Aster, Christian von: Armageddon TV – Eine bitterböse Mediensatire

Nachdem wir nun vor zwei Wochen in der Rezension zu "Bilder um 11" festhalten konnten, dass das Fernsehen böse ist, steht der vorliegende Roman unter einem ähnlichen Stern. "Die Quote ist Gott" hat Hans Magnus Enzensberger mal gesagt, eine Erkenntnis, zu der Christian von Aster auch gekommen zu sein scheint.
Immerhin hat ihn diese Eingebung dazu gebracht, erstmalig einen Roman zu schreiben. Der Autor, der bisher vor allem durch erschreckende und groteske, manchmal auch erschreckend groteske Kurzgeschichten und böse kleine Erzählungen und Glossen aufgefallenn ist, wagt hier erstmals den Vorstoß in die umfangreichere Literatur. Ein Unterfangen, das spannend zu beobachten ist, sind doch schon viele gute Kurzgeschichten-Autoren eben daran gescheitert.

Die Geschichte hat gleich mehrere Punkte, auf die sie gleichsam ihr Augenmerk richtet. Einerseits ist das der TV-Sender "Poe Network" und sein Vorsitzender Theo Blair. Blair hat ganz klar ein Problem, denn obschon es keine Konkurrenz mehr für ihn auf dem unbestimmt in der Zukunft liegenden Markt gibt, sinkt die Quote.
Das einzige Programm, welches ausgestrahlt ist, ist 'der Sport', den ich hier mal grob mit "Capture the Flag in echt" umreißen möchte. Es muss also ein neues Programm her, um die Leute weiter an die Fernseher zu binden, damit das Geld weiter fließt.

Während mal also beobachtet, wie Blairs direkte untergebene ein wilden Wettlauf um die Quote und ihre Arbeitsplätze beginnen, richtet sich das Augenmerk des Lesers gleichermaßen auf einen aktiven und einen ehemaligen Sportler, die zwar miteinander nicht direkt etwas zu tun haben, dennoch aber bald ebenfalls zentrale Rollen im Bemühen des Senders, die Quote zu retten, haben werden.

Eingeleitet wir der Roman von einem Zitat von Stuttgarts ehemaligem Oberbürgermeister Manfred Rommel: "Einer Gesellschaft, die man damit unterhalten kann, dass zwei Menschen einen Ball hin- und herschlagen, ist alles zuzutrauen." Diese Aussage ist nicht nur eingängig, sie beschreibt auch recht gut bereits das, was den Leser auf den kommenden Seiten erwartet. Von Aster ist kein Freund des modernen Stumpfsinn-Fernsehens, das hat er schon in seinen Glossen bewiesen und "Armageddon TV" ist nun sozusagen seine große Feldstudie auf die sich unweigerlich stellende Frage, wohin das nur noch alles führen soll...

Allerdings zeigt sich dort bereits, dass "Armageddon TV" kein typischer von Aster ist. Weder hat er die direkte Schärfe seiner Glossen, noch hat er viele der grotesken Elemente, wie sie sich etwa in seinem Gedicht "Der Schrebergarten" zeigten.
Das Buch nennt sich zurecht "bitterböse", doch ist die Bosheit hier eher hintergründig. Es ist vor allem der Charakter einer Parabel, der das Buch hier auszeichnet. Denn so hart einem manches erscheinen wird, so menschenverachtend das System ist, es ist dennoch irgendwo nur eine Überzeichnung aktuell bereits resultierender Umstände.
Da liegt denke ich auch eine der ganz großen Stärken der Erzählung, denn in einer Zeit, in der eine Viertelstunde lang im Fernsehen verschiebene Yuppie-Schneebesen getestet werden und die Leute dennoch einschalten, kann man langsam wohl mit Recht mal anfangen, nachzudenken...
Und auch Leute, die zwar an sich gerne fern sehen, aber deren Lieblingssendungen trotz hoher Qualität wegen mangelnder Quote abgeschossen wurden, finden sich in dem Buch vermutlich wieder.

Leider allerdings ist es vom Standpunkt einer Geschichte nicht ganz so stark geworden, wie es als Belehrung wirkt. Zunächst einmal muss man wohl einfach festhalten, dass es weit spannendere Bücher gibt.
Von Asters Roman ist nicht langweilig, er ist sogar spannend, aber leider erreicht er nicht die Referenzklasse. Vielleicht sind es doch zu viele (für sich genommen alles sehr, sehr schöne) Charaktere für den schmalen Rahmen, um eine echte Bindung zu ermöglichen. Vielleicht sind es aber auch nur ihre klischeeisierten Rollen, die sie für die Parabel annehmen mussten, die die Geschichte etwas vorhersehbar machen.

Und obschon das Ende der Erzählung nicht vorhersehbar ist, so bin ich auch damit nicht ganz glücklich gewesen. Es ist eine unvermittelte Rückkehr zur 'astaesken Makabreske', wie es in der Beschreibung eines seiner Bücher mal hieß, es ist auch eine Abrechnung mit den Schurken, eine Art Teilsieg für die Moral mit bitterer Note und dennoch kommt ein Teil der Auflösung irgendwie zu unvermittelt, um glaubwürdig zu sein. Es geht jetzt nicht soweit, dass einem das den bisherigen Lesespaß (welchen man zweifelsohne hatte!) ruiniert, aber es ist einfach kein Ende von der Qualität, wie man es sich wünscht.

"Armageddon TV" ist ein gutes Buch, leider aber kein sehr gutes. Es macht Spaß es zu lesen, die Charaktere sind schön und die hintergründige Bosheit sowie der verborgene Humor machen es zu sehr angenehmen 220 Seiten. Wer andere Geschichten des Autors kennt, wird einige Anspielungen finden können, wer es nicht tut, wird das vermutlich im Anschluß ändern wollen. Leider fehlt es aber wirklich der letzten Prise Güte, um in den erlesenen Dunstkreis uneingeschränkter Kaufempfehlungen aufzusteigen. Wenn man aber wiederum bedenkt, dass dies auch von Asters erster Roman ist, so kann man nur hoffen, dass er damit weiter macht, denn ich traue dem Autor ohne Zweifel noch weit, weit eindrucksvollere Bücher zu.

In diesem konkreten Fall muss jeder selber wissen, ob ihm eine bitterböse Mediensatire das Geld wert ist - ich bereue den Kauf keineswegs, aber an diesem Punkt muss nun jeder selbst die Entscheidung treffen.


Name: Armageddon TV – Eine bitterböse Mediensatire
Verlag: Midas Publishing
Sprache: Deutsch
Autor: Christian von Aster
Seiten: 220
ISBN: 3-937449-05-1{jcomments on}

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