Knut Hickethier (Hrsg.), unter Mitarbeit von Katja Schumann: Filmgenres: Kriminalfilm

Und so war ich mal wieder dran. ego und ich, wir wechseln und ja ab, was die Reclam-Bände zu einzelnen Filmgenres betrifft. Bisher sicherlich nicht zu meinen Gunsten, da alle Bücher der Reihe, die ich bisher besprochen habe, nicht wirklich überzeugen konnten.
Umso schwerer viel mir die Investition in das vorliegende Buch, denn einmal mehr zeigt Reclam seine dunkle Seite, die man nur dann zu Gesicht bekommt, wenn man abseits der Verkaufsschlager zugreift. Denn wo Goethe auch weiterhin billig ist, so kostet das vorliegende, mit rund 370 Seiten nicht übermäßig dicke, Taschenbuch im typischen Reclam-Look mit schlechtem Papier, kleinem Druck und langweiligem Einband doch wieder schnacke neun Euro. Aber auf dem Einband prangt bereits Humphrey Bogart, wie er in „Spur des Falken“ zu sehen ist und vermittelt eigentlich genau die richtige Richtung, die ich mir von dem Band zum Krimi-Genre erhofft habe.

Da dies aber sicherlich ein weites Feld ist, erfreut der einleitende Essay, der nicht zuletzt versucht, den Bereich einmal abzustecken. Die Einteilung in Detektivfilme, Polizeifilme, Gangsterfilme (mit Ableger Serienmörderfilme), Gerichtsfilme, Gefängnisfilme, Thriller (mit Unterkategorien wie dem Polit- oder dem Medienthriller), Spionagefilme und den film noir gefällt mir dabei sehr gut und es ist schön, eindlich mal eine zitierbare Definition abgeliefert bekommen zu haben.
So positiv eingestimmt kann man seinen Blick nun auf die reihentypischen Filmbesprechungen richten. Rund 70 Stück sind es dieses Mal und, wie eigentlich immer, bin ich mit der Auswahl nicht ganz glücklich. Sie ist gut, keine Frage, und viele wichtige Filme sind vertreten.
So etwa der schon erwähnt „Die Spur des Falken“, „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, „Das Fenster zum Hof“ oder, aus der Thriller-Ecke, „Sieben“ und „Das Schweigen der Lämmer“. Dann sind einige Filme drin, die bereits zeigen, dass man das Genre hier weiter aufgefasst hat, als man denke könnte. „Der Name der Rose“ etwa ist enthalten, „Dirty Harry“ ebenso. Die Aufnahme von Titeln wie „Beverly Hills Cop“, „Zwei stahlharte Profis“ (=Lethal Weapon I) oder auch „Minority Report“ fand ich dann zwar nachvollziehbar, aber schon komisch, wohingegen das Vorhandensein von Lynchs „Lost Highway“ in diesem Band in meinen Augen einfach keinen Sinn macht. Auch nach der Lektüre des entsprechenden Abschnitts nicht.

Das wäre nicht weiter schlimm, würden nicht andere Genrevertreter einfach fehlen. Weshalb ist „Es geschah am hellichten Tag“? Wo sind all die ermittelnden TV-Pfarrer, vom Pater Braun bis hin zum aktuellen italienischen Ableger mit Terrence Hill? Warum ist der Band überhaupt so Deutsch-Amerikanisch geworden – was ist mit all den britischen und dänischen Kriminalfilmen? Man kann argumentieren, dass „Die Spur des Falken“ den Film Noir ausreichend repräsentiert, trotzdem fehlt mir „Sunset Boulevard“. Erst Recht, wenn von Tarrantinos fünf Filmen gleich zwei in dem Band repräsentiert sind. Und warum ist eine einzelne Stahlnetz-Episode separat enthalten, wohingegen „Tatort“ als solches zu einer Randnotiz in eben jenem Abschnitt wird? Nein, die Auswahl ist nicht schlecht, aber doch irgendwie unzureichend.

Verbessert haben sich dagegen die Filmgeschreibungen an sich. So ist vor allem der Ton wesentlich neutraler als früher, was sich beispielsweise bei Dirty Harry bemerkbar macht. Zu schreiben, dass die Kritikerin Pauline Kael in dem Film „ein faschistoides Potentiel, das im Action-Genre schlummere“ gesehen habe, nennt einen zumindest streitbaren Fakt. Gemäß der Schreibweise vorheriger Bände ist es aber ein klarer Fortschritt, dass hier Frau Kael zitiert und nicht direkt ein Zustand attestiert wird.
Auch wird mit den Filmen an sich respektvoll umgegangen. Pauschalverurteilungen und angedeutete Vorurteile, wie man sie in zahlreichen Medienkritiken doch immer wieder und wieder finden kann, sucht man im „Kriminalfilm“ glücklicherweise vergebens.

Doch ist das Buch sein Geld wert? Nun, das muss natürlich jeder letztlich für sich entscheiden, denn es ist ein wissenschaftliches Sachbuch und mutmaßlich gibt es unterhaltsamere Lektüren als dieses Buch. Wer nun aber eine halbwegs wissenschaftliche Quelle zum Thema „Kriminalfilm“, einen durchschnittlichen Überblick über klassische Vertreter mit weitestgehend populismusfreien Kritiken und somit einen guten Startpunkt für weitere Recherchen sucht, der ist hier vermutlich richtig. Ein Buch, das man etwa im Gegensatz zum Fantasy- oder zum Horrorband der Reihe durchaus weiterempfehlen kann.
Name: Filmgenres: Kriminalfilm
Verlag: Reclam
Sprache: Deutsch
Autor: Knut Hickethier (Hrsg.), unter Mitarbeit von Katja Schumann
Seiten: 370
ISBN: 3-15-018408-8{jcomments on}

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