Engel 2.0

In einer Zeit, die weit entfernt in unserer Zukunft liegt, ist die Erde zum gigantischen Schlachtfeld der Mächt von Gut und Böse geworden. Gewaltige Fegefeuer brennen dem Planeten ihr dunkles Zeichen ein, und die Streiter des Einen führen einen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen die unheilbringenden Kreaturen des Herrn der Fliegen – die Traumsaat.
vom Backcover von Engel 2.0

Vorweg: Diese Rezension richtet sich klar an Leute, die mit dem Hintergrund und Konzept von „Engel“ bereits vertraut sind. Vollkommene Neulinge seien an dieser Stelle zunächst an die Grundregelwerksrezension von Marcel auf unserer Seite verwiesen, die umfangreich wie kaum eine andere in die Materia einführt. ‚Der‘ Spoiler, der Engel ja immer irgendwo umgibt, wird in dieser Rezension allerdings vermieden.
Hier soll es erst einmal um die Vorzüge der neuen Edition gehen, die nahezu inhaltsgleich ist, wie das alte Grundregelwerk und mehr eine Aktualisierung denn eine Neuschöpfung darstellt.

Daher war ich zu Beginn auch skeptisch. Zuerst wurde das Buch angekündigt, dann gesagt, dass sich vieles nicht ändern würde und abschließend sogar noch bekannt gegeben, dass die doch recht markanten Illustrationen von Dieter Jüdt allesamt ausgetauscht werden sollten.
Doch als das Buch dann vor mit lag, musste ich doch zumindest im Bereich der Optik schnell anerkennen, dass das Buch noch weitaus schöner geraten ist, als die Erstausgabe. Das Beginnt schon auf dem Cover. Das ist prinzipiell exakt so aufgebaut wie zuvor, mit einem stilisierten, kreisförmigen Kampf eines Engels und einer Traumsaatkreatur unten sowie dem Schriftzug oben. Doch der Schriftzug bröckelt, der Hintergrund wirkt marode. Oliver Graute betonte immer, dass auch im Design von Engel eine Fortentwicklung läge und hier sieht man sie definitiv, hier erkennt man auf einen Blick das Schwächeln der angelitischen Kirche.
Das setzt sich im Inneren fort, genauso wie der postapokalyptische Charakter von Engel dieses Mal mehr Betonung findet. So gibt es alte Zeitungsausschnitte aus der nahen Zukunft, die natürlich schon eine andere Atmosphäre setzen als die alten Zeichnungen alleine. Doch auch Eva Widermann, die die illustrative Ablöse für Jüdt darstellt, leistet wundervolle Arbeit. Ihre Werke in den Ordensbüchern fand ich okay, aber noch nicht überragend, ihre Zeichnungen im neuen Grundregelwerk sind atemberaubend geworden. Auch bei ihr schwingt die postapokalyptische Tendenz besser durch, wenn etwa der Beispielgabrielit sich in einem dunklen Gang an ein paar Schläuchen festhält (S. 113), der Schrottbaron eine dieser Deko-Blitz-Kugeln wie ein Talisman trägt (S. 50) oder aber – mein absolutes Lieblingsbild – zwei Engel auf einem verwitterten und dreckigen Windrad stehen und dort offenbar lagern (S. 219).
Evas Stil ist anders als der von Jüdt und obschon das nun subjektiv ist, so finde ich ihn auch besser für das Spiel geeignet. Ihre Engel sehen kindlich aus, existieren aber sowohl in einer naiven als auch in einer dezent älteren Form. Ihre Erwachsenen dagegen sehen häufig von Leben gezeichnet aus und beide wirken einfach nicht so ikonengleich, wie im alten Regelwerk.
Positiv fällt auch auf, dass die Seiten voller geworden sind – es gibt weniger weiße Flächen, ohne dass das Design nun wirklich darunter gelitten hätte.

Inhaltlich dagegen hat sich erst einmal fast gar nichts geändert. Nach wie vor ist das Buch in ein ‚libellus primus‘ und ein ‚libellus secundus‘ eingeteilt, wobei der erste Teil, „scriptura“ für beide Fraktionen am Spieltisch wichtig ist, dagegen der zweite Teil als „regularium“ eher zu Referenz und als Hintergrundspender für den Erzähler dient.
So wurde etwa die „historia apocalyptica“ dezent aktualisiert. Der eigentliche Fließtext stammt weiterhin intime aus dem Jahre 2650 und ist daher nicht aktuell, die Zeitleiste geht dagegen geht bis zum 16. 11 2656 und dem Auslauf der Terra Nova auf dem Weg zum Britannienfeldzug.
In diesem zaghaften Rahmen sind die meisten Änderungen, was vor allem in den Fällen etwas entnervend ist, wo wirklich einmal neue Informationen ihren Weg in das Buch gefunden haben. Für Neulinge macht es nichts, doch alte Hasen müssen sich recht mühsam durch das Werk arbeiten, um an die neuen Details zu gelangen.
Auch sind weiterhin einige Informationen zum Metaplot nur in den Romanen zu finden und wurden nicht mit in das Werk einbezogen. Dass Informationen aus den Ordensbüchern weiterhin dort zu finden sind, dass kann ich nachvollziehen, warum aber die Romane zumindest für Spielleiter gewissermaßen spielnotwendig sind, dass entzieht sich mir etwas.
Generell liest sich das Buch durch da neue Arrangement aber etwas geradliniger und der Schreibstil ist und bleibt oberste Klasse.

Mit den Regelkapiteln bin ich allerdings am Unglücklichsten, da hier versäumt wurde, viele Anregungen aus der Leserschaft irgendwie zu beachten. Größte Neuerung dürfte zunächst einmal die Aktualisierung der d20-Regeln auf die Edition 3.5 sowie der Druck neuer Arkana-Karten sein. Die besagte Aktualisierung macht Sinn, ändert aber natürlich kaum etwas, so wie auch D&D 3.5 selbst kaum etwas geändert hat. Da aber die alten Regeln nach und nach ganz verschwinden und Feder&Schwert mittlerweile ja selbst die neuen Grundbücher vertreiben ist es nachvollziehbar, warum hier dieser Schritt gegangen wurde.
Bei den Arkana-Karten ging es sicherlich einerseits um eine einheitliche Illustrationen zum Grundregelwerk hin, andererseits aber zweifelsohne um das Beheben eines der peinlichsten Schnitzer der alten Edition: den neuen Karten kann man an der Rückengestaltung nicht mehr ansehen, wie herum sie liegen.
Doch es sind die Regelbeschreibungen, wo geschlafen wurde. Noch immer gibt es keine Beschreibung der Kräfte der Engel im Arkana-Teil. Warum heißt das Kapitel zu d20 denn bitte „Alternative Regeln“, wenn ich doch mit jedem (!) Charakter dort einen Blick riskieren muss, wenn ich wissen will, was die Mächte „der Schrei“ oder „Herr über den Leib“ wohl machen?
Außerdem kommt es nun zu Inkonsitenzen. Oliver Hoffmann hatte beispielsweise im offiziellen Forum einmal gesagt, dass es Engeln möglich sei, mitteln der Macht „Seele der Schar“ auch über den Michaeliten hinweg untereinander zu kommunizieren. Nun heißt es aber wieder „Die Schar kannn ihm antworten, aber nicht mit anderen Mitgliedern der Schar kommunizieren“. Warum?
Ebenso fragt man sich doch etwa als Ramielit, warum die Macht „Kathedrale der Gedanken“ weiterhin nur im entsprechenden Ordensbuch zu finden ist. So etwa hätte einfach mit ins Grundregelwerk gehört. Es ist verständlich, wenn auch unschön, dass solche Konzepte teilweise in der Entwicklung eines Spieles erst nach und nach hinzugefügt werden. Wenn man dann aber eine Aktualisierung der Grundregeln vornimmt, dann doch bitte konsequent.

Insgesamt schlagen für „Engel 2.0“ zwei Seelen, ach, in meiner Brust. Einerseits ist das Buch definitiv besser als die erste Ausgabe, welche mich seinerzeit schon umgeworfen hatte. Es sind bildschön aus, liest sich gut und hat ein Layout, von dem andere Systeme nur träumen können. Dazu der faszinierende Hintergrund, der aus der Idee einer postapokalyptischen Zeit endlich mal mehr macht als eine Spielwiese für den pubertären Gernegroß, der mit dicken Knarren ohne moralische Bedenken herumziehen will. Alles wunderbar.
Andererseits gibt es da eben diese Makel, gerade im Regelbereich. Die Aktualisierung anstelle eines Neudrucks ist lobenswert, aber eben in einigen Punkten nicht so konsequent, wie ich mir das gewünscht hätte. Konsequent aktualisiert hat man dagegen noch das Preisschildchen auf dem Backcover: gesalzene 37,95 Euro wollen F&S für das Buch haben. Deren Standard mittlerweile, aber immer noch viel Holz.
Somit schrammt „Engel 2.0“ an der Kaufempfehlung vorbei. Neulinge werden eh beim neuen Grundbuch landen, jene aber, die schon länger dabei sind, sollten sich fragen, ob schönes Artwork, minimal neue Texte und ein Update auf 3.5 ausreichend sind, den Neukauf zu rechtfertigen.


Name: Engel 2.0
Verlag: Feder und Schwert{jcomments on}
Sprache: Deutsch
Autoren: Oliver Graute, Oliver Hoffmann u.a.
Empf. VK.: 37,95 Euro
Seiten: 288

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