Pforde, Jasper: The Big Over Easy

Auch in Deutschland ist Jasper Fforde nun wirklich kein Unbekannter mehr. Nicht so wirklich schön, aber auffällig stehen die übersetzten Ausgaben seiner Thursday Next-Romane hier in den Läden und locken potentielle Käufer in phantastisch-metatextuelle Geschichten.
„The Big Over Easy“ fällt da aber bereits etwas heraus, denn weder ist das Buch bisher auf Deutsch erhältlich oder auch nur angekündigt, noch dreht sich darin die Geschichte um Thursday Next.

Das Buch ist rein oberflächlich gesehen ein Krimi mit ganz massivem „Noir“-Einschlag, der allerdings bereits durch das Mordopfer eine ganz besondere Note erlangt: Humpty Dumpty ist ermordet worden. Das Ei ist von der Mauer gefallen und liegt nun zerborsten in tausend Teilen auf dem Boden – war es gar Mord?
Das ist ein Fall für die Nursery Crime Division und führt damit den Protagonisten des Buches, Jack Spratt, auf die Bühne. Dem ist gerade von oben eine neue Kollegin zugeteilt worden, Mary Mary, die ihrerseits eigentlich lieber wo anders wäre, denn die Nursery Crimes sind gerade ganz oben auf der internen Abschussliste, nachdem Spratts Versuch, die drei Schweine wegen des heimtückischen Mordes am großen bösen Wolf vor den Kadi zu bringen triumphal gescheitert ist.
Nun aber liegt Humpty dort und sehr schnell zeigt sich, dass es sich um einen Fall mit vielen, vielen verworrenen Verwicklungen handeln wird.

Auf den ersten Blick erinnerte mich diese Orientierung hin zu einem Universum der Kinderreime an Robert Rankins „The Hollow Chocolate Bunnies of the Apocalypse“, das ich ja schon vor langer Zeit hier versprach. Doch schon nach den ersten Seiten wird klar, dass Ffordes Ansatz ganz anders und, meiner Meinung nach, auch weitaus gelunger ist. Denn ihm gelingt das Kunststück, „The Big Over Easy“ auf gleich drei Ebenen funktionieren zu lassen: Er spielt gekonnt auf einer Meta-Ebene mit der ganz eigenen, inneren Logik der Reime – darauf komme ich noch zurück – aber er erzählt auch sehr spannend eine funktionierende und packende Kriminalgeschichte. Und als Drittes gelingt es ihm auch noch, innerhalb dieser Kriminalgeschichte gekonnt mit den Klischees eben dieses Genres zu spielen, ohne diese lächerlich zu machen.

So ist der Fall lange Zeit sehr offen, es gibt viele Spuren die sich im Nichts verlaufen oder aber die zu Ergebnissen führen, die nicht zu erwarten waren. Andererseits begeht Fforde nicht das Kapitelverbrechen, den Täter erst auf den letzten zehn Seiten einzuführen. Er baut dabei auf viele Fundamente auf, die man schon Klischees nennen muss (der grimmige, aber eigentlich schon auf seiner stehende Chef oder der übereifrige Star-Ermittler, der Spratt den prestigeträchtigen Fall zwecks eigener Lorbeeren abjagen möchte), aber nutzt sie nicht abschätzig, sondern durchaus als Kernelemente der Geschichte. Auch die Beziehung der beiden Protagonisten zueinander ist klassisch, ein typisches Buddy-Gespann eigentlich.

Auf der anderen Seite steht dann da das Setting, die Stadt „Reading“. Sprechende Tiere haben eine Lobby, Figuren aus Nursery Rhymes laufen umher und haben teilweise sogar Firmen und/oder Lobbys. Und Geschichten sind einfach irgendwie wahr, sei es nun der griechische Prometheus oder aber das Märchen von den Zauberbohnen, alles geschieht rund um die Protagonisten herum und ist für sie, offensichtlich, Alltag.
Fforde reflektiert grandios über die absurden Grundzüge dieser Geschichte, beginnend mit dem Mord an dem Ei Humpty Dumpty inklusive diverser Theorien, was es mit diesen Mauern, auf denen er so gerne sitzt, eigentlich auch sich hat, er denkt einfach grundlegende Gedankenkonstrukte mit lachmuskelstrapazierender Konsequenz weiter.

Dabei ist das Buch kein Schenkelklopfer. Der Humor hier ist hintergründig und man hat schmunzelt viel und oft in dem Buch, schallendes Gelächter wird eher die Seltenheit sein. Was durchaus zu loben ist, denn dadurch gelingt hier ein schwieriger Spagat zwischen Augenzwinkern und ernstem Kriminalfall.

Alles in allem kann ich „The Big Over Easy“ nur wärmstens empfehlen. Man muss nicht allzu belesen sein, um dem Buch folgen zu können, kann aber viel darin entdecken, wenn man es ist. Die Geschichte für sich ist spannend und toll erzählt, begeistert auch sprachlich jederzeit.
Wer also wahlweise dem Kinderreim-Thema oder aber guten Krimis etwas abgewinnen kann, der hat keine große Wahl und muss „The Big Over Easy“ eigentlich lesen.

Zum Abschluss noch zwei Ergänzungen:
„The Big Over Easy“ ist der erste von vermutlich insgesamt drei Teilen der „Nursery Crime“-Reihe, aber 100% in sich abgeschlossen. Dem 1993 an der Veröffentlichung gescheiterten Buch, das dann 2005 nach großflächiger Überarbeitung nach dem Erfolg der Next-Romane doch noch herausgekommen ist, folgt bisher „The Fourth Bear“ hernach. Der dritte Band hat einen Namen, „The Last Great Tortoise Race“, aber noch nicht mal ein angepeiltes Erscheinungsjahr.
Und: Auf der Webseite des Autors gibt es Special Features zu seinen Büchern. Dort kann man sich u.a. mit einem im Buch bei der Lektüre auffindbaren Passwort Zugang zu diversen Fassungen des ersten Kapitels über die Jahre sowie weiteren Hintergrundinfos verschaffen. Auch das: Ein Pluspunkt!


Jasper Fforde{jcomments on}
The Big Over Easy
398 Seiten Softcover, Hodder and Stoughton
ISBN: 0-340-83569-9

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