Moorcock, Michael: Elric von Melniboné

Hm, einen gewichtigen Wälzer haben wir diesmal vor uns liegen, und ein Klassiker noch zugleich.
Selten hat man es, dass sich Kritiker trauen, einen Fantasy-Roman mit Tolkiens Meisterwerk "Herr der Ringe" gleichzusetzen, und noch seltener kommt es vor, dass der Roman die dadurch geweckten Erwartungen erfüllt.
Nun, im Falle von Elric ist es durchaus so, dass dieser Vergleich schon mal gemacht wird, ob es aber auch so ist, dass dies mit Recht geschieht, dies soll hier einmal näher ergründet werden. Nun, wie gesagt, ein gewichtiges Werk liegt vor uns, welches zumindest in seiner Länge schon mal ein gewisses Maß an Epik erfüllt. Genau genommen haben wir es hier mit sechs einzelnen Romanen zu tun, die das Gesamtwerk bilden. Dabei handelt es sich hier aber nicht, wie etwa bei Tolkien, um einen nahtlos weiterverfolgten Handlungsstrang, Elrics Queste verläuft eher, einer Rollenspielkampagne durchaus nicht unähnlich, in mehreren Einzelstücken, deren Bindeglied die Tragödie seines Lebens ist.
Aber fangen wir mal wieder vorne an, so allgemein wie möglich, um nicht zu viel zu verraten: Die sechs enthaltenen Geschichten, "Elric von Melniboné" ("Elric of Melniboné"), "Die See des Schicksals" ("The Sailor on the Sea of Fates"), "Der Zauber des weißen Wolfes" ("The Weird of the White Wolf"), "Der verzauberte Turm" ("The Vanishing Tower"), "Im Banne des schwarzen Schwertes" ("The Bane of the Black Sword") und "Sturmbringer" ("Stormbringer"), erzählen die Geschichte des Albinokönigs Elric, Herrscher über die träumende Stadt Imrryr und die Insel Melniboné, verbliebenes Relikt eines einst riesigen Reiches.
Die Melnibonéer sind keine Menschen, wenn sie auch so wirken, sie sind eher dämonenartig, gefühlskalt und in ihrer Art durchaus recht sadistisch. Elric jedoch fällt dabei etwas heraus, er ist nicht nur seit Geburt an körperlich stark geschwächt, er ist auch ein mitfühlendes Wesen. Das sorgt für Skepsis durch sein Volk, vor allem aber durch seinen neidischen Cousin Yyrkoon, der ebenfalls nach dem Thron trachtet.
Als dieser endlich seine Chance der Machtübernahme gekommen sieht, entwickelt sich daraus ein anhaltender Streit, an dessen Ende Elric nicht nur ein dämonisches Schwert, von seinen Vorfahren geschaffen und Sturmbringer genannt, in die Finger bekommt, sondern auch Melniboné den Rücken kehrt, um in der Welt nach dem zu Suchen, was seinem herzenskalten Volk fehlt.
Diese Queste entwickelt sich jedoch gleichermaßen zu einer Odyssee wie zu einer Tragödie, denn Sturmbringer zeigt mehr und mehr seine dämonische Seite, mach Elric jedoch zugleich körperlich von sich abhängig und reißt ihn mehr uns mehr ins Verderben … und nicht nur ihn, sondern auch alle seine Gefährten.
Egal was Elric anstrebt, ob Gutes oder Böses, alles scheint durch sein Schwert zum Übelsten pervertiert zu werden und er muss sich fragen, ob es überhaupt noch ein Entrinnen gibt. Elrics Leidensweg erstreckt sich dabei über viele Stationen, worin zugleich die Stärke als auch die Schwäche des Romans liegt.
Elric von Melniboné beschreibt einen langen Weg im Leben des titelgebenden Charakters, doch, wie schon gesagt, macht es das nicht immer durchgängig. So ist Elrics Rachefeldzug gegen den Magier Theleb K'aarna in "Der verzauberte Turm" zwar ein klares Sequel zu "Der Zauber des weißen Wolfes", aber etwa von "Die See des Schicksals" zum besagten "Zauber" ist es doch ein merklicher Handlungssprung. Und auch wenn mit dem Bogenschützen Rackhir, um ein Beispiel zu nennen, durchaus auch ein Charakter aus dem ersten Roman im viertel Teil wiederkehrt, so bleibt es doch öfters etwas sprunghaft.
Und dieses Sprunghafte ist natürlich nicht unbedingt der Spannungskurve zuträglich. Kommt die Handlung einmal wieder in Fahrt, mag man Elric gar nicht weglegen, aber bis dahin zieht es sich manchmal ein ganzes Stück.
Was, wenn schon nicht immer die Spannungskurve, macht Elric dann also noch lesenswert? Zunächst einmal einfach die Welt. Moorcock hat sich nicht, wie viel zu viele andere Fantasyautoren, dazu hinreißen lassen und eine durch und durch von Tolkien inspirierte Welt, also sozusagen ein Möchtegern-Mittelerde, zu schaffen, sondern er schuf etwas eigenes. Seine Welt wird nicht den klassischen Fantasyrassen bewohnt. Orks, Goblins und Oger existieren nicht, und wenn er klassische Wesen verwendet, dann meist in sehr eigener Interpretation, etwa seine Ghuls, die hier einmal nicht wie klassisches Dungeonfutter wirken. Dafür entstammen seiner Feder faszinierende eigene Wesen, etwa die dämonischen Elenoin, die schwertschwingend ganze Armeen bezwingen könnten oder die formwandelnden Oonai, Wesen, die einfach erfrischender sind als die nächste Erscheinungsform eines Orks.
Auch der Glaube der Melnibonéer ist interessant. Es ist mehr als einfacher Polytheismus, denn auf der Insel betet man zu Göttern der Ordnung wie dämonenartigen Göttern des Chaos gleichermaßen, und selbst der Schutzpatron des Protagonisten, Arioch, ist ein Gott des Chaos. Dies führt auch zu dem allgemein herausragendsten Aspekt der ganzen Geschichte: Elric selbst. Man kennt strahlende Helden in blinkender Rüstung, man kennt auch scheinbare Antihelden, die dann bei einer großen Queste über sich hinaus wachsen. Aber selten hat man einen Charakter wie Elric erlebt. Elric ist kein tapferer Recke, er erfüllt auch bei weitem nicht alle Kriterien, die ihn zu einem "guten" Charakter machen. Mehr als einmal lässt er seine Freunde im Stich, wenn er sich selber dadurch retten kann, und seine Moralvorstellungen weichen stark von unserem normalen Heldenbild ab.
Zwar ist vieles auch auf die Verlockungen von Sturmbringer zurückzuführen, doch eine Textstelle aus "Der Zauber des weißen Wolfes" zeigt am Besten, was ich meine: "Oft hörte er lautes Gelächter in einem Turm, begleitet von hellem Fackelschein, der seltsam beunruhigende Schatten auf die Mauern warf; oft hörte er auch grässliche Schreie oder ein erregtes Idiotengestammel, wenn irgendein armer Sklave zum Vergnügen seines Herren in obszöner Agonie sein Leben aushauchte.
Elric zeigte sich ob dieser Geräusche und der vagen optischen Eindrücke nicht entsetzt. Er wusste sie zu schätzen, war er doch nach wie vor ein Melnibonéer…"
Und wer die Strafe besieht, die Elric irgendwann im ersten Teil über Yyrkoon verhängt, der wird das nur noch mehr unterstreichen wollen…
Ist Elric also ein klassischer Musskauf? Sicher nicht, denn eine große Schwäche trägt der Roman in sich…
Er enthält einen großen Teil einzelner Geschichten, doch laufen sie immer nach sehr ähnlichen Strickmustern ab.
So verschlingt man "Elric von Melniboné" und "Die See des Schicksals" noch regelrecht, ab dem "Zauber des weißen Wolfes" fällt es langsam auf, dass man das selbe Buch mit anderen Rollen zu lesen scheint und schon "Der verzauberte Turm" leidet merklich darunter.
Nach all diesem Für und Wider stellt sich natürlich die Frage, Elric von Melniboné - Die Sage vom Ende der Zeit lesen oder nicht?
Ich würde sagen, wer mal etwas Abwechslung von der normalen Fantasy-Literatur sucht, und sich von einer recht brutalen und teils auch sadistischen Komponente nicht schocken lässt, kann hier zugreifen, zumal der Preis in einem sehr erträglichen Rahmen liegt. Allerdings muss man sich darüber im Klaren sein, dass man durch die eine oder andere kleine Durststrecke hindurch muss, für die man aber auch immer wieder mit einigen sehr schönen Szenen belohnt wird. Und wer einmal gelesen hat, wie Elric im vierten Teil entschlossen auf die Kelmain zumarschiert, der wird begeistert wissen, warum er die Bücher gelesen hat!
Bleibt abschließend sicherlich die Frage vom Anfang zu klären: ist Elric würdig, neben den Herrn der Ringe gestellt zu werden?
Die Antwort ist ein "Nein". Moorcock erreicht nicht Tolkiens Niveau, die Gründe sind ja weiter oben dargelegt. Aber ich denke man kann Elric zumindest in der Nähe der Geschichte des Rings im Regal stehen haben, ohne einen großen Frevel zu begehen…
Name: Elric von Melniboné
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
Autor: Michael Moorcock
Seiten: 1008
ISBN: 3-453-31060-8{jcomments on}

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