Astonishing X-Men 1, The - Gifted

Ich kenne wenige Leute in der Fernsehwelt, denen das Attribut „Storyteller Mastermind“ respektive „Master Storyteller“ öfter zuerkannt wurde als Joss Whedon. Er schuf mit „Buffy“ und „Angel“ zwei der erfolgreichsten Serien der späteren Neunziger, mit „Firefly“ dagegen einen der Insidertipps im SF-Genre. Er schrieb die erste Drehbuchversion von „Alien: Ressurrection“, bringt noch dieses Jahr mit „Serenity“ einen der heißersehntesten SF-Filme des Jahres ins Kino und war auch, da schließt sich der Kreis, ursprünglich mit der Erstellung eines X-Men-Kino-Drehbuchs betraut.
Zwar haben es nur wenige Zeilen seines Entwurfs wirklich in den Blockbuster geschafft, aber die Verbindung war nun da. Joss Whedon und X-Men konnten in einem Satz genannt werden.
Und 2004 war es dann soweit und der Traum vieler Fans wurde wahr: Marvel engagierten Whedon, um als Autor für die auserkoren neue Hauptlinie des X-Men-Franchises zu arbeiten. Nach den „Uncanny“, den „Ultimate“, den „New“ und vielen anderen „X-Men“ sollte er nun einmal mehr die Verkaufszahlen in die Höhe treiben. Er unterschrieb für einen zwölfmonatigen Lauf, mit der (derzeit, Mitte ‘05 wahrscheinlich erscheinenden) Option auf ein zweites Jahr.
Er schrieb dazu entsprechend zwölf Ausgaben, in denen sich zwei miteinander verwobene Storylines entfalteten, deren erste, „Gifted“, jetzt vor uns liegt.

Whedon setzt hinter den „New X-Men“ an, was bedeutet, dass schon allerlei Handlung geschehen ist, bevor seine Geschichte startet. Wer nun also nur die bisherigen beiden Filme kennt, der wird eventuell einige Probleme haben, seinen Weg in die Geschichte zu finden. Aber andererseits ist diese nun nicht so komplex, dass das unmöglich wäre.
In einer spoilerfreien Nussschale: Nach den bisherigen, aufreibenden Ergebnisses hat Professor X ein Sabbatjahr eingereicht, bildlich gesprochen, und die Akademie der X-Men liegt derzeit in den Händen von Cyclops, Emma Frost, Kitty Pryde, Wolverine und Beast. Doch stehen die Mutanten einer besonderen Herausforderung bevor: eine Wissenschaftlerin hat ein Serum entwickelt, welches sie von ihren Superkräften „heilen“ kann.
Klar, für einen echten X-Man ist das keine wirkliche Alternative ... oder? Für andere jedenfalls ist es verlockend; Leute, die keine faszinierenden Schnappklingen und nahezu unverwundbare Körper erlangt haben, sondern deren Kopf nur in der Brust sitzt, die ein Bein zu viel haben oder dergleichen mehr.
Doch was daher selbst in den Reihen der „gifted students“ der Akademie für Trubel sorgt, beunruhigt auch die erfahrene Riege der Recken, denn die Gedanke, dieses Mittel in den Händen des Militärs oder einer ähnlichen Organisation zu sehen, beunruhigt sie zu Recht.
Dazu kommt ein weiteres Problem, denn ein seltsamer Geselle, der sich selbst „Ord of the Breakworld“ nennt, geht umher, stiftet unheil und scheint auf ungute Art und Weise mit der Forschung am Mutanten-Heilserum beteiligt zu sein.

Whedons Geschichte liest sich definitiv spannend, kann aber natürlich alleine vom Umfang her schon nicht mit erzählerischen Meisterwerken wie den Loeb‘schen Batman-Comics, Gaimans Sandman oder ähnlichen mithalten. Aber sie ist kurzweilig und bietet das, was die X-Men auszeichnen sollte: Spannung, Action, einen Hauch Drama, viel Gruppendynamik und coole Sprüche.
Doch Whedon bringt auch andere Veränderungen mit sich, allen voran die Kostüme. Die „Astonishing“ markieren zwar keine Rückkehr, aber eine extreme Annäherung an die alten Designs. Die in der „New“-Reihe gefeatureten Lack- und Lederoutfits mit den gelb leuchtenden X-Windeln (Fans mögen mir verzeihen...) sind wieder ad acta gelegt. Doch zusammen mit dem gut zeichnenden John Cassady gelingt es ihm, das Design gleichzeitig wieder zu seinen Wurzeln zu führen und gleichzeitig so zu modernisieren, dass es ausgesprochen augenfällig wirkt.
Und es wäre nicht Joss Whedon, wenn dieser Wandel nicht auch innerhalb der Geschichte mit einem klaren Augenzwinkern umgesetzt würde.

John Cassady ist vom Stil her ein klassischer Vertreter moderner Marvel-Künstler. Computercolorierte Bilder mit klaren Linien, viel akzentuierenden Schatten und netten, visuellen Effekten. Schön eingeteilgte Panels, ein klarer Lesefluss – es macht Spaß, sich durch „Gifted“ zu lesen.

Somit kann ich den ersten Sammler nur jedem wärmstens ans Herz legen, der etwas mit den X-Men anfangen kann. Es erwarten einen in Story noch allerlei Überraschungen, die Namen Jean Grey und Peter Rasputin fallen mehr als ein Mal und der Schluß von „Gifted“ macht schon richtig Appetit auf den im September erscheinenden, zweiten Band. Zwar ist es kein Meilenstein, von dem man noch in Jahrzehnten reden wird, aber es ist eine exzellente Comic-Geschichte geworden.
Insofern kann es nur heißen, hier zuzuschlagen, ein paar amüsante Stunden im Marvel-Universum zu verbringen und danach dem September entgegen zu lechzen. „Gifted“ hat mich jedenfalls voll überzeugt.


Joss Whedon, John Cassady
152 Seiten Softcover, Marvel{jcomments on}
ISBN: 0-7851-1531-5

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