil liegt. Es ist gut strukturiert (wenn man auch wieder zumindest sechs Seiten lesen muss, um zur Handlungszusammenfassung zu kommen, aber das ist im Rahmen, denke ich) und spannend, wird gerade gegen Ende zunehmen stimmungsvoller und es stecken echt ein paar gute Ideen drin.
Womit ich dagegen ein Wenig hadere ist die Idee, den Plot direkt mit der Hintergrundgeschichte eines Charakters zu verknüpfen. Das ist zwar, schreibt man die Abenteuer für seine Runde selbst, ganz alltäglich, um den Horror näher an die Charaktere zu bringen, hakt in einem Kaufabenteuer aber in dieser Form etwas.
Spielt man das Abenteuer als Teil eines Kampagne, dann klappt es vermutlich nicht, es sei denn, der Spielleiter plant von Anfang an darauf hin. Spielt man es als Oneshot und spricht sich vorher mit dem Charakter ab, dann weiß er hingegen schon, dass da wohl was kommen mag – und es war ja immerhin Lovecraft selbst, der mal festgehalten hat, dass die größte Angst die Angst vor dem Unbekannten ist. Dem Unerwarteten, würde ich ergänzen.
Es gibt Möglichkeiten, Abhilfe zu schaffen. Entweder natürlich, indem man das Szenario entsprechend abändert, aber das ist aufwendig. Alternativ dazu wurde ein fertiger NSC beigefügt, der dann die Rolle des Bindeglieds übernimmt, wobei da wieder die Beziehung zwischen Spieler und Plot deutlich leidet.
Wie dem auch sei, es ist ein Hindernis, das es zu umgehen gilt – gelingt dies, so ist „Das Schloss in den Bergen“ ein wunderbar-schauriges Szenario, das man nur wärmstens empfehlen kann.

Abschließend bin ich von „Jenseits der Schwelle“ nicht ganz so angetan wie von seinem Vorgänger. Die unschönen Pannen im Layout und die katastrophale Struktur des ersten Szenarios ziehen doch kräftig an der Gesamtwertung. Die restlichen drei Szenarien sind gut, wobei allerdings „Der Herr der Winde“ durch sein absurdes Szenario und „Das Schloss in den Bergen“ durch die Charakter-Bindung auch nicht jedermanns Geschmack sein dürften.
Zuletzt ist der Band auch irgendwie teuer geworden. 164 Seiten im Softcover für knapp 20 Euro wirken irgendwie schräg, wenn ein gleich umfangreicher „Geisterschiffe“-Band im Hardcover schon für 25 Euro weggeht.
War es nicht mal die Idee, dass die CW-Bilbiothek auch durch günstige Preise punkten würde? 19,95 Euro für 164 Seiten ist nicht zu teuer, aber „Aus Äonen“ war einige Seiten dicker und vier Euro billiger...
Ingesamt ist der Band in meinen Augen daher ‚gut‘ zu nennen; zum ‚sehr gut‘ gibt es einfach zu viele Kleinigkeiten, die nicht stimmen.


Name: Jenseits der Schwelle
Verlag: Pegasus Press {jcomments on}
Sprache: Deutsch
Autoren: Sebastian Weitkamp, Günther Dambachmair, Wesley Martin und Jan Christoph Steines
Empf. VK.: 19,95 Euro
Seiten: 164

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