Degenesis - Feldberichte - Psychonauten

Hier liegt es also endlich vor mir: Das Feldberichte: Psychonauten-Buch (FB:P). Vor langer Zeit bereits angekündigt, hat es das Vorhaben in gedruckte Form geschafft. Als erstes fällt auf, dass es nicht sonderlich viel Material gibt. Magere 116 Seiten befinden sich hier zwischen den beiden Deckeln des Hardcovers. Da erscheint der Preis von 28,95 Euro nicht nur etwas übertrieben, sondern schlicht unverschämt. Das Cover ist wiederum umlaufend und zeigt im gewohnten Layout die übliche Ansammlung von kaputten Gestalten, welche die Welt von Degenesis bevölkern. Dabei stehen natürlich die Psychonauten im Vordergrund, jene Menschen die von dem außerirdischen Primer verändert wurden und nun als Homo Degenesis gegen den Homo Sapiens kämpfen.

Okay, schlagen wir das Buch einmal auf und blättern es durch. Es gibt wieder viele Illustrationen, doch weit weniger als man dies bisher von Degenesis-Publikationen gewohnt war. Die Qualität der Bilder ist diesmal auch nicht auf dem Niveau der alten Produkte, auch wenn das Trio mit Klaus Scherwinski, Tobias Mannewitz und Eva Widermann einige sehr schöne und stimmungsvolle Zeichnungen beigesteuert hat. Auch sind wieder einige Illustrationen leicht pixelig, als wäre die Auflösung für die Druckfassung zu gering gewesen. Der entscheidende Punkt bei den Illustrationen ist aber viel weniger ihre Qualität, oder ihre Anzahl, als vielmehr die abgebildeten Psychonauten. Diese sind, ganz im Sinne des Spiels, verdrehte und beunruhigende Humanoide, die zwar äußerlich noch an Menschen erinnern, aber irgendwie „falsch“ wirken. Dabei gibt es keine albernen Mutationen, etwa wie bei Warhammer, hier ist die Veränderung subtiler und beängstigender. Das, und die große Zahl an (bisweilen auch verstümmelten) Geschlechtsorganen, die auf den Illustrationen zu sehen sind, sollten definitiv nicht jedermanns Sache sein. Man sollte also auf jeden Fall vorher mal einen Blick in das Buch werfen und mit sich selbst vereinbaren, ob eine derart explizite Darstellung für einen selbst okay ist. Achja, einen Index sucht man übrigens vergebens.

Aber kommen wir zum Inhalt. Der Name „Feldberichte“ deutet es bereits an, der Plan des Buches war es, die Psychonauten durch Berichte aus der Spielwelt lebendig und interessant darzustellen. Herausgekommen ist aber mit der größte Murks, den ich bisher gelesen habe. Die Ordnung des Buches ist gewohnt wirr, es wird willkürlich zwischen Themenkomplexen, Inhalten und Erzählformen gesprungen, ohne dass ein Muster zu erkennen wäre. Dabei ist das Buch wie gewohnt in vier große Kapitel aufgeteilt. Kapitel eins gibt grob einen allgemeinen Überblick über Psychonautik, Kapitel zwei behandelt die Psychonauten der einzelnen europäischen Länder, Kapitel drei die Brennpunkte des Konflikts und das letzte Kapitel liefert fertig ausgearbeitete Archetypen der Psychonauten, samt neuer Kräfte. Und wieder muss ich betonen, dass einfach kein Muster zu erkennen ist. Wieso beginnt die Beschreibung jedes Landes in Kapitel zwei mit zwei NSCs der Spitaler, welche im ganzen Buch nicht mehr auftauchen? Wieso wird im Teil Frankas breit über eine Untergrundorganisation in den Kanälen von Paris berichtet, aber man bekommt keine Informationen über das versumpfte Paris? Dort leben Pheromanten, welche Insekten und Menschen gleichermaßen kontrollieren und diese in Kollektiven friedlich zusammenleben lassen. Glaube ich zumindest, denn mit konkreten Informationen hält sich das Buch ausgesprochen zurück. In der Regel scheint es der Wunsch der Autoren gewesen zu sein, die Psychonauten lieber noch etwas geheimnisvoller und mystischer zu machen, als ihre Geheimnisse zu erklären. Bei einigen Abschnitten konnte ich trotz mehrfachen Lesens keinerlei Information finden, die nur irgendeinen Wert hätte. Die meisten Texte sind nicht nur von Spitalern, sondern handeln auch von diesen. FB:P ist also vielmehr ein Quellenbuch über den Kult der Spitaler, als dass es ein Quellenbuch über Psychonauten wäre.
Beinahe schon peinlich berührt, versteckt sich hier und da eine Regel zwischen den Texten. Und auch die Regeln zu den neuen Psychonautenkräften sind eher schwach. Hier findet sich wenig, was konkret einsetzbar wäre. Der Großteil der Kräfte soll wohl eher erzählerisch abgehandelt werden, doch wieso dann Regeln für den Einsatz der sogenannten Phänomene?

FB:P ist tatsächlich ein Quellenbuch, das mehr Fragen aufwirft, als es beantwortet. Es spielt mit Metaplot-Elementen, die für die Autoren vermutlich sehr befriedigend sind, den Leser aber mehr als einmal einfach nur die Stirn runzeln lassen. Was richtig nervt, sind die vielen kleinen Kurzgeschichten, welche sich immer mal wieder mitten im Text finden. Diese lesen sich wie die Aufzeichnungen von Wahnsinnigen auf Drogen, ständig irgendwelches tiefgründige Geschwätz, ohne Inhalt, ohne Nutzen. Trotzdem liest sich FB:P, bis auf die ganz wirren Passagen, ganz gut und flüssig. Der sperrige Stil aus den anderen Büchern findet sich hier nur selten. Dem Inhalt hilft das leider auch nicht. Das Buch wirkt oftmals so, als ob die Entwickler keine Ahnung haben, was sie hier gerade tun oder wie es weitergehen soll. Es kommt auch der Eindruck auf, als würde man hier lieber versuchen Kunst zu schaffen, anstatt ein Quellenbuch zu schreiben. Leider ist Degenesis ein Spiel, auch wenn es ein Rollenspiel ist. Und als Spielmaterial ist FB:P überhaupt nicht zu gebrauchen.


Name: Feldberichte: Psychonauten {jcomments on}
Verlag: sigh press 
Sprache: deutsch
Autoren: Christian Günther, Alexander Malik, Bernhard Diller
Empf. VK.: 28,95 Euro 
Seiten: 116 s/w, Hardcover 
ISBN: 3939688002

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