Bradbury, Ray: Fahrenheit 451

Nachdem wir nun vergangene Woche mit H.G. Wells schon verdächtig nahe am SF-Kanon angelangt sind, nehmen wir uns doch heute mal einen absoluten Klassiker vor: Ray Bradburys „Fahrenheit 451“.
Der Roman des 1920 in Illinois geborenen Autors erschien erstmals 1953 auf dem Markt, zehn Jahre später dann auch auf Deutsch. Mittlerweile zählt die recht kurze Erzählung zu den absoluten Klassikern des Genres und man wagt es ja kaum, das Buch zu besprechen. Da wir hier bei der DORP aber noch nie Angst vor klangvollen Namen hatten, mache ich es dennoch. Die vorliegende Ausgabe wurde von Fritz Güttinger übersetzt und stützt sich auf die überarbeitete Ausgabe des Romanes, erschien in der Jubiläumsreihe zum 40-jährigen Bestehen des Heyne-Verlages und sollte daher auch gut im Laden zu finden sein.

Worum geht es also? In einer nicht genau definierten Zukunft hat die Feuerwehr ein neues Aufgabenfeld erhalten: sie verbrennt Bücher. Da man zu dem Entschluß gekommen ist, dass deren aufwühlende und nachdenklich stimmende Inhalte schlecht für den Menschen sind, geht man mit entsprechender Härte gegen das feindliche Medium vor. Berieselung von möglichst vielen Fernsehwänden gleichzeitig, die virtuelle soziale Kontakte darstellen, erscheint da so viel angenehmer.
Einer dieser Feuerwehrleute ist Guy Montag. Doch Montag kommt an einen Punkt, an dem es keine Alternative mehr zum Nachdenken gibt. Er überschreitet eine Linie, schaut hinter das System der Volksverdummung und muss fortan nicht nur mit dieser Erkenntnis, sondern auch mit dem erwachten Blick auf die Ignoranz seiner Mitmenschen und die Schlechtigkeit seiner Arbeit klarkommen.

Viel Handlung hat das 188 Seiten lange Büchlein wahrlich nicht. Montag schreitet ein Viertel hin zu Erkenntnis, verdaut sie das halbe Buch lang und zieht im letzten Viertel dann seine Konsequenzen aus dem Erkannten. Was also zeichnet „Fahrenheit 451“ aus?
Zunächst einmal sicherlich die Sprache. Selbst in der Übersetzung fesselt die Sprache des Romanes den Leser, fasziniert mit jeder Zeile. Bradbury führt die Feder hier geradezu meisterhaft, schafft es zugleich locker zu lesen und anspruchsvoll zu sein. Gerade bei einem Roman, bei dem so viel innerhalb eines einzelnen Charakters stattfindet, ist das natürlich sehr wichtig und es gelingt ihm geradezu meisterlich.

Dann ist da natürlich das Thema zu nennen, welches irgendwo zeitlos ist. Natürlich ist das Bild der Bücherverbrennung in Deutschland ohnehin ein starkes Motiv, aber Bradbury geht ja noch einen Schritt weiter als es die Nationalsozialisten getan haben. Hier werden keine ideologiekritischen Werke verbrannt, hier werden gleich alle Bücher verbrannt. Der Mensch wird sein eigener Gefangener, der von dem, was wirklich in der Welt geschiet, nichts mitbekommt und ruhig gestellt ist. Er ist dabei nicht einmal unglücklich, nur bedauernswert.
Zwar ist dieses Szenario eine deutliche Verschärfung von allem, was die Geschichte bisher geboten hat, was nicht zuletzt aus dem technischen Vorsprung resultiert. Die interaktiven Videowände sind so bisher nicht denkbar, aber die Ruhigstellung von Personen, in dem man sie vor den Fernseher klemmt ist ja zumindest heute aus der Kindererziehung leider schon leidlich bekannt. Auch die immerwährende Reklame, allgegenwärtig und sich in die Gehirne einbrennend, ist doch nur eine Verschärfung dessen, was man wirklich bereits heute kennt.

Was das Buch aber vermutlich ebenfalls so in die Herzen vieler Leser katapultiert hat ist das Bekenntnis zum Buch. Oder vielmehr nicht zum Buch, nicht zum geschriebenen Wort, sondern zu dem, was darüber hinaus darin steckt. An einer Stelle liest Montag anderen ein Gedicht vor; diese brechen in Tränen aus und verfluchen das Medium dafür. Doch genau diese assoziative Bedeutung, dieser Subtext sind es, die das geschriebene Wort so auszeichnen. Die Freiheit in der Auffassung, im Gegensatz zum vorgekauten Inhalt des Fernsehens, dürfte jedem, der gerne liest, aus der Seele sprechen. Natürlich ist diese Intention irgendwo Formsache, denn wer den Roman liest, der liest ja bereits, doch ändert das nichts an der Kraft des Stoffes. „Fahrenheit 451“ ist die Würdigung eines wundervollen Mediums und richtet sich damit gerade auch an jene, denen etwas an Bildung, an Wissen und an Kultur liegt. Es zeigt auf, wozu all diese Dinge gut sein können und wo ein Gesellschaft ohne sie, wenn sie auch vordergründig funktionieren mag, letztlich enden wird: in einer Katastrophe.
Doch selbst da hält das Buch seine Aussage aufrecht und suggeriert dem Leser vor allem eines: steh aufrecht. Selbst wenn die gesamte Gesellschaft in einer Berieselungsmentalität ertrinkt, steh zum Buch, lies, lerne und lehre, es mag der Tag kommen, an dem es gebraucht wird.

Was kann man da groß hinzufügen?
„Fahrenheit 451“ hat mich rundum beeindruckt und begeistert. Sprachlich wundervoll, inhaltlich schön konstruiert und phantasievoll ausgeführt – eine vollkommene Empfehlung!
Name: Fahrenheit 451
Verlag: Heyne
Sprache: Deutsch
Autor: Ray Bradbury
Seiten: 188
ISBN: 3-453-16412-1{jcomments on}

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