Jane Espenson (Hrsg.): Finding Serenity

Da muss ich, denke ich, vorweg doch zunächst etwas ausholen. Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit der dritten Fernsehserie von Joss Whedon. Anders als „Buffy“ und „Angel“ war „Firefly“ allerdings kein kommerzieller Erfolg beschieden, unverdient, wie der Autor dieser Zeilen meint. Es war eine zuvor und danach niemals auch nur im Ansatz erreichte Symbiose der Genres Western und Science Fiction, die bisher im Feldtest jeden, dem ich eine Episode zeigte, in seinen Bann schlug. Immerhin haben das auch die Verantwortlichen von Universal gemerkt, haben FOX die Rechte abgekauft und bringen nun diesen Herbst mit „Serenity“ eine Kino-Fortsetzung der Serie. Ich denke, auf einer reinen Marketing-Ebene dürfte das auch einer der Gründe sein, warum das vorliegende Buch nun das Licht der Welt erblicken konnte.
Aber nicht nur, dass „Firefly“ einige cm vor „Millennium“ auf dem ersten Platz meiner persönlichen TV-Serien – Hitliste ruht, ich halte die Serie auch für inhaltlich wie filmsprachlich mit unglaublich viel Subtext ausgestattet. Das geht soweit, dass ich für die Universität bereits eine Analyse der Exposition der ersten regulären Episode („The Train Job“; Interessiere können sich gerne mal unter SeelederSchar[at]nerdor.(punkt)de melden, wenn sie wollen) angefertigt habe. Das bedeutet natürlich zunächst einmal, dass ich dem vorliegenden Band von Anfang an recht offen gegenüber stand. Nicht nur bin ich großer Fan der behandelten Materie, sondern eine wenigstens semi-wissenschaftliche Annäherung an die Serie kann ich nur begrüßen.

„Finding Serenity“ ist ein Essayband. Jane Espenson, übrigens die Autorin der vielgeliebten Episode „Shindig“ der Serie, hat hier zwanzig Essays zusammen getragen, die verschiedene Aspekte der Show beleuchten. Ich werde in Folge aber davon ausgehen, dass der geneigte Leser dieser Rezension zumindest in Grundzügen mit der Serie vertraut ist – eine Rezi der Serie selbst ist aber ebenfalls für die nächste Zeit irgendwann geplant. Jeder Nicht-Kenner ist aber natürlich dennoch eingeladen, mal querzulesen und sich neugierig machen zu lassen.
Der Titel nebst Untertitel sagt eigentlich schon eine ganze Menge aus. „Finding Serenity“, da steckt neben der wörtlichen Bedeutung von „Serenity“ (der Webster lehrt uns: „the quality of being clear and free of storms or unpleasant change, or shining bright and steady“) natürlich auch die Schlacht im ‚Serenity Valley‘ drin, in der die Browncoats dereinst den Krieg verloren, sowie natürlich die ‚Serenity‘, das Schiff, um dessen Crew sich die Serie rankt.
Man beachte das Detail – „um dessen Crew“, nicht „um das sich die Serie rankt“. Denn der Untertitel macht auch dies bereits deutlich, hier geht es nicht um adrette Sternenflottenoffiziere und altkluge Jediritter, sondern recht wildes Folk. Daher beschäftigen sich auch gleich eine Reihe der Essays alleine mit den Personenkonstellationen an Bord des Firefly Class Transport, den ‚Anti-heroes, Lost Shepherds and Space Hookers‘ eben.

Besonders Zoë und Wash sind da ein beliebtes Thema. Michelle Sagara West analysiert in „More Then Just A Marriage of Convenience“ ihre Beziehung und zeigt auf, wie wunderbar realistisch und erwachsen diese Verbindung gezeichnet wird – sicherlich exemplarisch für die Serie. Dazu kommen dann noch „Thanks for the reenactment, sir.“ von Tanya Huff, die aufzeigt, warum Zoë in ihren Augen ein für das Fernsehen neuer Frauentypus ist. Genereller ist „Whores and Goddesses“ von Joy Davidson, die sich den Ursprüngen, Bedeutungen und Interpretationsspielräumen der Companions zuwendet, sowie der wundervoll betitelte „The Captain May Wear the Tight Pants but it‘s the Gals Who Make Serenity Soar“ von Robert B. Taylor, der herrlich aufzeigt, wie doch offensichtlich die Frauen die kommenden 600 Jahre Evolution weit besser nutzen werden als die Herren der Schöpfung.

Eröffnet wird das Buch aber natürlich nicht direkt mit den Charakterportraits, sondern mit Larry Dixons „The Reward, the Details, the Devils, the Due“, einer generellen Verbeugung vor dem eindrucksvoll eigenständigen Design der Serie. Natürlich klingt da auch bereits die Frage an, warum der Serie wohl kein Erfolg beschieden war, eine Frage, die konstant über den ganzen Buch schwebt und von Ginjer Buchanan in ihrem Essay „Who Killed Firefly?“ auch direkt angesprochen wird. Ihr Fazit: die Veantworlichen bei FOX, aber auch Gene Roddenberry und Joss Whedon. Neugierig wie das kommt? Nun, im Essay kann sie es begründen...
Ebenfalls Ursachenforschung diesbezüglich betreibt Keith R.A. DeCandido in seiner Ausführung „‚The Train Job‘ Didn‘t Do the Job“. Die an sich ganz vergnügliche Episode war ursprünglich ja nicht als Pilot geplant und musste daher an einem einzigen Wochenende geschrieben werden, damit die Leute bei FOX sich zufrieden zeigten. Die daher entstandenen filmlischen Defizite werden hier, recht unparteiisch, adressiert.
Nicht so kritisch, aber auch analytisch, gibt sich David Gerrold in „Star Truck“. Man verzeihe dem Autor, der übrigens für die legendäre „Trouble with Tribbles“-Episode der ersten „Star Trek“-Serie verantwortlich ist, das schlechte Wortspiel, der Essay ist durchaus lesenswert und stupst den geneigten Leser einfach dann und wann mal mit der Nase auf das eine oder andere Logikloch in der Serie.
„Listening to Firefly“ von Jennifer Glotz dagegen fällt wieder in die Kategorie ‚Huldigung‘, denn hier zeigt sie – ebenfalls auf einer analytischen Ebene – auf, wie herausragend der Soundtrack der Serie konzipiert ist, mit vielen einzelnen Leitmelodien, Character Themes und, ja, Subtext.

„I Want Your Sex: Gender and Power in Joss Whedon‘s Dystopian Future World“ von Nancy Holder bespricht dagegen exakt, was der Titel verspricht. In eine verwandte Kerbe schlägt auch „Just Shove Him in the Engine, or The Role of Chivalry in Joss Whedon‘s Firefly“ von John C. Wright, wenn dieser Essay mich auch sehr fasziniert hat. Wright beschreibt zunächst das generelle Konzept von ‚Chivalry‘m sowie des ‚Codes of the West‘ (man verzeihe dem Rezensenten, wenn er weder ‚Ritterlichkeit‘ noch das ‚Gesetz des Westens‘ für adäquate, leider aber gängige, Übersetzungen hält) und betrachtet dann das, was er den ‚Code of the Sky‘ nennt. Worauf es hinausläuft ist leicht zu beschreiben, eine Inkompatibilität der Genres Western und SciFi, zumindest für die breite Masse. Wie er dies aber herleitet, sollte jeder selber lesen.

Es wird noch philosophischer. „Serenity and Bobby McGee“ von Mercedes Lackey beschäftigt sich mit der Frage nach Freiheit. Mals höchstes Gut ist sie sicherlich, oder zumindest der fromme Wunsch nach Freiheit; zumindest die Illusion, frei zu sein. Lackey hinterfragt gewissermaßen die Zeile des Titelliedes „You cannot take the Sky from me“ auf eine sehr subtilen, intelligenten Art und Weise.
„We‘re All Just Floating in Space“ ist mein absoluter Lieblingsessay in dem Band. Lyle Zynda (PhD) nimmt sich hier die viel diskutierte Episode „Objects in Space“ und zeigt durch sie auf, wie stark Joss Whedon durch philosophische Theorien von Sartre, Camus und anderen geprägt wurde. Eine treffende Analyse und zugleich eine wunderbare Zusammenfassung einiger eigentlich komplexer Theorien.

„The Heirs of Sawney Beane“ von Lawrence Watt-Evans steht derweil etwas allein. Das Thema sind die Reaver und anhand der historischen (?), verwilderten Person Sawney Beane, die dereinst eine Art Reaver-Dasein gefristet hat, hinterfragt er einfach die Möglichkeit der Existenz dieser Wilden am Rande der Galaxis.

Drei eher humoristische Texte finden sich ebenfalls in dem Band. „The Rise and Fall (and Rise) of Firefly“ von Glenn Yeffeth besteht nur aus gefälschten eMails der FOX-Verantwortlichen und ist recht böse geraten – vor allem das „Sie wurden abgesetzt“-Formular zum Ankreuzen... „Firefly vs. The Tick“ von Don Debrandt ist genau, was der Titel verspricht, hat den Rezensenten mangels großartiger Kenntnis der zweitgenannten Serien eher kalt gelassen, während „Mirror/Mirror: A Parody“ von Roxanne Logstreet Conrad einfach einmal testweise die Crews der neuen Enterprise und der Serenity vertauscht – und so aufzeigt, warum Whedons Serie eigentlich so gut ist...

Bleibt noch der Asien-Aspekt der Show. „Asian Objects in Space“ von Leigh Adams Wright untersucht, wie multikulturell Whedons vorgeblich multikulturelles Universum wirklich ist, während Kevin M. Sullivan in „Chinese Words in the ‘Verse“ sich damit beschäftigt, wie und warum die Bewohner der Welt von „Firefly“ eben neben Englisch auch Mandarin sprechen. Dazu gibt es auch noch ein Glossar zu allen Aussprüchen und den meisten Schildern innerhalb der Show – dong ma?

Den Abschluss bildet ein noch einmal ganz wundervoller Essay von Jewel Staite, der Darstellerin der Mechanikerin Kaylee. „Kaylee Speaks: Jewel Staite on Firefly“ heißt er ganz treffend und beschreibt, in ihren Worten, die jeweils fünf großartigsten Momente jeder einzelnen Episode der Show.

Was soll man abschließend sagen? Ich habe mich dazu entschieden, diese Rezi so ausführlich zu schreiben, einfach um zu demonstrieren, wie ambivalent die Show doch ist, wie viele Themen darin stecken und das sie zumindest in Punkten auch einfach die Grenzen normaler Popcorn-Unterhaltung durchbricht.
Wer sie nicht kennt, wird an dem Buch wenig Freude haben, wer die Show aber mag, der sollte sich den vorliegenden Essayband definitiv mal näher anschauen!


Name: Finding Serenity. Anti-heroes, Lost Shepherds and Space Hookers in Joss Whedon‘s Firefly.
Verlag: BenBella/Smartpop
Sprache: Englisch
Autor: Jane Espenson (Hrsg.)
Seiten: 238
ISBN: 1-932100-43-1{jcomments on}

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