Passion of Christ, The

Wohl kaum ein Film hat in den letzten Jahren für eine solche Furore gesorgt wie Mel Gibsons 'The Passion of Christ'. Während sich die Produzenten eines selten da gewesenen kostenlosen Marketings erfreuen und fleißig 'authentische' Kreuzigungsnägel verkaufen, spaltet die Bibelverfilmung die Zuschauerschaft gründlich und sorgt für nicht enden wollende öffentliche Diskussionen. Neben der üblichen Teilung zwischen denen, die den Film für schlichtweg genial halten und jenen, die ihm so rein gar nichts abgewinnen können, zeigt sich der Großteil der Zuschauer von der Darstellung der nicht wie im Kino sonst üblich beschönigten Gewalt schockiert. Die Passion ist ein in vielerlei Hinsicht ungewöhnlicher Film, der polarisiert und eine rein objektive Betrachtung naturgemäß vielen schwer macht.

Die Geschichte der Passion wird den meisten Zuschauern wohl hinlänglich bekannt sein. Gibson begleitet Jesus (genial: der bislang leidlich bekannte James Caviziel) von den Stunden im Garten Gethsemane nach dem letzten Abendmahl bis zu seinem Tod am Kreuz. Dabei erzählt Gibson in Gestalt von kurzen Rückblenden vom Leben und Wirken Jesu, wobei dem Bibelunkundigen wohl der Sinn verschiedener Blenden verschlossen bleiben wird.

Die Geschichte der Passion zeichnet Gibson bereits in den ersten Minuten mit einer düsteren, drückenden Stimmung, die nicht nur durch die vornehmlich dunklen Farben als vielmehr auch durch den unaufdringlichen, den Film immer wieder begleitende Soundtrack von John Debney entsteht. Jesus selbst erscheint von der ersten Minute an weder als Held noch als Heiland, Gibson legt viel Wert darauf, ihn von der ersten Minute an sehr menschlich anzulegen, ohne ihm die Aura des Stolzes und der Unverwundbarkeit zu verleihen, die ihm die Bibel gerne zu spricht.
Cavieziel spielt Jesus von erstem Moment an mit großem Talent als unsicheren, von Zweifeln zerrissenen und vor allen Dingen angst erfüllten Menschen, der alles dafür geben würde, seinem Schicksal zu entgehen. Bei seiner Befragung durch die Pharisäer nach der Gefangennahme im Garten Gethsemane ist Caviziel weit weniger der redegewandte Prophet als vielmehr resigniert und in sein Schicksal ergeben. Durch die ausbleibende Idealisierung Jesu über den gesamten Film hinweg und die Konzentration auf seine Hilflosigkeit verleiht Gibson den späteren Szenen der Folterung Jesu um so mehr Gewicht und verstärkt die Botschaft der Aufopferung für die Welt.

Die wohl allgemein bekannteste und kontroverseste Szene des Filmes steht wohl die öffentliche Folterung Jesu durch die Römer dar, als Pilatus zunächst beschließt, ihn nicht ans Kreuz schlagen zu lassen und hofft, die Pharisäer auch auf diese Art zufrieden stellen zu können. So wird Jesus an einen Block gebunden und ausgepeitscht. Während aber die meisten Zuschauer nach vorgeschriebenem Ablauf für Hollywoodfilme eine kurze Szene mit gewohnt schneller Abblende erwarten, die eben so das Geschehen vermitteln soll, spielt Gibson die Folterung hier in voller Länge aus. Er verzichtet dabei völlig auf das sonst übliche Schema von Kunstblut und ein wenig Wehklagen und bemüht sich statt dessen, die zugefügten Verletzungen so realistisch wie nur möglich darzustellen. Jeder einzelne Schlag bedeutet eine weitere, durchaus sehr echt wirkende Wunde, wobei Gibson auch keine Scheu zeigt, über das für Kinofilme normale Maß an Gewalt hinaus zu gehen.
So werden stellenweise ganze Hautfetzen von Jesus Körper gerissen, während der Grad der Folterung jedes mal einen weiteren markabren Höhepunkt setzt. Trotzdem ist die rein physische Gewalt in dieser über 10 Minuten andauernden Szene eher zweitrangig, da Gibson hier eher auf die Psyche des Zuschauers hinspielt. So geschieht die Folterung in fast völliger Stille, während allein die Stimme des römisches Offiziers, der die Schläge zählt, immer wieder schneidend in den Vordergrund tritt. Relativ schnell ist so der durchschnittliche Zuschauer an dem Punkt angelangt, an dem er sich nur noch wünscht, dass die immer grausamer werdenden Schläge aufhören, nicht zuletzt, da die Szene dank ihrer ungewöhnlichen Aufmachung so rein gar nicht mehr wie Kino als vielmehr doch erschreckend realistisch wirkt.

Ein besonders eindringliches Element stellt an dieser Stelle des Film die schauspielerische Leistung von Maia Morgenstern in der Rolle der Maria dar. Bis auf wenige Ausnahmen verbleibt sie den gesamten Film über stumm, ist aber immer wieder unter den umstehenden Menschen auszumachen und beweist eine eindrucksvolle Gabe allein durch ihre Mimik und Körpersprache. In stillem Entsetzen verfolgt sie die Folterung ihres Sohnes, wobei sich sehr überzeugend Unglauben mit Schmerz vermischt. Auf unerklärliche Weise gelingt es ihr, ihr Spiel realistisch jenseits aller Konstruktion erscheinen zu lassen, sie verzichtet auf jeglichen Pathos und jede Übertreibung. Durch die ungewohnte Wirklichkeit ihrer Darstellung gemeinsam mit der durchweg überzeugenden Darstellung Jesu durch Caviziel gewinnt die Passion mit der Folterung einen Grad von Realität, der für kurze Zeit vergessen macht, dass man in einem Kinosessel sitzt und den Zuschauer fast glauben lässt, selbst unter den Umstehenden zu sein und das Geschehen zu verfolgen. Zwar wird dieser Effekt vermutlich das Ziel eines jeden Regisseurs darstellen, die Passion wird jedoch spätestens ab diesem Punkt sehr hart und dürfte für eher zart besaitete Zuschauer vielleicht etwas viel des Guten darstellen. Tatsächlich verlassen im Laufe dieser Minuten viele Menschen die Kinos, was heutzutage ob der allgemeinen Desensibilisierung nur noch selten der Fall sein dürfte.

Schließlich und endlich aber endet auch die Folterung Jesu, und während Maria und Maria Magdalena stumm und mit ernstem Blick Jesus Blut aufwischen wähnt der Zuschauer, den schlimmsten Teil des Filmes überstanden zu haben. An dieser Stelle treibt Gibson das Spiel mit den Emotionen nochmals ein Stück weiter, als er von dort aus direkt zur Verhöhnung Jesu durch die Soldaten mit Mantel und Dornenkrone übergeht. Der völlig zerschundene Caviziel, der keinen heilen Fetzen Haut mehr am Körper und keinen Funken Kraft mehr zu haben scheint, scheint an diesem Punkt bereits dem Tod näher als dem Leben, und glücklicherweise verzichtet Gibson nicht darauf, neben denjenigen unter den Soldaten, die ihr perfides Spiel weiter und weiter treiben, auch solche zu zeigen, die sich erschüttert abwenden. Auch der Großteil der Zuschauer der Folterung ist über die Dauer sehr still geworden und verschwunden. Durch die zum Teil sehr menschlichen Reaktionen auf beiden Seiten verstärkt sich erneut der Wirklichkeitsgrad der Passion und lässt das Geschehen weniger konstruiert wirken. Überzeugend an dieser Stelle ist vor allem Hristo Naumov Shopov als Pilatus, dem man förmlich anzusehen meint, wie er zwischen Entsetzen über den Anblick des gefolterten Jesus und Mitleid schwankt, bis er sich letztlich aber doch gegen seinen Willen zu dessen Kreuzigung einverstanden erklären muss, um einen Aufstand zu vermeiden.

Die Kreuzigungsszene selbst ist überraschend unspektakulär und trotzdem auf ihre eigene Art eindringlich. Jesus Tod am Kreuz stellt gleichermaßen den Höhepunkt als auch den Abschluss eines Leidensweges dar, den sich der Zuschauer ob der Grausamkeit der vergangenen Szenen herbeisehnt. Zur Kreuzigung selbst lässt sich nicht viel mehr zusammenfassen als dass Gibson sich auch weiterhin sehr getreu an die Bibel hält und weiterhin auf übliche Showeffekte verzichtet, es ihm aber trotzdem gelingt, von der Darstellung Jesu als Mensch den Bogen zum Sohn Gottes zu schlagen. Subtil verändert er den Wechsel von Farbwahl, Hintergrundmusik und vor allem die Mimik der Schauspieler die Grundstimmung, als allen Beteiligten und damit auch dem Zuschauer letztlich bewusst wird, dass es sich nicht um eine normale Kreuzigung sondern um etwas Größeres handelt. Dabei greift Gibson zwar auf einige eher flache Stilmittel wie den immer stürmischer werdenden Himmel zurück, aufgrund der durchweg guten Leistung aller Darsteller kann man dies aber an dieser Stelle verzeihen. Etwas merkwürdig mutet allein Rosalinda Celentano an, die den ganzen Film über immer mal wieder in der Rolle des Satan im Bild erscheint und Jesus recht charismatisch von seinem Weg abzubringen versucht und enorme Genugtuung an seiner Folterung zeigt. Nach Jesus Kreuzigung scheint Satan in einem irgendwie eher an Ghostbusters erinnernden Effekt zu vergehen (oder so) und bietet so einen eher merkwürdigen Abschluss für den Film.

Round about ist die Passion ein Film, der nur einer recht kleinen Klientel wirklich etwas bieten wird. Für diejenigen, die die entsprechenden Bibelpassagen kennen und die zahlreichen im Film versteckten Details entdecken bietet die Passion einen sehr intensiven, eindringlichen Film, der das Verständnis der Bibel in ein neues Licht rückt. Auf der anderen Seite wird all denjenigen, die sich in der Bibel nicht heimisch fühlen, vieles verschlossen bleiben und ein großer Teil des Films sehr langatmig erscheinen. Auch besteht aufgrund des hohen Grades an Gewalt die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Reihe der Zuschauer abschotten und die Geschichte nicht wirklich an sich heran lassen wird. Gibson hat sich mit der Verfilmung des vielleicht letzten echten Tabuthemas auf dünnes Eis gewagt. Ob man aber nun seine Vorstellungen verwirklicht findet oder nicht liegt sicherlich bei jedem Einzelnen, wer sich aber nicht von den öffentlichen Diskussionen beeinflussen lässt und unvoreingenommen und mit ein wenig Toleranz für die zuweilen leider doch pathetisch geratenen Szenen an den Film herangeht, wird ein insgesamt rundum gut gemachtes und absolut meisterlich gespieltes Werk vorfinden. Die Passion trägt keine tiefere Botschaft, sie bietet weder Action, noch Romantik, noch im weitesten Sinne überhaupt eine wirkliche Handlung, sie stellt nicht mehr dar als eine nackte und schonungslose Version der möglichen Realität. Vielleicht liegt gerade darin die Größe dieses Filmes.

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