Gibson, William: Distrust That Particular Flavor

William Gibson war noch nie jemand, der sich mit seinen Büchern hat hetzen lassen. Zwar hat er in den mittlerweile fast 30 Jahren seines Schaffens regelmäßig veröffentlicht, aber mit derzeit zehn lieferbaren Romanen zeigt sich ja schon, dass er keine „Schreibmaschine“ wie mancher Kollege innerhalb wie außerhalb des Genres ist.
Dennoch verschlug es mich irgendwo um den Jahreswechsel herum mal wieder auf seine Webseite und voller Erstaunen erblickte ich einen neuen Titel: Distrust That Particular Flavor. Es zeigte sich, dass meine Verwirrung schnell zu zerstreuen war. Anders als seine sonstigen Veröffentlichungen handelt es sich bei dem Buch nicht um Fiktion, sondern vielmehr um eine Anthologie seiner Veröffentlichungen in verschiedenen Periodika von der Wired bis zum Rolling Stone, aber auch von Vorträgen und Vorworten aus seiner Feder. Das machte mich neugierig, also schlug ich zu.

Direkt in der Einleitung ist Gibson dann bemüht, einige Dinge ins rechte Licht zu rücken. Beispielsweise, dass er kein Sach-Autor sei und auch eigentlich nicht wisse, wie man so etwas schreibe. Er könne nur Fiktion und das würde man auch den enthaltenen Texten anmerken. Er führt das fast entschuldigend an, aber für mich war direkt damit ein absoluter Reiz ausgeübt. Die gleiche Wortmagie, der gleiche quasi-meditative Umgang mit Technik und der modernen Kultur, der sich durch seine Romane zieht, ist auch hier zu finden. Gibson schreibt über reale Gegenstände, über reale Orte und Personen, aber es hat dabei die gleiche erzählerische Qualität wie seine anderen Texte – und damit eine Sogkraft, wie wenig andere Autoren sie auf mich ausüben.

Die enthaltenen Texte decken einen Zeitraum von 1989 bis 2010 ab, wobei ein Großteil aus den endenden 1990ern und den ersten Jahren des neuen Jahrtausends stammt. Allen gemein ist eine visionäre Kraft und ein unglaubliches Gespür für den Puls der Zeit; der Zeit in der er schreibt und der Zeit, auf die es hinausläuft.
Einige Texte sind dabei zugleich eindrucksvolle Zeitzeugnisse. „Disneyland with the Death Penalty“ etwa ist ein Bericht aus erster Hand über Singapur Anfang der 90er, eine seltsame Mischung aus poliertem Hochglanz und unterschwelliger Unterdrückung. Ich weiß nicht, wie es in Singapur heute zugeht, aber der ganze Ton des Artikels gibt dem Bericht einen ganz eigenartigen, exotisch-utopischen Anstrich.
„The Net Is a Waste of Time“ hingegen ist ein auf den ersten Blick nicht weiter bemerkenswerter Text über die prokrastinativen Kräfte des Internets – bis man realisiert, dass er bereits von 1996 ist. Und erkennt, wie Gibson einerseits Trends schon erkannt hat, bevor ich auch nur wusste, was genau das Internet sein soll, er aber andererseits vom Puls der Zeit völlig überholt wurde: „The finest and most secret pleasure afforded new users of the Web rests in submitting to the search engine of AlteVista the names of people we may not have spoken aloud in years.“ (S. 194)

Einige Artikel in dem Buch haben mich auch anno 2012 nachdenklich gestimmt, andere wiederum fesseln durch die kleinen Anekdoten, die hart an der Grenze zu Mini-Kurzgeschichten liegen. Allen aber gemein sind sehr kurze, aber treffende Nachworte des Autors selbst, in denen er sie neuerlich in einen Kontext einzuordnen vermag und zeigt, warum er es so schrieb, wie er es getan hat. Nicht selten auch wenig zimperlich, was Selbstkritik betrifft. Somit gewinnt das Buch noch eine Ebene und gibt einem zumindest splitterhaft kurze Einblicke in das Arbeiten und Denken eines Autors. Auch und gerade im Umgang mit Frühwerken.
Etwas, was auch uns bei der DORP nicht unbekannt ist.

Dabei ist Distrust That Particular Flavor sicher kein Buch für jedermann. Wer mit Gibson nichts anfangen kann oder wer seine Texte weniger wegen der Metaebene und mehr wegen der Handlung liest, für den bietet die Anthologie nichts. Wer generell Gibsons technophilosophischen Ansatz wenig abgewinnen kann, oder aber wessen Interesse sich alleine auf den sehr, sehr frühen, rein im Cyberpunk-Sinne stehenden Gibson richtet, der ist hier ebenfalls falsch.
Im Umkehrschluss gilt aber: Wer sich für Technik und insbesondere ihren Einfluss auf uns als Gesellschaft und Kultur interessiert, für den ist das Buch ein gefundenes Fressen. Nicht obwohl, sondern gerade weil es Texte aus einem so weit gestreuten Zeitfenster von 21 Jahren sammelt und kommentiert.

Es ist nicht günstig, zumal es bisher nur als Hardcover erhältlich ist. Andererseits ist die Ausgabe schön, stabil und gut zu lesen – wer also das Geld auslegt, erhält auch rein physisch einen fairen Gegenwert.
Man merkt es schon, denke ich: Mir persönlich hat das Buch ausnehmend gut gefallen!


Titel: Distrust That Particular Flavor
Originalausgabe
Autor: William Gibson
Verlag: G.P. Putnam’s Son
ISBN: 978-0-399-15843-8
Seitenzahl: 256 Seiten Hardcover
Sprache: Englisch
Preis: 26,95 US-${jcomments on}

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