Ghost in the Shell 2 - Man-Machine Interface

„Ghost in the Shell“ war nicht nur ein Meilenstein im Anime-Sektor, der erstmals durch verstärkten Einsatz digitaler Zeichentechniken einen gänzlich neuen Look etablieren konnte, es war auch zuvor bereits ein Manga, der durch eine komplexe, philosophische, geradezu metaphorische Story fesseln konnte.
Einigen Leuten aber war Shirow Masamunes Geschichte schon zu abgehoben und zu technisch, jedoch waren diese merklich in der Minderheit. Diese Leute aber sollten, das gleich vorweg, um den vorliegenden Band einen weiten Bogen machen.
Denn vor uns liegt „Ghost in the Shell 2 – Man-Machine Interface“, einen Manga, von dem ich offen zugebe, auch nicht alles verstanden zu haben. Denn wenn das Backcover davon spricht, es sei „Shirow‘s most amitious and complex story yet, with deep forays into philosophy and the meaning of artificial life, intelligence and existence“, dann ist das nicht mehr als die bloße Wahrheit.

Generell geht es in der Geschichte um einen hochentwickelten Cyborg namens Motoko. Wer jetzt an die Motoko aus dem ersten Band denkt, der hat Recht … aber nicht wirklich. Motoko Aramaki ist im Anti-Terror-Gewerbe tätig. Rund um den Erdball ereignen sich eine Reihe bizarrer Zwischenfälle, irgendwie miteinander verbunden, denen sie nachgehen soll.
Dies tut sie aber nur zu einem sehr beschränkten Teil in der physischen Welt, sondern die meisten Zeit in den bunden, abstrakten und symbolischen Dimensionen virtueller Realitäten.
Damit verwoben ist eine zweite Geschichte rund um Tamaki Tamai, eine junge Ermittlerin der sogenannten „Channeling Agency“. Das sind ebenfalls keine normalen Ermittler, sondern eine telepathisch forschende Gruppe und Tamaki hier betrachtet mehr oder weniger das, was Motoko tut. Nicht nur deren Ermittlungen, sondern auch was sie jenseits aller Symbolsprache wirklich macht.
Verwirrt? Gut!

Denn „Man-Machine Interface“ ist anders als jeder andere Manga, der mir bisher untergekommen ist. Wirklich große Teile der Handlung spielen sich in den digitalen Netzwerken der Welt ab, durch die eine ikonische Motoko gleitet, umgeben von lustig aussehenden Subprogrammen und überall erscheinenden Interfaces. Das führt alleine dazu, dass große Teile der Dialoge irgendwo auf der folgenden Ebene ablaufen:
„Enemy defense system partially destroyed. „Antivirus auto-update“ virus has been restored and appears functional.“
„Anchor it to the enemy‘s gates! Start with a peripheral search!“
Das kann, offen gestanden, anstrengend sein.
Dabei dürften auch entsprechend technikgelehrte Leser nur wenig Vorzüge genießen, denn Shirow verwendet nicht nur ‚informatische‘ Begriffe, sondern auch hier massig Symbolsprache, Metaphern und dergleichen mehr.
Hilfreich ist dabei allerdings, was er schon im ersten Band machte und im neuen noch weit öfter einsätzt: kleine Notizen rund um die Paneelen, die einem erklären, was da gerade eigentlich passiert, was überhaupt ein „Cebot“ ist oder auch, warum dieses oder jenes Objekt eben so gezeichnet wurde, wie es ist.

Die Zeichnungen sind dagegen ein Punkt, der sehr begeistern kann. Etwas mehr als die Hälfte des Mangas ist wieder bunt gestaltet, doch ganz anders als noch in Band 1. Masamune hat den Computer für sich entdeckt und coloriert seine Figuren damit durchgängig, was ganz wundervoll aussieht. Selten habe ich bisher in einem Comic eine solch anhaltende Detaildichte entdecken können.
Leider ist er auch dazu übergegangen, einige Hintergründe zu rendern – was man leider teilweise sieht. Nicht oft, meist fügt sich da alles gut zusammen, doch gerade Wasser und Feuer sieht auf einigen Bildern einfach aus, als wäre es aus einem drei Jahre alten Videospiel entlaufen. Schade. Auch etwas schade finde ich, dass Masamune nicht umhin kam, nahezu jede Chance mitzunehmen, die weibliche Charaktere der Geschichte zumindest teilweise auszuziehen. Die Geschichte hätte diesen Exhibitonismus nicht nötig und es fügt sich auch nur schwer mit dem hohen Anspruch, den der Rest der Erzählung hat, zusammen.
Insgesamt kann man aber sagen, dass die farbliche Gestaltung des Buches atemberaubend ist, gerade die Cyberspace-Szenen dürften wohl die buntesten und auch vollsten Seiten sein, die je in einem Manga zu sehen waren.
Auch der Seite der schwarzweißen Bilder hat sich dagegen, kurz gesagt, nicht viel getan. Zwar wurden auch hier und da einige Computerelemente eingebaut, aber insgesamt ist hier seit „Ghost in the Shell“ alles beim alten geblieben.

„Ghost in the Shell 2: Man-Machine Interface“ ist also bildschön. Aber ist das ein Grund, den Band zu lesen? Ich denke, das ist er. Klar, die Optik ist nicht alles, aber schon mal ein guter Einstieg.
Was die Geschichte betrifft, so sollte man gewarnt sein, worauf man sich einlässt. Physische Konflikte, wie sie im Vorgänger ja noch häufig vorkamen, sind hier nahezu komplett verschwunden. Alles dreht sich rund um symbolträchtigen Cyberspace, der für unsereins natürlich gleich aus mehreren Gründen gar nicht ganz zu verstehen ist, denn was durch die Übersetzung an Doppeldeutigkeit noch nicht entfernt wurde, dass entgeht einem mangels intensivem Studiums japanischer Mythologie.
Man fühlt sich etwas wie ein Jugendlicher, der erstmals mit Existentialphilosophie in Kontakt kommt. Man versteht nicht wirklich, was man da gerade liest, aber es ist definitiv faszinierend.

Eine generelle Empfehlung mag ich für den Band nicht ausstellen, zu freakig und abgedreht ist er. Grafikinteressierte sollten definitiv einen Blick hineinwerfen, Fans des Vorgängers sowieso. Alle anderen lesen vielleicht besser erst einmal Band 1 und wenn sie mit dem keine nennenswerten Probleme hatten, dann sind sie auch herzlich eingeladen, sich am „Man-Machine Interface“ zu versuchen.
Vielleicht bringen Dark Horse ja aber auch einmal, wie schon zum ersten Teil, eine durchgängig kommentierte Ausgabe auf den Markt. Es wäre für westliche Leser wohl ganz wünschenswert...


Shirow Masamune
310 Seiten Softcover, Dark Horse{jcomments on}
ISBN: 1-59307-204-X

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