Astonishing X-Men 2, The - Dangerous

Offenbar liege ich mit meinen Einschätzungen doch nicht immer ganz richtig. Am Ende meiner Rezension zu „Gifted“, dem ersten Sammelband der „Astonishing X-Men“-Reihe, die unter der Federführung von Buffy-, Angel- und Firefly-/Serenity-Macher Joss Whedon bei Marvel erscheint, schrieb ich, dass es gut, aber kein Meilenstein geworden sei. Mittlerweile ist der erste Lauf mit dem Eisner-Award ausgezeichnet worden und in allen Kritikerkreisen als, ja, Meilenstein gelobt worden. Na gut.

Beim zweiten Band der Reihe verhält es sich dagegen im Grunde genau anders herum. Während ich die Geschichte persönlich sehr cool und vor allem gut erzählt fand, waren sich Kritiker und Fans einig, dass „Dangerous“ nirgends an die Qualität des Vorgängers heranreiche.
Warum ich ihn dennoch gut fand, wollen wir uns nun einmal im Detail beschauen.

Whedon setzt mit „Dangerous“ dort an, wo „Gifted“ aufgehört hat. Der eigentliche Plot um das „Heilmittel“ gegen Mutation und die Drahtzieher dort im Hintergrund war ja bereits aufgelöst, weshalb der zweite Sammelband vielmehr grundlegende Konflikte aus dem Vorgänger neu aufgreift.
Etwa Wing, der durch das Mittel „geheilt“ wurde und sich nun der Frage gegenüber sieht, was er nun ist. Er konnte fliegen und nun soll er nur noch ein normaler Mensch sein? Weiterhin wird das Verhältnis zwischen Kitty Pryde und Colossus weiter beschrieben, die beide erst einmal damit klarkommen müssen, dass der letztgenannte nicht tot ist, wie man glaubte. Und zuletzt ist da Emma Frosts zweifelhafte Loyalität, denn dass dort etwas nicht ganz stimmen kann, wurde ja bereits in „Gifted“ deutlich.

Dies alles vermengt die Geschichte mit einer ganz neuen Gefahr, und wer sich nicht spoilern lassen will, der setzt einfach einen Absatz später wieder mit dem Lesen ein. Denn als Professor X den Danger Room mittels der Shi‘ar-Technologie reparieren ließ, „erschuf“ er etwas. Der Raum erhielt ein Bewusstsein, war jedoch Gefangener in seinem eigenen Käfig und musste tun, was ihm befphlen war.
Jetzt ist seine Zeit gekommen um zurückzuschlagen und seine Pläne sind ebenso grausam wie durchdacht. Unter Benutzung einiger Sentinels und des Raumes selber webt diese Entität ein finsteres Netz, das droht, die kompletten X-men auszuradieren.

Zugegeben, das Thema ist kaum neu zu nennen. KIs die zu wahrem Bewusstsein gelangen gibt es schon seit Jahrzehnten, wurden nicht zuletzt im Cyberpunk ausgiebig behandelt und waren das Thema unzähliger Holodeck-Episoden von Raumschiff Enterprise.
Ja, sogar bei den X-Men selber gab es eine derartige Geschichte bereits, als Cerebro einmal Bewusstsein erlangte. Einen Preis für Originalität gewinnt Whedon also schon einmal nicht.

Auch muss man leider zugeben, dass die Charakterisierung der einzelnen X-Men teilweise etwas auf der Strecke bleibt. Gerade das schon erwähnte Verhältnis zwischen Kitty und Colossus wird zwar zu Beginn einmal gestreift, dann aber auch lange Zeit vergessen. Sehr gelungen finde ich die Art und Weise, wie „Dangerous“ am Ende Licht auf Professor X wirft, aber Elemente wie die Zerrissenheit von Beast ob des Heilmittels verblassen in dieser Geschichte vollkommen.
Zuletzt, um danach dann auch mal zu den schöneren Seiten vorrücken zu können, fehlt es dem Band stellenweise etwas an dem Witz, für den viele Whedon so schätzen. Es gibt eine Szene gleich zu Beginn, mit Wolverine, die noch für einen Lacher gut war, doch ansonsten wirkt vieles etwas, nun, sperrig.

Warum also mochte ich „Dangerous“? Ich finde, es ist ein Comic, der ungeheuer gut „fließt“. Von der ersten Szene mit Wing bis zum enthüllenden letzten Panel zeigt die Geschichte eine ziemliche Eigendynamik und läuft einfach souverän durch. Die Ereignisse überschlagen sich ziemlich und Ruhepausen sind den X-Men nicht wirklich vergönnt und auch als Leser ist es so, als wenn man einfach eine große, dynamische Szene durchliest. Das mag in Heftform noch etwas frustrierend gewesen sein, im Sammelband aber wirkt das durchaus gelungen.
Eine Charakterdarstellung wie in Gaimans „Sandman“ oder Handlungsentwicklung wie in Ellis‘ „Transmetropolitan“ sucht man hier vergebens, dafür kriegt man wirklich etwas für die Augen geboten.

John Cassaday war im ersten Band schon gut, toppt hier seine eigene Leistung noch einmal und zaubert ein paar Panels auf die Seiten, die einen schon mal mit einem „Wow“ verharren lassen. Denkt einfach an meine Worte, wenn sich der zweite Sentinel der Geschichte erstmalig zeigt. Wow.

Gewissermaßen hat Whedon hier so etwas wie die „Bruckheimer“-Version eines Comics abgeliefert. Nichts mit großer Tiefgründigkeit und packender Charakterzeichnung, aber mit viel Action und eben vielem, was die müden Augen belohnt. Gegenüber Band 1 mag das enttäuschen und Whedon-Fans mögen sich mehr typische Elemente gewünscht haben, aber alle anderen kommen schon voll auf ihre Kosten.
Wer actiongeladene Comics gerne liest, wer mit den X-Men generell etwas anfangen kann und in Sachen KI auch mal alten Wein aus verdammt schönen, neuen Schläuchen trinken mag, der sollte mal einen Blick auf „Dangerous“ werfen.
Ich jedenfalls hatte viel Freude an dem Band.


Joss Whedon, John Cassady
152 Seiten Softcover, Marvel
ISBN: 0-7851-1677-X {jcomments on}

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