Ott, Karl-Heinz: Endlich Stille

Ich wurde bestohlen! Mehrere Stunden meines Lebens und die Chance, während dieser Stunden so etwas wie Lesegenuss zu erleben, wurden mir auf brutalem Wege geraubt. Hätte ich nicht unter dem unversitären Zwang gestanden, das vorliegende Buch für ein Seminar lesen zu müssen, ich hätte es trotz seiner Kürze abgebrochen.
Ich wurde bestohlen und erstatte heute Anzeige gegen Karl-Heinz Ott wegen der Vergehen, überschätzter Literat zu sein und für ein mittelmäßiges Buch mehr hochdotierte Preise gewonnen zu haben als viele, die es mehr verdient hätten.

Die Geschichte von „Endlich Stille“ handelt von einem namenlosen Protagonisten, der eines Abends am Bahnhof einen Mann namens Friedrich Grävenich kennenlernt. Friedrich kommt einer Zecke gleich – ohne nachzufragen lädt er sich selbst in das Leben der Hauptperson ein und nötigt ihn dann 200 Seiten lang sozusagen seine Anwesenheit auf.

Unser corpus delicti ist ein durch einen Ich-Erzähler transportierter Roman, dessen Stil als „Sprachmusik“ gefeiert wird, der für seine Eigenständigkeit, frische Intertextualität, Spannung und seine Fähigkeit, den Leser in seinen Bann zu schlagen, gelobt wurde und als frische Innovation gefeiert wird. Nichts davon ist wahr.
Beginnen wir mit der Spannung, beginnen wir mit Beweisstück A, der Einleitung. Der erste Absatz lautet „Endlich Stille. Nur Bussarde über mir. Beim Hinabsteigen das Geräusch von Geröll. Es klang, als möchte es ihm nachfolgen.“ Auf der dritten Seite des Buches heißt es „Jetzt [...] werde ich damit Leben müssen, daß diese Begegnung sich als weitreichender als alle bisherigen in meinem Leben erweisen sollte und dieser Mensch sich weniger als jeder andere aus meinem Gedächtnis je ausradieren lassen wird.“ Später dann, gleiche Seite, „Lange glaubte ich, nur Geständnisse und Beichten könnten mich vor einem unerträglichen Alleinsein bewahren, aber bereits jetzt, auf dem Rückweg, beim Blick auf das eindunkelnde Rheintal hinab, läßt mich der Gedanke, daß diese Ereignisse bis an mein Ende nur mir allein gehören dürfen, beinahe jauchzen“.
Wenn man einen Roman liest, der ganz offenbar tragisch enden wird, gar mit einer Tat, die jemand nicht weitererzählen kann, gefußt auf anhaltende Belästigung durch einen Fremden. Wenn Geröll erklingt und der Erzähler in ein Tal herabschaut und auf einem Rückweg von „ihm nachfolgen“ spricht. Ja, wenn es effektiv nur zwei wirklich relevante Personen gibt und eine davon die Geschichte als Ich-Erzähler schildert, also wohl mutmaßlich das Ende des Romans erleben wird ... ja ist es denn da wirklich so schwer zu erraten, wie die Geschichte ausgeht? Ich habe jedenfalls seinerzeit richtig getippt und das Stichwort Spannungskurve endete somit bei mir auf Seite 3.

Der Protagonist ist kaum zu ertragen. Der ganze Roman dreht sich darum, dass er einfach nicht in der Lage ist, Friedrich Grävenich zum Teufel zu jagen. Also sieht man ihm mehr oder minder zu, wie er sich Seite um Seite erniedrigen lässt, ohne das Ekel Friedrich von sich zu weisen. Da nützt auch all der passive Widerstand nichts, wenn er wieder und wieder verkündet: „Meine unsichtbare Waffe, denke ich manchmal, besteht gerade darin, daß andere glauben, ich sei allzu weich und kampfunfähig, während sie nicht ahnen können, daß meine Kräfte noch in einer Selbsterniedrigung wachsen, bei der ich selbst lange Zeit am meisten fürchte, unter die Räder zu kommen.“
Da nützt es auch freilich wenig, dass er anhaltend Zitate von sich gibt. Der Protagonist ist Philosophie-Professor mit Schwerpunkt Spinoza und versteht es daher, immer wieder den Deterministen zu zitieren. Auffällig ist dabei, dass die Zitate weniger exemplarisch gewählt zu sein scheinen, sondern vielmehr passend zur Meinung des Erzählers aus diversen Schaffensperioden und Quellen gegriffen werden. „Wer klar einsähe, daß er auf dem Weg des Verbrechens besser sein Leben und Wesen genießen könnte als auf dem Weg der Tugend, wäre dumm, wenn er es nicht täte.“ erschien mir jedenfalls kaum wie die Worte des Philosophen, so wie ich ihn an der Uni kennengelernt habe.

Die Erzählung eines Menschen, der einen anderen, der ihm in Punkten so ähnlich ist, der ihn aber eigentlich in vielem so sehr abstößt wie Friedrich hier und ihn doch durch sein Tun immer mehr nach seinem Abbild zu formen scheint, wurde von vielen Kritikern hierzulande als frischer und neuer Gedankengang gefeiert. „Ohne es zu kennen, hat man dieses Buch bislang vermißt.“ wird das DeutschlandRadio gar auf dem Umschlag zitiert.
Ich rufe damit meinen nächsten Zeugen auf – Chuck Palahniuk, Autor des Romans „Fight Club“. Darin wird ein namenloser Ich-Erzähler aus seinem biederen Leben gerissen, als ihm der mysteriöse Tyler Durden über den Weg läuft und ihn in ein wildes Leben der Exzesse zieht und damit das Leben des Protagonisten ruiniert. Doch Palahniuks nihilistische Erzählung war provokant, radikal und anarchistisch – „Endlich Stille“ hängt dagegen der biedere Geschmack der deutschen, kanonisierten Literatur nach.
Dennoch haben einige Kritiker die Ähnlichkeit offenbar bemerkt, schlagen aber nun vor allem Brücken hinaus auf‘s offene Meer und übertragen die Pointe des amerikanischen Romans auf den deutschen Kollegen. Friedrich Grävenich beinhalte ja schließlich bereits zwei Mal das Wort „ich“ wird dort zur Untermauerung einer Halluzination- und Schizophrenie-Theorie angeführt. Auch einige Zeilen untermauen diese These:
„[W]ir waren bereits auf dem Bahnsteig nebeneinander hergegangen, die Treppen hinab, die Treppen hinauf und durch die Eingangshalle immer noch nebeneinanderher, als gehörten wir zusammen, und als wir am Portal vor dem weiten, kahlen, von keinem Baum gesäumten Platz standen und wie auf eine choreografische Anweisung hin die Koffer im gleichen Augenblick abstellten, und geradeaus starrten, als müßte jeder von uns einen Plan fassen [...]“.
Das bietet sich offenbar geradezu an und scheint auch fast intendiert zu sein, doch leider übersehen all jene Theoretiker, dass es tatsächlich Szenen gibt, in denen der Erzähler, Friedrich und ein dritter Charakter gemeinsam ein Gespräch führen, dessen Verlauf kaum widerlegbar aufzeigt, dass der Dritte beide Charaktere zeitgleich und als verschiedene Personen wahrnimmt. Somit ist es entweder eine ersponnene Theorie ohne Beleg oder aber ein misslungenes Plagiat seitens des Autors – die Entscheidung sei dem Leser überlassen.

Ein Element der Tat wurde bislang allerdings noch nicht besprochen, die „Sprachmusik“. Allerdings erscheint es mir fast unnötig, nach den Zitaten, die ich angeführt habe, da noch groß drauf einzugehen. „Endlich Stille“ ist ein Buch betont wichtiger Schachtelsätze, eine Erzählung der Konjunktive und der indirekten Rede. Der obige, verkürzte (!) Absatz zur Ankunft am Bahnhof zeigt Otts Satzbau bereits sehr gut. Friedrich redet das gesamte Buch über unablässig auf den Erzähler ein, der dies dann indirekt wiedergibt. Das er dabei auch noch mit absoluter Regelmäßigkeit in der Zeitform verrutscht, mag Stilmittel sein, liest sich aber sehr sperrig: „Ohne es zu wissen, sorgte dieser Dritte dafür, daß wir uns in Ruhe lassen und uns gleichzeitig als einander ein wenig fremd Gewordene wieder begehren können.“

Die Struktur des Romans glänzt neben der Vorwegnahme gleich zu Beginn bisweilen mit recht gelungenen Vorausdeutungen, hat aber auch einige deutliche Längen und scheitert letztlich am Hang des Protagonisten, andauernd über das Geschehene zu reflektieren und daher einzelne Passagen der Handlung zwei oder gar drei Mal immer auf‘s Neue zu schildern.

Ich schließe meine Klageschrift mit einem abschließenden Plädoyer: Karl-Heinz Otts Roman „Endlich Stille“ ist ein biederes Äquivalent eines scheuen „Fight Club“ für die 1950er-Generation. Seine Sprache ist nicht schön, sondern schlichtweg kompliziert, seine Erzählung repetativ und irgendwie an keiner Stelle etwas Neues, verfehlt es am Ende sogar, den moralischen Absturz des Erzählers ausreichend zu inszenieren.
Während man darauf wartet, dass dem Erzähler ob des aufdringlichen Fremden endlich der Kragen platz und man bemüht ist, dass es der eigene Kragen nicht ob der Unglaubwürdigkeit der Erzählung tut, kann man derweil in den Zeitungen nachlesen, dass diese Schrift, die mich wertvolle Zeit gekostet hat, dem Autor mittlerweile Förderpreise mit einem Gesamtwert von über 20.000 Euro binnen weniger Monate eingebracht hat.
Das ist traurig für alle, die er bei diesen Preisen ausgestochen haben mag und wenn es auch nicht vieles gibt, so kann ich doch eines tun: innig von dem Kauf und der Lektüre dieses Buches abraten.
Name: Endlich Stille
Verlag: Hoffmann und Campe
Sprache: Deutsch
Autor: Karl-Heinz Ott
Seiten: 208
ISBN: 3-455-05830-2{jcomments on}

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