Leben des David Gale, Das

David Gale: How do we start?
Bitsey Bloom: We start with... you telling me what I'm doing here.
David Gale: No one who looks through that glass sees a person. They see a crime. I'm not David Gale. I'm a murderer and a rapist.. four days shy of his execution.
- aus Das Leben des David Gale

Zur Handlung:
David Gale, ehemaliger Professor für Philosophie und erbitterter Gegner der Todesstrafe, sitzt selbst im Todestrakt. Vergewaltigung und Mord an einer engen Freundin und Mitarbeiterin lauten die Anklagen. Er sitzt bereits seit Jahren, doch erste drei Tage vor seiner Hinrichtung gewährt er der jungen Reporterin Bitsey Bloom ein Interview. An jedem der drei Tage will er einen Teil der Geschehnisse aus seiner Sicht aufdecken.
Zunächst skeptisch, wird Bitsey schnell von Davids Worten berührt und der jungen Reporterin kommen Zweifel an seiner Schuld ... doch die Uhr tickt unbarmherzig.

Zur Umsetzung:
Der Typus des vorliegenden Filmes ist sicherlich kein Novum, ebensowenig Innovativ. Die Idee eines Todeszellenkandidaten, den eine Person außerhalb zu erretten versucht, ist sogar geradezu alt, nicht zuletzt auch durch Grishams „Die Kammer“ hierzulande sehr populär geworden.
Die Idee des Mordes am Mörder, die einem in Deutschland so fern und vergangen erscheint, ist in einigen Bundesstaaten der USA eben noch gängig und somit zwangsläufig ein provokatives wie strittiges Thema. Gene Hackman („The Chamber“) und Sharon Stone („Last Dance“) saßen schon in der Zelle, selbst Clint Eastwood hat das Thema, mit sich in der Hauptrolle, verfilmt („True Crime“), warum also gerade „Das Leben des David Gale“ herauspicken?
Nun, mein Kaufgrund waren die damit verbundenen Namen. Regisseur Alan Parker hat zuletzt mit „Evita“ bewiesen, dass er zumindest allgemeine Anerkennung zu finden weiß, mit „Angel Heart“ dagegen, dass er auch Spannung beherrscht, Produzent (neben Parker) war Nicolas Cage (richtig, der vornehmliche Action-Schauspieler) vor allem aber die Schauspieler locken: denn Kate Winslet kann ja schauspielern, wenn sie will und das ich Kevin Spacey sehr schätze sollte man spätestens nach den DORP-Rezis zu „American Beauty“ und „K-Pax“ wohl wissen.

Nur – hält der Film diese indirekten Versprechungen?
Die Handlung selbst ist, über weite Strecken, sehr stereotyp. Wem das Genre näher bekannt ist, der wird sicherlich vieles im Voraus erahnen können, was der Spannung jedoch keinen wirklichen Abbruch tut. Die Möglichkeit der Vorausdeutung erwächst eher daraus, dass Drehbuch-Autor (und -Neuling) Charles Randolph viele Hinweise auf die Lösung eingestreut hat, die einerseits die gute Konstruktion der Handlung betonen, andererseits eben auch dem geschulten Auge entsprechenden Ansatz geben. Doch vor allem das Ende sollte auch aufmerksamen Zuschauern zusagen, denn es ist zwar nicht unlogisch, doch aber ungewöhnlich.

Eine wirkliche Stärke des Films findet sich allerdings bei den Charakteren – und somit auch bei den Schauspielern. Spacey spielt Gale, und macht dies bravourös. Er erreicht zwar nicht die Klasse seiner Bestleistungen, was jedoch auch etwas an der Prämisse liegt. Hier geht es nicht um einen abgedrehten Verrückten wie in „Sieben“, die Absurdität vieler Szenen aus „American Beauty“ geht dem Film ebenso ab wie die eigenwillige Atmosphäre aus „K-Pax“. Gale ist ein sehr realistisch gezeichneter Charakter und es ist definitiv Spacey, der ihm viel dieser Farbe – und damit seiner Wirkung – verleiht.
Bitsey wird von Kate Winslet dargestellt, die neben „Titanic“ ja auch schon auf einen „Hamlet“ zurückblicken kann und im 2001 erschienen „Enigma“ ebenfalls zu sehen war. Doch bevor wir sie 2004 neben Jim Carrey, Kirsten Dunst und Elijah Wood in „The Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ sehen werden, wagte sie eben die Rolle der Reporterin Bitsey Bloom und enttäuscht nicht.
Zwar reicht sie nicht an Spaceys Klasse heran, wird von ihm aber auch keinesfalls an die Wand gespielt und behauptet sich ganz hervorragend. Gerade auch der Wechsel von der beruflich anwesenden, dem Todeskandidaten skeptisch bis feindlich gegenüberstehenden Reporterin zur verzweifelten Frau, die den in ihren Augen Unschuldigen retten will, kommt gut herüber und ihr Spiel wirkt einfach real.
Die restlichen Darsteller sind dann ebenso gut wie unbekannt, liefern jedoch ebenfalls überzeugende Leistungen ab.

Darin liegt auch der Trick dieses Filmes, das, was ihn vom Durchschnitt trennt. Es sind eben nicht nur die Reporterin und der Mörder – es sind zwei Charaktere, von denen einer eine harte Geschichte zu erzählen hat und der andere versucht, die Wahrheit zu finden.

Jedoch, das muss man an dieser Stelle ebenfalls betonen: dieser Film ist kein reiner Thriller. Und auch kein Drama, obschon gerade auch der Niedergang Gales sehr ausführlich gezeigt wird.
Es ist auch ein Plädoyer gegen das amerikanische Rechtssystem und die Todesstrafe, deren Unmenschlichkeit und Fehlerhaftigkeit. Der Film trägt dabei recht dick auf und es ist wohl vor allem dem gekonnten Spiel sowie des sehr gut dosierten Erzähltempos zu verdanken, dass der Film kein peinliches Abziehbild geworden ist.
Doch es ist kein Geheimnis, das ein Freispruch niemals für jemanden gilt, der wegen Vergewaltigung vor Gericht stand und David Gale ist da keine Ausnahme, denn obschon frei und frei gesprochen, bricht sein Leben doch auseinander. Auch die Todesstrafe in all ihrer Endgültigkeit ist fragwürdig, denn wie immer ist auch hier das Urteil über wahr und falsch durch einen Menschen gefällt und damit anfällig für Fehler. Eine These, die der Film eindrucksvoll beweisen kann.
Es ist auch ein Film über Hingabe und deren engen Grenze zum Fanatismus. Wie weit darf man im Dienste einer Sache gehen? Darf man jemanden töten um das Unheil der Welt zu vermindern? Darf man ... ja, noch eine Frage wird gestellt, die sieht man aber besser selbst.

„Das Leben des David Gale“ ist jedoch kein Lehrstück, das ist ebenfalls wichtig im Hinterkopf zu behalten. Es ist ein Thriller, der die oben umrissenen Botschaften enthält, aber nicht zu seinem obersten Thema macht. Sein oberstes Thema ist sein Hauptcharakter.
Der Film wird in Rezensionen oft dafür kritisiert, Gale wäre kein sehr positives Beispiel für die Gegner der Todesstrafe. Das mag korrekt sein. Will er aber auch nicht. Gale ist ein Beispiel für eine gewisse Sorte Mensch, ist Träger der Handlung, die wiederum seine Geschichte ist. Dem Film das also zum Vorwurf zu machen zeigt höchstens Kurzsicht.

Rein inszenatorisch ist der Film ebenfalls gut gelungen. Die Kameraarbeit ist nicht überragend, aber auch nirgends unter Durchschnitt, die Settings sind schön gewählt, atmosphärisch und dennoch realistisch. Die Optik ist düster, reich an Regen und matten Farben, sehr passend zum Thema.
Die Musik stammt von seinen beiden Söhnen Jake und Alex, die ebenfalls großartige Arbeit liefern und die Mischung aus spannungstragender Hintergrundmusik, Opernarien und einiger anderer Versatzstücke unterstützen den düsteren Grundton nur noch.

Die DVD, zuletzt, kann ebenfalls voll überzeugen. Bild (2,35:1) und Ton (Deutsch und Englisch, jeweils in Dolby Digital 5.1) sind klar und sauber, wenn auch nicht Referenz. Auf der einzelnen Disc schlummern dazu dann noch ein Audiokommentar des Regisseurs, geschnittene Szenen, Making Ofs zu Film und Soundtrack, ein Bericht zur Todesstrafe in Texas und allerlei Gimmicks.

„Das Leben des David Gale“ ist kein Meilenstein, aber wer 125 Minuten gute, durchaus mit Potential zum Nachdenken ausgestattete, Filmunterhaltung sucht, der wird keinesfalls enttäuscht werden.


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