Engel - Mater Ecclesia

Überall in Europa streben einfache Sterbliche danach, den Willen des Herrn zu tun – ganz gleich, wie er auch immer aussehen mag. Dabei können sie sich nicht auf himmliche Mächte verlassen; statt dessen vertrauen sie auf die Gnade Gottes und die Fähigkeiten, die sie sich im Zuge ihrer Ausbildung angeeignet haben.
vom Backcover von Mater Ecclesia

Seitdem „Engel“ auf dem Markt ist, äußerten die Leute doch immer wieder einen speziellen Wunsch: Menschen in dieser Welt spielen können. Denn so spannend die Geschichte der Engel auch ist, so faszinierend ihr Leben, so spannend ist auch das Leben einzelner Menschen in den Ländern der angelitischen Kirche.
„Mater Ecclesia“, der Band, der neben dem Sturktur der Kirche nun auch endlich diese Brücke schlagen sollte, war lange ein Evergreen der Releaselisten. Es dauerte und dauerte, gab Verschiebung um Verschiebung, bis das Buch nun endlich, im September 2005, das Licht der Welt erblickte.

Schön ist der Band geworden. Ein Hardcover wie das Grundregelwerk, wenn auch etwas dünner geraten, wieder goldglänzend eingebunden und mit einer schwarzweißen Zeichnung auf dem Titelbild versehen. Wie schon beim neuen Grundregelwerk „bröckelt“ das Design langsam ab, verfällt ebenso wie die Welt der Engel selber.
Auch die Innengestaltung ist davon betroffen, der Rand verfällt, Überschriften wirken brüchig gedruckt – die versprochenen Auswirkungen der inneren Entwicklung auf das Design der Bücher fallen sehr hübsch aus.
Wie schon die letzten Ordensbücher und das 2.0-Grundregelwerk wurde auch „Mater Ecclesia“ komplett von Eva Widermann illustriert, die wahrhaft von Band zu Band besser, zaubert auch hier wieder einige Bilder auf die Seiten, die einen direkt in die Welt der Engel ziehen. Wunderschön etwa das Bild einer Raphaelitin, die einen schwer verwundeten Templer umsorgt, einschüchternd dagegen ein Scharlachgardist in voller Montur nebst Richtschwert.
Allerdings hat „Mater Ecclesia“, so scheint es mir wenigstens, insgesamt weniger Artwork zu bieten als etwa das Grundregelwerk. Das ist jetzt weder Vor- noch Nachteil, da die restlichen Flächen komplett von massig Fließtext bedeckt sind, doch anmerken kann man es ja mal.

Inhaltlich gliedert der Band sich grob in fünf Kapitel und einen Appendix, die sich jeweils einer Facette der angelitischen Kirche widmen. Den Auftakt stellt dabei „credulitas et dogma“ dar, in dem erst einmal ein grober Überflug über das Thema an sich geboten sowie das Dogma der Kirche behandelt wird.
Wie im Buch richtig angemerkt, erinnert die angelitische Kirche auf den ersten Blick sehr an die Katholiken des Mittelalters, doch dieser Blick ist natürlich trügerisch. Ähnlich sind sie, die beiden Religionen, aber nicht gleich. Die gebotenen Unterschiede, aber auch die Hierarchie und die Inquisition der Kirche werden hier präsentiert.

Das zweite Kapitel, „clerus“, betrachtet die Rädchen im Getriebe der Kirche. Welchen Aufgaben gehen Kirchendiener nach, welche Spezialitäten innerhalb der Orden gibt es und was für Geschichten lassen sich mit ihnen erzählen? Fragen, die hier beantwortet werden.
Doch mehr als das – um einige Ecken herum liefert das Kapitel zudem einige Details über die Ragueliten, Samaeliten und Sarieliten, sowie die überaus fragwürdigen Peccati.

Im dritten Kapitel, „de ordinibus templorum“, widmet sich dann den streitenden Kräften der Kirche in vollem Detail. Im Kirchenheer lebt man nun doch mal einmal anders als die normalen Kirchendiener, Templerdörfer sind keine normalen Kloster. Was vermitteln Kriegerschulen, wie sind die Trachten der unterschiedlichen Templerorden und was hat es eigentlich mit der Verehrung des Lichts durch die Templer auf sich. Wiederum alles Fragen, die hier ihre Antworten finden.

Das „servitores profani domini“ betitelte vierte Kapitel verlässt danach etwas die festen Kirchenreihen und schaut auf das Leben der indirekten Helfer. Handelshäuser unter Kirchenkontrolle, Beutereiter sowie andere Hilfskräfte werden hier umfassend vorgestellt.

Kapitel fünf abschließend bietet unter dem klassischen Titel „dramatis personae“ noch eine große Zahl wichtiger Kirchenvertreter in Wort, Wert und Bild. Kardinäle, Äbte, Pater und Schwestern werden vorgestellt, ebenso auch einige nebenstehende Charaktere mit faszinierenden Geschichten. Etwa Velja, der sich zum Fürsprecher der verlorenen Samaeliten aufgeschwungen hat.

Bleibt besagter Appendix, dessen Thema „machinationes“ eigentlich schon alles sagt. Zwar werden hier auch einige Neuerungen für Spieler gemäß des Arkana-Karten-Systems geboten, vor allem aber Anhänger der d20-Fassung werden sich über diesen Appendix freuen, in dem Menschen in der Welt von Engel spielbar werden, komplett mit neuen Klassen und allem drum und dran.

„Mater Ecclesia“ steckt voller bravouröser Ideen. Alle Schilderungen strotzen nur so vor Details, alleine die Schilderung des Bänderschmucks der Templer ist durchdachter als vieles, was man sonst so als Rollenspieler präsentiert bekommt.
Auch wird einmal mehr viel neues Licht auf „Engel“ als Gesamtwerk geworfen. Etwa wird das Schwingenkreuz (der kleine, stilisierte, stempelartige Engel, der auf neueren Produkten wie dem Roman „Terra Nova“ gesichtet werden kann) endlich erklärt, der Aufbau eines Gotteshauses nebst Risszeichnung dargestellt, Kindheit innerhalb der Kirche beschrieben und beispielsweise Licht auf die Kooperation von Clerus und Diadochen geworfen. Die Details zur Inquisition sind wertvolle Ergänzungen, ebenso die Ausführungen zu Beutereitern und Scharlachgardisten. Nur um einige Beispiele zu nennen.

Das Buch quillt über mit Ideen und Inspirationen, verzichtet aber darauf, direkte Abenteuerkonzepte zu geben. Zwar kommen einem bei der Lektüre beständig neue Ideen, doch ausarbeiten muss man die selber. Mag man als Vor- wie als Nachteil sehen, aber „Engel“ ist ja nun auch ein Spiel für Leute mit Ambitionen zum Erzählen eigener Geschichten.
Schade ist es, dass Informationen nur für Spielleiter quer durch den Band hindurch erscheinen. Zwar sind die gesondert gekennzeichnet, aber ich hätte es doch begrüßt, diese am Ende gebündelt vorzufinden. Einerseits hätte man sie dann alle auf einem Fleck, andererseits verringert sich so die Gefahrt, dass ein Spieler sie mal beim Blättern und Querlesen aus Versehen aufschnappt.
Der Kauf von „Mater Ecclesia“ lohnt sich jedenfalls für eigentlich jedwede Gruppe. Denn die angelistische Kirche ist omnipräsent auf dem europäischen Festland des 27. Jahrhunderts und die hier feilgebotenen Ideen daher für jede Gruppe gleichermaßen geeignet.


Name: Mater Ecclesia {jcomments on}
Verlag: Feder & Schwert 
Sprache: Deutsch
Autoren: Ole Johan Christiansen, Thomas Plischke und Verena Stöcklein
Empf. VK.: 31,95 Euro
Seiten: 192

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