Aster, Christian von: Der Wortenhort

Die deutsche Phantastik- und vor allem Horrorszene hat in den letzten Jahren viele junge Autoren hervorgebracht. Einige von denen schreiben geradezu unlesbare Bücher, viele sind akzeptabel, einige wenige sogar richtige Glanzlichter. Einer jedoch fällt selbst in der Kategorie der Besten noch auf: Christian von Aster.
Als „Wortmagier“ wurde er einmal bezeichnet und jeder, der mal etwas von ihm gelesen oder ihn gar auf einer Lesung erlebt hat, wird das unumwunden zugeben. Sein erster Roman allerdings, „Armageddon TV“, hatte mir zwar grundsätzlich gut gefallen, jedoch mit einigen kleineren Macken zu kämpfen. Um so gespannter war ich, als mich dieser Tage endlich der etwas fummelig zu beziehende neue Roman des Berliner Autors erreichte.

Von Aster wagt sich in neue Gefilde, denn „Der Worthort“ ist der erste Teil einer Fantasy-Trilogie. Wie man sich aber denken kann, ist es keineswegs eine verwelkte Elfen-und-Zwerge-Welt, die hier geboten wird. Vielmehr ist „Der Wortenhort“ eine Einladung in eine Welt, die wahrlich nur einem beherzten Schreiber eingefallen sein kann...

Protagonist seiner Handlung ist Haddath, Angehöriger der Kazarren, eines geheimen Kultes, dessen größte Stärke im Erzählen von Geschichten liegt. Jeder Kazarr bekommt am Ende seiner Ausbildung eine Prophezeiung aufgetragen, die im Falle von Haddath nicht kryptischer geraten sein könnte: Er soll den Prinzen ohne Land finden und ihm dienen. Wer das ist, weiß er allerdings ebensowenig wie den Ort seines Aufenthalts. Man rät ihm nur, gen Süden zu reisen und dort nach Yaphet que Rabodriar zu suchen – ohne das er wüsste, wer das nun ist. Er macht sich nun also auf, bereist wundersame Landstriche, trifft noch wundersamere Menschen und lernt in einigen harten Lektionen, dass sein Kult und seine Geschichten den Leute ganz offenbar nichts mehr bedeuten.

Parallel dazu wird allerdings noch ein zweiter Handlungsstrang entfaltet. Fürst Dshakarr hat Jabel Tukass, den eisernen Kriegsherrn, auf eine besondere Queste entsandt. Er soll den Wortenhort finden und darin sieben Bücher zu Bergen, die die legendären fünf Götter noch selbst verfasst haben sollen. Das gestaltet sich als ausgesprochen Schwierig, da die Stätte gut verborgen wurde und seine beste Spur gleich zu Beginn das Zeitliche zu segnen scheint. Doch der geneigte Leser ahnt es schon, letztlich führen Haddaths Suche nach dem Prinzen ohne Land und Tukass‘ Jagd nach dem Wortenhort in einem denkbar ungünstigen Moment die beiden Handlungen zusammen.

„Der Wortenhort“ glänzt aber noch durch eine weit aufwändigere Arrangierung unterschiedlicher Handlungsstränge. Immer mal wieder streut von Aster kleinere Kapitel in die eigentliche Geschichte, die scheinbar von allem losgelöst und ohne Zusammenhang dort zu stehen scheinen, schon eher wie Kurzgeschichten.
Der Eindruck aber führt in die irre, jede einzelne Etappe ist wichtig und je weiter das Buch fortschreitet, desto mehr begreift auch der Leser, wie all die Räder ineinander greifen. Obschon mit 236 redaktionellen Seiten nicht besonders dick, gelingt es von Aster so, eine sehr komplexe Geschichte zu weben und der Erzählung damit einen ganz besonderen Flair zu verleihen. Weder Haddath noch Tukass sind nun herausragend strahlende Charaktere, noch sind sie vollkommen arglose Spielbälle der Götter. Sie scheinen vielmehr gefangen in einer großen Kette von Aktion und Reaktionen, in einem Netzwerk von Spätfolgen und ungünstigem Timing, aus dem dann auch konsequent das Finale des ersten Teils resultiert. Im Vorwort schreibt der Autor, sein Held solle „unwissend im Zentrum sein von Dinge, die seine Welt bewegen“ – das ist ihm wunderbar gelungen.

Ebenfalls gut gefällt die Sprache. Um auf den „Wortmagier“ zurückzukommen, so kann man dem nur zustimmen. Von Aster weiß die deutsche Sprache virtuos zu verwenden, schreibt gut leserlich und schafft es doch, seiner Erzählung einen ganz eigenen Klang zu verleihen. Redewendungen und Begriffe seiner Welt fließen nahtlos in die normalen Beschreibungen ein, angereichert mit einem guten Satzbau und schönen Wendungen, was den „Wortenhort“ zu einem regelrechten Genuss macht.
Etwas gehadert habe ich Anfangs mit den Namen, die Fantasy-typisch lang, schräg und teils mit vielen Apostrophen versehen werden. D‘Hull R‘aar, Ralad‘Un und Ra Ka‘Tachh seien dabei als Beispiele genannt. Das wird aber dadurch gemindert, dass gerade wichtige Charaktere und Orte auch kurze und prägnante Namen haben, eben etwa wie Haddath und Tukass, weshalb man beim Lesen letztlich weniger Probleme hat, als man anfangs befürchten konnte. Weiterhin verleihen die Namen der Welt einen sehr fremden klang, da es dem Autor auch hier gelungen ist, ein glaubwürdiges Maß zu finden. Den Namen ist eine gewisse Ähnlichkeit zueigen, was hier positiv zu verstehen ist. Sie klingen vergleichbar, ohne dabei nun zu Verwechslungen einzuladen.

Doch auch wenn ein Fantasy-Roman bereits weit entfernt ist von dem, wofür man den Autor auch kennt, so merkt man seine Vorliebe für groteske Erzählungen auch hier wieder. Es ist dem Buch ein ganz eigener Humor zueigen, der teilweise einfach in saloppen Formulierungen, manchmal in fragwürdigen Ereignissen und in absurden Szenen liegt.
Das Buch ist dabei weder albern noch primär lustig, aber man wird wohl nicht umhin kommen, das eine oder andere mal leise in sich hinein zu lächeln. Alleine der Hüter des Wortenhortes und seine Dienerrasse sind von einem ganz besonderen Schlag...

Spricht man abschließend noch von dem Buch als eigentlichem Gegenstand, so kann man kaum meckern. Das Taschenbuch ist matt eingebunden und ähnlich wie „Armageddon TV“ ein vorwiegend weißes Cover, mit einer schwarzweißen Zeichnung in der unteren Mitte und eben dem Titel und Untertitel darauf. Sieht sehr edel aus.
Das Lektorat hat keine auffälligen Fehler übersehen, es gibt ein Inhaltsverzeichnis, der Druck ist gut und die Bindung zeigt nach einmaligem Lesen keinerlei Abnutzungserscheinungen. Hinten findet sich sogar eine auffaltbare Farbkarte des gesamten Landes. Das ist durchweg lobenswert und macht, gerade noch in Anbetracht von Verlags- und mutmaßlicher Auflagengröße, den Preis von 11,50 Euro zu einem regelrechten Schnäppchen.

Abschließend erhält „Der Wortenhort“ meine volle Empfehlung. Eine exzellent geschriebene, spannende Geschichte mit guter Dramaturgiekurve und überraschend vielen Erzählebenen, einer schönen Welt mit einem melancholischen Hauch, einen eher tragischen Helden inmitten anderer, faszinierender Charaktere, garniert mit manch groteskem Moment und das alles in einem vorbildlich produzierten Taschenbuch.
Wer Fantasy mag, der sollte dem „Wortenhort“ definitiv mal eine Chance geben, denn eine so frische Erzählung ist mir in dem Genre lange nicht mehr untergekommen.


Name: Der Wortenhort
Verlag: Perico Fantasy
Sprache: Deutsch
Autor: Christian von Aster
Seiten: 236
ISBN: 3-00-015327-6{jcomments on}

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