Angel Roleplaying Game

Angel: It’s all the same thing. You fight the good fight. Whichever way you can.
—1.9 Hero
You heard the man. Time to join the struggle!
Vom Backcover vom Angel RPG

Rollenspiele gibt es auch heute, bei der doch eher schwachen Marktlage, wie Sand am Meer.
Lizenzrollenspiele ebenso, eigentlich interessant, wenn man bedenkt, dass angeblich die Anzahl der RPG-Käufer zu rückläufig ist.
Einige davon, das ist dann so wie überall, sind besser, andere schlechter.

"Buffy – The Roleplaying Game" war sicherlich eines der besseren, stellte Spieler wie Fans, Verkäufer wie Produzenten sehr zufrieden. Um so größer waren sicherlich meine Erwartungen, als 2003 dann auch "Angel", und zwar als eigenständiges Regelwerk, angekündigt wurde. Es hat dann noch eine ganze Weile gedauert, bis das Buch vom Verleih völlig abgesegnet wurde, und noch länger, bis das Buch seinen Weg in deutsche Läden, doch mittlerweile ist es sicher da und es ist Zeit für die Rezi.

Eine Rezi, die übrigens passend zur Cancelung der Serie kommt, deren fünfte Staffel, wie nun – Mitte Februar 2004 – bekannt gegeben wurde, auch die Letzte sein wird. Was das für die weitere Entwicklung des Systems bedeutet, sei mal offen, aber wir wollen uns auch erst einmal dem widmen, was hier direkt vor uns liegt.

Das sieht, so der erste Eindruck, richtig professionell aus. Ein Hardcover ist's, matt und dominant schwarz eingeschlagen, mit LA, Angel, Cordelia, Gunn und Wesley auf der Vorder- und einer Kollage aus den Kanälen und den Hochhäusern LAs auf der Rückseite. Sehr schön, sehr stimmungsvoll und vom Stil her u.a. auch zu den offiziellen DVD-Boxen passend.
Innen ist das Design entsprechend passend gehalten und dank Hochglanzpapier und Vierfarbdruck auch sehr ansehnlich. Zur Illustration dienen größtenteils Bilder der Serie, die ebenfalls von guter Qualität sind und nicht etwa die Qualitätsprobleme haben, wie sie etwa bei einzelnen "Star Wars"- und "Star Trek"-Bänden schon zu beobachten waren.
Die Kapitel haben zudem noch andere Hintergründe und Färbungen, was nicht nur sehr hübsch aussieht, sondern auch die Navigation in dem Buch gehörig erleichtert.
Rundum perfekt sozusagen.

Da stellt man sicher aber natürlich die Frage, kann der Inhalt mithalten? Nun, bevor wir in die Details der einzelnen Kapitel eingehen, sei hier direkt einmal lobend die Sprache des Buches erwähnt. Es liest sich flüssig herunter und – ganz wichtig – trifft den Stil der Serie.
Verweise auf Ikonen der Popkultur, der klassische 'Slang' der Serie und mindestens ein Lacher pro Seite zeichnen das Buch aus. Das gilt dabei nicht nur für die Hintergrundbeschreibungen, sondern auch für die Regeln und andere, eher trockene, Kapitel. Das ganze wird zudem noch mit unzähligen Pointen der Serie gewürzt, was den Charme noch stärker betont.
Alleine dafür verdient das Buch einen Preis, denn hier können sich 90% der knochentrockenen Grundbücher dieser Welt noch mal einige dicke Scheiben abschneiden.
Kurzum: es macht Spaß (!), dieses Buch zu lesen!

Kapitel 1 trägt den schönen Titel 'Angel's Path' und widmet sich allen Fragen, die so ganz zu Beginn entstehen können, sei es von Seiten des Spiels ("Was ist ein Rollenspiel?") oder auch seitens der Serie ("Was ist eigentlich Angel?" "Was passierte in welcher Staffel?"). Dabei wird der Leser direkt, vor allem durch den netten Schreibstil und die umfassenden Erklärungen, die allerdings im Bezug auf die Serie nur bis zur dritten Staffel gehen.
Für deutsche Leser ist das noch egal, die Ausstrahlung ist hier, ebenso wie die DVD-Veröffentlichung der Serie, auch nicht weiter, aber im Hinblick auf den amerikanischen Markt frage ich mich dennoch, warum die vierte Staffel nicht mit eingebunden wurde.

Nachdem nun also grundsätzlich schon mal alles klar ist, geht es weiter mit 'Chosen Champions', dem zweiten Kapitel, der Charaktererschaffung. Hier wird aber erneut nicht nur Wert auf die Regeln gelegt, sondern auch gut darauf eingegangen, was einen Charakter in 'Angel' auszeichnet, was sicherlich denen, die mit der Serie nicht so sehr bewandert sind, eine bessere Chance gibt, passende Charaktere zu generieren.
Der 'technische' Aspekt gibt sich auch entsprechend einfach, man bestimmt einfach per einfachstem Kaufsystem der Reihe nach Attribute, Vor- und Nachteile und Fertigkeiten (ja, in dieser Reihenfolge) sowie, wahlweise, übernatürliche Kräfte. Die Auswahl ist groß und auch immer etwas augenzwinkernd, wie man alleine an den Skill-Namen erkennen kann. Kung-Fu, Gun-Fu und Getting Medieval lesen sich einfach schöner als Handgemenge, Schusswaffen und Nahkampf...
Das ganze geht schnell und einfach von der Hand – meinen Testcharakter hatte ich binnen einer halben Stunde grob stehen, danach kann man dann noch gut Details verändern und die Werte etwas dem Konzept anpassen. Das System ist dabei so einfach wie flexibel und wer möchte, kann auch gut etwas generieren, was fernab der bestehenden Serien-Cast liegt, wie mir mein testweise erstellter, Automechaniker mit Alkoholproblem bewiesen hat.
Die Archetypen, die nun folgen, sind dagegen etwas eigenartig geraten und schwanken zwischen 'okay' (Former Cultist, Psychic Supermodel, Demon Gangsta usw.) und 'argh!' (Reformed Assasin, Barbarian Queen usw.).
Darauf folgt dann die 'Original Cast', recht gut in Werte gefasst, wie ich meine. Angel, Cordy, Wesley, Gunn, Fred, Lorne, Doyle, Kate, Connor und – tada – der Groosalugg haben es in das Buch geschafft und ich denke, die Werte spiegeln gut das Bild der Serie wieder; soweit Verfügbar sind sie dabei auf dem Stand der dritten Staffel, entsprechende Hinweise zur Anpassung an andere Staffeln werden aber auch gegeben.

Okay, damit wären wir auf Seite 109 angelangt. Das ging schnell. 'Helping the Helpless' stellt nun das dritte Kapitel und erklärt schlicht, wie die Regeln funktionieren. Massig Regelungen scheinen nun die nächsten knapp 40 Seiten zu füllen, doch im Endeffekt lässt sich ein großer Teil des Systems auf eine einfache Formel reduzieren: 1W10 + Attributwert + Fertigkeit.
Man würfelt einen Würfel, addiert die zwei Werte, guckt wie viele Erfolge das gemäß einer kleinen Tabelle auf dem Charakterbogen macht und fertig ist die Probe.
Dazu gibt es dann noch allerlei Ausnahmen, aber unterm Strich ist dies die gesamte Hexerei. Eine Ausnahme wäre etwa, dass man für bestimmte Proben anstelle des Skills eben auch ein zweites Attribut nehmen kann – 'W10 + Stärke + Stärke' etwa für besondere Kraftakte.
Man sieht, das System ist extrem einfach und dabei dennoch ausgewogen und flexibel, einfach klasse.
Hier werden sowohl erfahrene Rollenspieler – sofern sie nicht gerade zu den Regelfanatikern ihrer Zunft gehören – ebenso bedient wie Neueinsteiger, die einfach nur die TV-Serie mögen.
Ein besonderes Augenmerk verdienen sicher noch die Drama Points, der 'Heldenfaktor' sozusagen. Auch diese sind schnell erklärt: wann immer die Chancen gegen Null tendieren und man weiß, dass es dennoch den Charakteren gelingen muss, dass dieses und jenes nun geschieht, dann ist es Zeit für den Einsatz von Drama-Punkten.
Seien es zusätzliche Würfel für eine Probe oder die Wiederkehr von den Toten nach einer eigentlich recht ausdrücklichen Todesszene – hier ist alles Möglich. Ein gut bemessenes und fähiges Werkzeug, dass auch den Spielern mehr Freiheit über die Geschichte und mehr Raum zur Entfaltung zusichert.

Kapitel vier fällt dafür mal kurz aus. 'Arcane Approaches'. Vorgestellt werden einfachste Regeln und gerade mal zwölf Zauber, die allesamt mit Episodenangabe belegt werden. Das sind dann Sachen wie ein Exorzismus oder auch der 'Non-Violence Spell', der Lornes Caritas umgab. Nützlich und, wenn man bedenkt, dass Angel nie wirklich viel mit Magie zu tun hatte, auch in angemessenem Rahmen.

'Cabals, Covens and Agencies' dreht sich komplett um Gruppierungen aller Art, einer sehr elementaren Komponente von Angel. Sei es 'Angel Investigations', seien es Wolfram & Hart, sei es Gunns Gang, hier werden Regeln zur Erstellung dieser Gruppen gegeben und die prominenten Beispiele der Serie belegt.
Dabei muss ich allerdings sagen, dass dies sicherlich das schwächste Kapitel des Buches ist und, übermäßig bürokratisch und unverdient lang gemessen an seinem Inhalt, sicherlich auch verkürzter gegangen wäre...

...etwa als Teil es nachfolgenden Kapitels. 'City of Angel' ist das große Hintergrundkapitel. Das LA des Angelverse wird ebenso vorgestellt wie seine Bewohner, von generischen Bürgern zu (wiederkehrenden) Gastcharakteren wie David Nabbit oder Merl. Zwar ist nichts Neues hier zu finden, aber es bietet einen guten Überblick und gibt einem sicherlich genug an die Hand, um im Zweifelsfall auch eine eigene Stadt für die heimische Chronik zu entwerfen.

Das siebte Kapitel hört auf den Namen 'Something Wicked' und bietet dann auch genau das: Monster. Dabei wird auch durchaus etwas auf die Intention der Serie, auf einige Bedeutungen hinter dem Offensichtlichen hingewiesen, die dem Spielleiter sehr helfen können, seine Kampagne mehr dem Feeling der Serie anzugleichen, indem er versteht, worauf es eben den 'echten' Autoren ankam.
Wie auch im vorherigen Kapitel gibt es auch hier generische Beispiele und richtig dicke, namhafte Charaktere wie etwa Darla, Drusilla oder auch Holtz, wie immer mit passenden Werten.

Was noch fehlt, ganz klar, sind aber generische SL-Tipps zum Erzählen von Geschichten, und die gibt es dann von Seite 213 bis 229, im achten Kapitel 'Episodes, Seasons & Drama'.
Auch hier gibt es gewohnte, aber dennoch durchweg gute Kost. Wie ist eine Serie aufgebaut, wo setzt man am besten Spannungselemente und welche Unterschiede gibt es zwischen Geschichten auf dem Schirm und Geschichten am Spieltisch?
Nach diesen sechzehn Seiten sollten eigentlich keine Fragen mehr offen sein; das Kapitel ist zwar nicht das Beste seiner Art, aber dennoch sehr inspirierend und mit lobend zu erwähnendem, großen Bezug zur Thematik des Spiels, kein allgemeines 'Gelaber'.

Kapitel neun stellt die erste Hälfte eines Einstiegabenteuers dar, welches sich dann mit dem Spielleiterschirm zusammen auflösen wird. Die Ansätze erscheinen nett, aber mehr kann man dazu bisher nicht wirklich sagen, steht und fällt ein Szenario doch mit seiner Auflösung. Insgesamt aber eine eher betrügerische Praxis, denn was nützt einem Newbie-Spielleiter ein (zugegebenermaßen gut wirkendes) Szenario für Einsteiger, wenn er die zweite Hälfte erst mit einem in weiter ferne erscheinenden Spielleiterschirm erwerben kann?
Schade.

Abgerundet wird das Buch dann von einigen Anhängen, von dem vor allem der erste - "Lingo of ... A Guide to Angelspeak" - mir extrem gut gefallen hat. Zwar ist er hierzulande nur begrenzt nützlich, denn es wird wohl nur wenige Gruppen gegeben, die hier wirklich auf Englisch spielen, aber dennoch gibt es einen guten Einblick in das 'Look and Feel' der Serie.
Auch hat er wirklich einmal Hand und Fuß, die einzelnen Punkte finden sich wirklich in der Sprache der Charaktere wieder und können daher vermutlich sogar den Reiz für 'einfache' Zuschauer der Serie noch erhöhen.
Dazu kommen dann noch einige Worte zur Benutzung von Angel mit dem Buffy RPG und anderen Unisystem-Regelwerken, ein Glossar und einen ganz guten Index, sowie das recht schöne Charakterblatt.

Viel Lob und wenig Kritik ließen eigentlich nur ein 'Sehr gut' zu, allerdings hat das Buch noch einen Haken: den monströsen Preis. Egal wie schön, egal wie bunt und egal wie gut – 40 US-$ für 256 Seiten sind einfach viel.
Daher gibt das, zusammen mit dem unvollständigen Abenteuer, eine Note Abzug für Preis und Leistung ... dennoch: wer die Serie mag und Rollenspiele spielt, muss das Spiel haben! Wer bisher im RPG-Sektor noch unbewandert ist, tja, ich denke gerade für den bietet sich hier eine exzellente Möglichkeit zum Einstieg.
Ein sehr gutes Buch mit einem leider nur guten Preisleistungsverhältnis.


Name: Angel RPG Corerules 
Verlag: Eden Studios 
Sprache: Englisch{jcomments on}
Autoren: C.J. Carella
Empf. VK.: 40,00 US-Dollar 
Seiten: 256

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