Lost Highway

Fred: I had a dream about you last night.
Renee: Yeah? What was it about?
Fred: You were in the house, calling my name, but I couldn't find you. Then there you were, lying in bed... but it wasn't you. It looked like you, but it wasn't.
- aus Lost Highway

Zur Handlung:
Fred Madison und seine Frau Renee leben zusammen in einem großen Haus in einer guten Wohngegend, doch die Idylle trügt. Nicht nur, dass er krankhaft eifersüchtig ist, auch andere mysteriöse Dinge gehen plötzlich vor, allen voran Videokassetten, die er zugeschickt bekommt und die offensichtlich in seinem Haus aufgenommen wurden.
Plötzlich wird er dann auch noch verhaftet, da er seine Frau bestialisch ermordet haben soll; doch als der Zellenwächter morgens zu der Zelle kommt, sitzt eine ganz andere Person darin. Pete Dayton weiß nicht, wie er da hinein gekommen ist oder was er die letzten Tage gemacht hat – doch in seinem Leben gibt es ebenfalls eine Frau, die exakt aussieht wie Renee ... und noch eine Reihe weiterer, unheimlicher Parallelen.

Zur Umsetzung:
Wenn man eine Geschichte so definiert, dass sie eine Handlungsfolge von einem Zeitpunkt zu einem anderen Beschreibt und dabei an der Seite von einem oder mehreren Protagonisten bleibt, so stößt man ja doch schnell an seine Grenzen.
"Fight Club" hat uns endgültig den Beweis erbracht, dass ein Charakter nicht unbedingt sein muss, was der Film einen glauben macht, "Donnie Darko" ist eines von vielen populären Beispielen, in denen die Zeit aus der Bahn gerät. "Avalon" verdreht die Grenze zwischen wirklicher und virtueller Realität zur Unkenntlichkeit und die Anime-Serie "Serial Experiment Lain" gibt dem den Rest.

Doch keines der genannten Beispiele kommt auch nur Ansatzweise an den Grad der Verstörung heran, den "Lost Highway" normalerweise beim Betrachter auslöst. In "Lynch über Lynch" las ich, dass es ihm wohl unter anderem darum ging, ein filmisches Paradoxon zu erschaffen – doch bevor wir uns dem weiter widmen, zunächst ein paar allgemeine Worte zum Film.

Regie führte, oben wurde es bereits angedeutet, David Lynch, ein Mensch zu dem ich vermutlich nicht mehr viel sagen muss. Dune, Twin Peaks, Straight Story, Blue Velvet und Mullholland Drive sprechen wohl, alle zusammen, eine deutliche Sprache.
Er gilt als einer der der begabtesten Regisseure, einer der größten Visionäre und dabei der Filmemacher mit der umfassendsten Symbolsprache des amerikanischen Films. Wenn man dann noch bedenkt, dass "Lost Highway" als sein schwierigster Film gilt, wird es schon interessant, oder?

Die Hauptrollen sind komplett exzellent besetzt. Bill Pullman (ID4, Lake Pacid) gibt Fred Madison, der eher unbekannte Balthazar Getty (Natural Born Killers) dagegen Pete. Robert Blake, der in "Lost Highway" seine 131. und bis heute zugleich letzte Filmrolle gespielt hat und derweil gerade wegen Mordes vor Gericht steht, spielt den "Mystery Man", eine, ja, mysteriöse Gestalt, auf die wir nachher noch mal kurz zu sprechen kommen.
Auf der Seite des schönen Geschlechts gibt es dann noch Patricia Arquette in einer Doppelrolle zu sehen (wenn man davon ausgeht, dass es wirklich zwei Charaktere sind; dazu auch gleich noch mehr) – rundum ein Ensemble, welches diesen verstörenden Film perfekt trägt.
Die Musik kommt – na klar, es ist ein Lynch – von Angelo Badalamenti, der hier allerdings nichts von der einprägsamen Wirkung eines 'Twin Peaks'-Scores oder gar "Straight Story" hinterlässt; aber auch gar nicht muss. Dafür können zahlreiche lizensierte Lieder, unter anderem "Rammstein", die man aber nicht als Sinnbild für den Musikstil des Films verstanden werden sollten, weiter zur eigentümlichen Atmosphäre beitragen.

Aber was nun zeichnet diesen Film, der in der Zusammenfassung oben so wirr klingen mag, nun aus? David Lynch hat sich, so schrieb er, selbst als Ziel gesetzt eine Geschichte zu schreiben, die – egal aus welchem Winkel man sie betrachtet – einen immer in ein Paradox führt.
Das ist nun nicht so gemeint, dass es hier darum geht, Blödsinn zu erzählen, denn nur weil sich die Geschichte auf der Handlungsebene einer allgemeinen Logik verweigert, macht der Film schon irgendwo Sinn.
Es gibt wiederkehrende Motive in den beiden fast unabhängigen Erzählsträngen von Fred und Pete, weit über die in beiden Leben existierende Patricia Arquette hinaus. Diese alleine ist schon schwierig genug, gibt es doch durchaus Momente in dem Film, in denen man davon ausgehen kann, dass es immer ein und die selbe Frau ist; wer ist dann aber die Tote, die Fred ermordet haben soll?
Fred spielt Jazz, ein Lied, welches Pete später im Radio hört. Jemand klingelt an Freds Türe und sagt über die Sprechanlage, dass Dick Laurent tot sei. In dem Film kommt direkt ein Charakter vor, der Dick Laurent sein könnte, doch sowohl Freds als auch Petes Leben werden indirekt immer wieder durch diesen Charakter gestreift und das Ende nimmt auch hier wieder jede Gewissheit.

Der Film ist ebenso unbegreifbar wie unbeschreiblich – dennoch ist er absolut sehenswert. Denn was den Film wirklich ausmacht, ist seine Wirkung auf den Zuschauer. Die Tonebene, die Bildsprache – alles zusammen erweckt ein Gefühl von Wahnsinn und zerschlägt, zumindest innerhalb der Grenzen des Mediums, jede Grenze zwischen Illusion und Realität.
Charaktere sind nicht, was sie scheinen, sind teilweise vielleicht auch nur Phantasieprodukte oder Metaphern.
Eine Interpretation innerhalb dieser Rezi würde die Grenzen dieses Berichtes sprengen, eine Empfehlung, zumindest zur Betrachtung, sei hier dennoch ausgesprochen. Kein anderer Film hat es jemals für geschafft, eine derart verstörende Mischung aus Thriller, Alptraum und lovecraftschem Nihilismus auf die Mattscheibe zu bringen.
Dazu kommt noch das nagende Gefühl, dass man immer ganz nah an einer Wahrheit zu sein scheint, die man aber einfach nicht greifen kann – grandios.

Weniger zu loben ist dagegen die DVD. Senator Film und UFA haben die Scheibe veröffentlicht, die zwar passables Bild bietet, aber da endet der positive Eindruck auch schon. Der Ton ist in beiden Sprachen in DD5.1 abgemischt, klingt aber dennoch nur passabel, zudem leidet die englische Ausgabe für all jene, die mit den leisen Stimmen des Films Probleme haben, massiv unter dem Fehlen von englischen und der, sagen wir, "freien" Übersetzung der deutschsprachigen Untertitel.
Auf der Bonusmaterial-Seite gibt es neben zwei Trailern nur einige Interviews zu sehen, die man sich auch besser gepfiffen hätte. Die kurzen Ausschnitte (Pullman kommt auf insgesamt 19 Sekunden!) sind eindeutig mitten aus ihren Kontexten gerissen worden, teilweise weiß man einfach nicht, wovon genau die Rede ist und der Informationsgehalt, vom Unterhaltungsgrad ganz zu schweigen, liegt auf dem Nullpunkt.

Somit kann man abschließend sagen dass es ein großartiger Film ist, nur sicherlich nicht für jedermann, der hierzulande leider in einer sehr undankbaren Form auf DVD erschienen ist. Dennoch sollte jeder, der gehaltvolle und künstlerische Filme sowie Spaß an "Was ist Realität"-Filmen hat diesem Film eine Chance geben. Er hat es verdient!


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