Bester, Alfred: Sturm aufs Universum / Demolition

Zumindest Fans der mit einem Hugo prämierten SF-Fernsehserie „Babylon 5“ sollte der Name Alfred Bester ja etwas sagen. Dort ist er ein fieser Psicop des intriganten und alle Telepathen unterjochenden Psi Corps, ein Telepath also. Es kommt nicht von ungefähr, dass der der von Walter Koenig gespielte Charakter den gleichen Namen trägt wie der Autor des vorliegenden Romans, dessen Originaltitel übrigens „The demolished Man“ ist. Denn vieles, was in „Sturm aufs Universum“ 1951 geboten wurde (seit 1960 auf Deutsch) kann als Vorbild für die spätere Serie gewertet werden. Der Roman des 1913 geborenen und 1987 verstorbenen Schriftstellers erhielt übrigens 1953 den ersten Hugo überhaupt.

Bester zeichnet in seiner Utopie eine Welt von Morgen, die sich in einigen Punkten markant von unserer Zeit unterscheidet – vor allem darin, dass es Telepathen gibt. Diese sind omnipräsent, unterstützen Wirtschaftsleute in Verhandlungen, indem sie etwa die Gedanken der Anwesenden überprüfen oder bei Einstellungsgesprächen anwesend sind. Kontrolliert werden sie von der ‚Gilde‘, die eben dafür sorgt, oder sorgen soll, dass das Gedankenlesen nicht außer Kontrolle gerät.
Für Ben Reich, den Protagonisten des Romans, erweist sich das aber schon bald als Problem. Sein Konkurrent Craye D‘Courtney droht mit Aufkauf, weshalb Reich alsbald nur noch einen Ausweg sieht: sein Widersacher muss sterben.
Aber wie tötet man jemanden in einer Welt, in der andere in Gedanken lesen können wie in offenen Büchern? Reich ist clever, fasst einen Plan und setzt ihn letztlich auch in die Tat um. Aber wie bei allen perfekten Verbrechen klappt hier auch nicht alles exakt, es kommt zu einigen unerwarteten Wendungen, einige unvorhergesehene Ereignisse treten ein und, was wohl das größte Problem ist, ein hartnäckiger Ermittler macht sich auf Reichs Spur.
Lincoln Powell ist Polizeipräfekt und zugleich sehr geschulter Telepath. Er ist fest davon überzeugt, dass Reich etwas mit der Sache zu tun hat, alleine, weil der Großindustrielle einfach zu viele Mauern um sich aufgebaut hat. Es beginnt ein taktisches Katz- und Mausspiel zwischen den beiden, dessen Ende dann – sicherlich genretypisch – noch einmal ganz anders ist, als man das erwartet hat.

Das Buch ist nun schont etwas älter, liest sich aber dennoch selbst in der ganz alten Übersetzung, die dem Rezensenten hier vorlag (ich meine, hey, es ist das zwölfte (!) Buch gewesen, was in der Reihe Goldmann SF erschienen ist), sehr flüssig. Zwar leidet es, wie alle Science Fiction aus der Zeit, heute daran, etwas überholt worden zu sein, aber das ist ja ebenfalls im Genre nichts ungewöhnliches. Einrichtungen wie die Pneumozüge sind dann zwar etwas bizarr, aber man kann gut damit Leben.
Da der Roman nicht ganz falsch auf dem Schmutztitel als „utopisch-technischer Kriminalroman“ bezeichnet wird, bleiben da noch zwei Kategorien neben der Technik, die faszinieren können. Die Utopie gelingt sehr gut. Eine Welt, in der eine überlegene Minderheit ein gewisses Maß an unbeschränktem Informationszugang, direkt in den Köpfen der Menschen, genießt, während der Rest dies eher ablehnend betrachtet, wird gut geschildert. Bester hat sich zudem große Mühe gegeben, die Telepathie alltäglich zu machen. Gerade in den Szenen, in denen Reich nur mit seinen Mitarbeitern redet, kam das gut herüber: es gibt Telepathen, sie sind kein Highlight, ebenso wenig wie heute etwa ein Radio noch etwas besonderes ist.
Auch die Kriminalkomponente gefällt, lebt aber vor allem von den Charakteren. Reich wie Powell sind sehr intelligente Menschen und es ist einfach spannend zu sehen, wie sie einander raubkatzengleich umschleichen, jeweils im Hintergrund verschiedene Fäden ziehen und versuchen, die strategische Oberhand zu erlangen. Ihre Pläne sind dabei nicht perfekt und die Charakterzeichnung bleibt differenziert, doch vor allem gefällt, dass sie beide sehr direkt agieren. Powell, weil er sich der Sache selbst annehmen will und einfach ein überdurchschnittlich qualifizierter Telepath für den Job ist, Reich, weil er ja ohnehin niemanden wissen lassen darf, was er getan hat. Er selbst findet zwar einen Weg, seine Gedanken zu verschließen, doch das schützt vor Mitwissern nicht.

Insgesamt ist „Sturm aufs Universum“, abseits der wirklich katastrophalen deutschen Erveröffentlichungstitels ohne jedweden Bezug zum Buch, eine sehr lohnende Lektüre für Science Fiction-Fans.
Bester ist, anders als Wells, Bradbury oder Dick, welche ich hier schon in Teilen besprochen habe, sicherlich ein Geheimtipp. Warum ist mir nicht ganz klar, aber das bleibt auf dem Buchmarkt ja öfters eher schleierhaft. Es ist vor allem eine der eher seltenen Utopien, denen es gelingt, zugleich eine faszinierende Zukunftswelt zu beschreiben und gleichzeitig auch noch eine spannende Geschichte zu erzählen.
Wer also Utopien mag (man kann argumentieren, dies sei eine Dystopie, aber die Debatte überlasse ich anderen), wer spannende Kriminalfälle mag und wer nicht nur vollkommene Trivialliteratur verkonsumiert, der sollte einen Blick auf das eher dünne Büchlein werfen. Der Kauf lohnt sich.



Alfred Bester{jcomments on}
Sturm aufs Universum
[wird mittlerweile als ‚Demolition‘ verlegt]
187 Seiten Softcover
Goldmann Weltraum Taschenbücher
ISBN: Die vorliegende Ausgabe hat aufgrund ihres Alters keine ISBN.
ISBN der Neuausgabe: 3-442-24851-5

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