Miller, Arthur: The Crucible

In den 1950ern war Amerika in einer düsteren Situation: US-Senator McCarthy schwang mit wildem Eifer die politische Keule gegen den vorgeblich Amerika unterwandernden Kommunismus. Es gab zahlreiche Anhörungen, jeder, der irgendwie irgendjemandem unlieb war, sah sich plötzlich unter Verdacht. Teilweise sahen sich die Angeklagten in dem Dilemma, nur durch ein Schuldeingeständnis die Strafen mildern zu können, die ihnen angedroht wurden – Schweigen und Leugnen wurden als stumme Geständnisse und zugleich mangelnde Kooperation gewertet.
Das Thema ist in Deutschland eher unbekannt, wenn auch Filme wie der großartige „Good Night and Good Luck“ langsam zumindest eine kleine Bühne dafür bereiten. In Amerika dagegen ist die Zeit des „McCarthyism“ seit damals immer wieder Thema gewesen.
Auch Autor Arthur Miller sah sich 1956 dem Vorwurf ausgesetzt, „un-amerikanischen Aktivitäten“ nachzugehen. Seine eigene Adaption genau dieser, nun, Hexenjagd, hatte er bereits 1953 in Form des Theaterstücks „The Crucible“ verfasst, die genau diesen Denunziationswahn in das Salem des siebzehnten Jahrhunderts verfrachtet.

Reverend Samuel Parris ertappt seine Nichte Abigail Williams sowie einige andere Mädchen des Ortes draußen im Wald, wie sie dort offenbar irgendeinem heidnischen Treiben nachgehen. Um der Strafe zu entgehen und erst Recht nicht dem Vorwurf der Hexerei gemäß an den Galgen zu wandern, ergreifen die Mädchen die Flucht nach vorne und bezichtigen diverse andere Frauen des Ortes, mit dem Teufel im Bunde zu sein.
Der Farmer John Proctor will von all dem zunächst einmal nichts wissen, muss aber letztlich auch erkennen, dass es derzeit keineVernunft in Salem gibt. Erst recht nicht, als Abigail - Proctors ehemalige Geliebte, die ihn noch immer wiederhaben möchte - seine Ehefrau bezichtigt.
Doch es scheint schon alles zu spät zu sein. Das Gerichtstribunal der Stadt klagt mehr und mehr Leute an und die gesamten Einwohner scheinen schier unrettbar in einer Schleife der Denunziation gefangen zu sein. Doch Proctor will sich dort nicht einreihen...

Das Stück hat vier Akte, die zeitlich relativ weit auseinanderliegen. Der erste Akt beschreibt des für seine Kenntnisse im Kampf gegen die dunklen Mächte bekannte Reverends John Hale in Salem, der zweite die Verhaftung von Proctors Ehefrau Elizabeth, der dritte die Verhandlung und der vierte letztlich ... nun, das dramatische Ende.
Arthur Millers Stück wird bisweilen an Schulen gelesen und ist auch zwei Mal - das zweite Mal sogar von Miller selbst, verfilmt worden, doch ist mir die wahre Tiefe der Geschichte erst klar geworden, als ich im Rahmen einer Theaterveranstaltung ein halbes Jahr wirklich intensiv mit dem Text in Kontakt kam.
Neben der offensichtlichen Ebene der historischen Hexenprozesse und der ebenfalls noch gut erkennbaren Analogie zur Kommunistenhatz in den amerikanischen 50ern gibt es noch viel, viel mehr zu entdecken.

Es ist eine Geschichte über jene Leute, die immer erst vor den Türen anderer Leute kehren. „The Crucible“ zeigt wie Regime funktionieren, indem sie die Macht an wenige geben, die sie wollen und viele, die nur ungeschoren davonkommen wollen, ihnen folgen.
Es ist eine Geschichte über religiösen Wahn, aber auch über religiöse und moralische Tugenden. Es ist eine Geschichte über Kontrollverlust, denn den erfährt nahezu jede einzelne Personengruppe in dem Stück. Die Mädchen, nach dem sie ertappt wurden, sowie später, als die Hexenjagd sich immer weiter ausweitet. Die vernünftigeren Bewohner Salems, denen die Worte im Mund verdreht werden und deren gute Taten fast immer ungewolltes Übel hervorrufen. Aber selbst die Richter, die an dem Punkt, an dem sie diese Lawine zum Halt bringen wollen, auch nicht mehr zurück können, da bereits Leute gehängt wurden und nun gleiches Maß gewahrt sein soll.
Und es ist die Geschichte eines Ehepaares, dass von einer vergangenen Affäre zerrüttelt, von Zweifeln durchzogen und von Misstrauen geprägt ist, von einem Mann, der sich bis zum Schluss fragen muss, wer er eigentlich wirklich ist, wofür er einsteht ... und der für diese Erkenntnis und die damit verbundene Chance auf Katharsis einen sehr hohen Preis bezahlen muss.
Es gibt bei Miller kaum weiße oder schwarze Töne. Selbst in teilweise sehr kurzen Dialogpassagen gelingt es ihm immer, alles und jedem einen Hauch von Grau zu verpassen. Proctor ist kein strahlender Held, weder die Richter noch andere Leute, die ihm entgegenstehen, tun dies aus dem Selbstzweck heraus und auch die beiden Frauen um ihn, Elizabeth und Abigail, haben mehrere Seiten.

Auch der Text selber weist ein paar nette Eigenheiten auf. Es ist natürlich ein Theaterstück und als solches nicht die bequemste Lektüre, aber es wird einem zumindest durch einige sehr spannende Einschübe vergolten, in denen Miller ausgiebige Blicke hinter die Kulissen von Historie und Stück bietet. Zudem weiß der englische Originaltext durch eine ganz phantastische Sprache zu punkten, die schon beim stillen Lesen direkt sehr viel Atmosphäre und Flair zu erzeugen weiß.

Es ist natürlich nicht so ganz üblich, die Lektüre eines Theaterstückes zu empfehlen und wer Miller auf der Bühne haben kann, der sollte das auch nicht ausschlagen. Aber auch das Buch lohnt sich definitiv, sofern man mit dem Format leben kann, denn wer sich nur darauf einlässt, kann in „The Crucible“ eine sehr vielschichtige und zum Nachdenken anregende Geschichte finden.


Arthur Miller
The Crucible{jcomments on}
223 Seiten Softcover, Reclam
ISBN: 3-150-09257-4

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