Pirinçci, Akif: Die Damalstür

Akif Pirinçci, das ist ein Name, mit dem wohl vermutlich jeder, der in Sachen (im weitesten Sinne) phantastische Literaturaus Deutschland nicht ganz einsam hinter dem Berg wohnt, durchaus etwas anfangen kann. Prinçci ist der Autor der Felidae-Romane, Katzenkrimis, die auch international große Beachtung gefunden haben und deren erster Teil sogar als Zeichentrickfilm mit prominenten Sprechern seine Umsetzung gefunden hat.
„Die Damalstür“ dagegen ist so eines dieser Bücher, das komplett an der großen, öffentlichen Aufmerksamkeit vorbei ging, vielleicht, weil es eben kein Katzenkrimi war. Auch mir war das erst 2001 erschienene Werk nicht mal namentlich bekannt, bis ich es Ende letzten Jahres geschenkt bekam. Doch dieser geringe Bekanntheitsgrad ist unverdient, wie wir gleich einmal festhalten werden.

In „Die Damalstür“ erzählt Pirinçci von dem Maler Alfred Seichtem, genannt Ali. Dieser ist, 40 Jahre in sein Leben hinein, vollkommen am Ende. Seine Ehe ist geschieden, seine von ihm noch immer geliebte Frau emotional ganz fern. Seine Kunst findet keinen Absatzmarkt mehr, aus Gründen, die weiter gehen als reine Schaffensqualität und die auch das Buch nur langsam enthüllt.

Volltrunken, denn dem Alkoholismus ist er auch nicht entkommen, schwankt er demnach eines frühen Morgens nach Hause und macht, einen etwas abstrakt anmutenden Beinahe-Unfall später, eine eigentümliche Entdeckung. Nahe der Straße, in der er einst mit seiner geliebten Ida eine Traumvilla erstand, auf dass sie gemeinsam ihr Glück finden könnten, fällt ihm erstmals eine Seitengasse ins Auge, deren Existenz er noch nie realisiert hat. Ein weißes, helles Licht scheint dort und als er nachschaut, findet er eine Türe vor. Er durchschreitet sie und macht eine phantastische Entdeckung: Diese Türe ist ein Tor in die Vergangenheit; er tritt zehn Jahr zuvor, Anfang der 90er, aus ihr heraus, gerade rechtzeitig, um den jungen Ali und die junge Ida beim Einzug zu beobachten.
Schockiert und verwirrt sucht er den Kontakt zur Gegenwarts-Ida und berichtet ihr; gemeinsam keimt bei ihnen der Plan für einen blutrünstigen Neuanfang: Wenn man nur ihre jüngeren Ichs töten würde, könnte man ihren Platz einnehmen und noch einmal glücklich werden! Doch dieser geplante Mord ist bei weitem nicht der größte Schrecken, den die Damalstür ihnen bringen wird.

Auf den ersten Blick scheint das Buch vor allem ein Lehrstück über das Thema „Neuanfänge“ im allgemeinen zu sein. Schnell merkt man, dass sich nicht nur die Lebensumstände, sondern auch Ali und Ida selbst verändert haben und ein Schrit zurück zum alten Glück ohne weiteres gar nicht möglich ist. Mehr noch, die emotionalen Altlasten, die sie beide mit sich bringen, lassen sich einfach nicht abschalten oder beiseite legen, so dass sie ihre Krise bestenfalls zeitweilig überspielen können.
Aber „Die Damalstür“ ist so viel mehr. Es ist etwas falsch dort, und damit meine ich gar nicht mal das Phänomen der Zeitreise-Pforte an sich. Immer wieder streut Pirinçci Elemente ein, die der Geschichte einen surrealen und verzerrten, wahnsinnigen Charakter geben. Diese Elemente passen durchaus irgendwie zusammen, aber einen logischen Gesamteindruck kann man sich eigentlich erst konstruieren, wenn man auch die letzten Seiten des Buches ausgelesen hat. Dieser Wahnsinn steigert sich kontinuierlich die gesamte Geschichte hindurch und arbeitet wuchtvoll auf einen eskalierenden Höhepunkt hin, der einen als Leser spürbar und ordentlich mitnimmt. Diese Steigerungskurve verleiht der Geschichte zusätzliche Spannung und dieses Gefühl von Unheil schafft eine ganz eigene, intensive Atmosphäre.
Die Auflösung des Buches kommt letztlich unerwartet, aber sehr schlüssig. Pirinçci bestätigt viele Vermutungen, die man als Leser hat, serviert mit der jovialen Gelassenheit eines Erzähler einer gut geplanten Geschichte die letzten Teile, die zum Lösen des Puzzles vermutlich noch fehlten und rundet so eigentlich alles, was bis dahin noch unklar geblieben ist, elegant auf wenigen Seiten zu einem stimmigen Ganzen ab.

Stimmig ist überhaupt an dem Buch eigentlich alles. Es ist exzellent geschrieben und das auf jeder Ebene. Pirinçci versteht es, Worte so zu setzen, dass sie faszinierende und fesselnde Sätze bilden, dass sie einen tief in die Geschichte hineinziehen, ohne Chance (oder Willen) sich zu wehren.
Doch auch dramaturgisch versteht der teilweise in der Eifel aufgewachsene und in Bonn lebende Autor zweifelsohne sein Handwerk. Wie schon geschrieben ist der Spannungsbogen kontinuierlich steigend und das Buch legt insgesamt ein gutes Tempo hin. Es ist nicht zu langsam oder träge, bietet aber dennoch viel Raum für Charakterisierungen und Beschreibungen. Die Umwelt wird dabei komplett aus Alis Blinkwinkel beschrieben, was ebenfalls sehr gewinnbringend eingesetzt wird, um den es mysteriös zu halten, was vor sich geht. Die Charakterisierungen sind dabei sehr schonungslos und eigentlich wird von niemandem in dem Buch ein gutes Bild gezeichnet. Ali ist auch vor allem ein Protagonist, weil die meisten anderen Leute noch schlimmer sind; scheint in den letzten Jahren ja ein beliebter Gestus deutscher Autoren zu sein, verfehlt aber auch hier nicht seine Wirkung.

Wo wir aber schon von „schonungslos“ sprechen: Auch „Die Damalstür“ ist mal wieder so ein Buch, bei dem ich dazu sagen möchte, das es sich ganz klar an Erwachsene richtet. Es gibt einige ziemlich derbe Gewaltakte auf den knapp 400 Seiten und auch einige wenige, dafür aber direkt ziemlich explizite sexuelle Elemente in dem Buch, die auch nicht gerade sanft ausgefallen sind.

Kommt man damit aber klar, so erwartet einen eine faszinierende, fesselnde und tiefgründige Lektüre, die dennoch zu unterhalten weiß. Pirinçci verknüpft gekonnt einige mahnende Gedanken dazu, warum ein Neuanfang nicht auf Äußerlichkeiten basieren kann mit einer spannenden und mystischen, phantastischen Erzählung, die anders als so viele Genre-Kollegen auch noch mit einem befriedigenden Ende aufzuwarten weiß.
Kurzum: „Die Damalstür“ ist eine klar und uneingeschränkte Kaufempfehlung.


Name: Die Damalstür
Verlag: Goldmann
Sprache: Deutsch
Autor: Akif Pirinçci
Seiten: 382
ISBN: 978-3-44245-525-1{jcomments on}

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