Christie, Agatha: Und dann gabs keines mehr

So, [tm] hat sich ja vor einiger Zeit Agatha Christies „Mord im Orient-Express“ angenommen und da auch ich schon seit geraumer Zeit ein Werk der englischen Krimiautorin hier liegen habe, das ich schon immer mal lesen wollte, aber erst jetzt die Zeit dazu gefunden habe, ziehe ich doch auch noch mal mit einem Klassiker nach.

„Und dann gabs keines mehr“ ist sicherlich nicht ganz so berühmt wie der Zugkrimi, aber dennoch auch kein unbekanntes Werk. Und das, obwohl weder Poirot noch Miss Marple als Protagonisten vorkommen. Einen einzelnen Protagonisten gibt es eigentlich auch gar nicht, ja eigentlich noch nicht mal so etwas wie Protagonisten.
Wie so etwas geht? Nun, vielleicht ist an dieser Stelle einmal ein kurzer Handlungsüberblick angebracht, jedoch ohne den Schluss zu verraten natürlich. Was bei einem Krimi sicherlich mehr als gemein wäre.

 

Zehn vollkommen unterschiedliche Personen werden auf eine kleine abgelegene Insel vor der Westküste Englands gelockt.
Dort werden sie erst einmal allesamt beschuldigt, einen oder sogar mehrere Menschen umgebracht zu haben. Natürlich streitet jeder diese Tat erst einmal ab und rechtfertigt sich für das Vorgefallene.
Allerdings müssen sie schon bald feststellen, dass ihr mysteriöser Gastgeber ein tödliches Spiel mit ihnen treib und sie einen nach dem anderen umzubringen gedenkt...ganz nach dem Vorbild des alten Kinderreims: Zehn kleinen Negerlein...

Unter dem Titel „Ten Little Niggers“ erschien das Buch 1939 zum ersten Mal, allerdings wurde der Titel bei der amerikanischen Veröffentlichung in „And Then There Where None“ umgeändert, mit Rücksicht auf die farbige Bevölkerung. Die deutsche Ausgabe hieß zunächst zwar „Das letzte Weekend“, dann originalgetreu „Zehn kleine Negerlein“ und ist nun unter dem jetzigen Titel erhältlich. Dieser entstammt der letzten Zeile des Gedichtes, auf das angespielt wird...denn das Buch ist ein Paradebeispiel für das Eliminierungsgenre.

Und ein ungemein spannendes zugleich. Zugegeben, bei Krimis oder Bücher allgemein älteren Datums ist die Sprache oftmals ein Grund, dass sich diese etwas schwerlich lesen. Denn die Erwartung der Leser war damals eine vollkommen andere und da konnte man sich schon mal etwas Zeit lassen bis die eigentliche Handlung einsetzte, nicht so jedoch bei diesem Werk.
Die Personen werden am Anfang allesamt kurz vorgestellt damit auch weiß wer da so alles auf und abtritt, danach geht es aber auch recht fix in die eigentliche Handlung. Das hat mich doch ein wenig überrascht, denn auch der erste Tote lässt nicht lange auf sich warten und ihm folgen noch einige nach, soviel sei zumindest verraten.

Im Prinzip baut das Buch auch auf dem Prinzip des „Whodunit“ auf, begnügt sich allerdings nicht nur damit, denn zudem arbeiten die verbleibenden Personen nicht nur gegen die Zeit sondern später auch gegen sich selber. Agatha Christie schafft es nämlich auch, die psychologischen Aspekte ihrer handelnden Personen nicht unbeleuchtet zu lassen und so findet man sich alsbald in mitten einer immer mehr schrumpfenden Gesellschaft wieder, die sich zwar äußerlich immer noch anlächeln und gute Miene zum bösen Spiel machen, innerlich aber liegen die Nerven bei fast allen blank. Man vertraut niemanden mehr da man den Mörder alsbald in der eigenen Mitte vermutet.
Hier wird auch der Zusammenbruch von Recht und Ordnung im kleinen demonstriert, wenn es ums nackte Überleben geht. Sind sich am Anfang noch alle fremd und im Verhalten zugeknöpft und reserviert, so muss man zwar im Laufe der Geschichte, notgedrungen, zusammen rücken, aber auch wieder von einander ab wenn man nicht weiß ob der andere nun Opfer oder Täter ist.

Ein weiterer besonders schöner Aspekt ist, das sich die Geschichte diesmal nicht an einem düsteren Herrenhaus mit Geheimgängen, dichten Wäldern, nebelverhangenen Mooren oder Kerkern abspielt sondern auf einer kleinen überschaubaren, recht kahlen Insel mit einem modernen Luxuxshaus.
Hier gibt es keine uralten Geheimnisse zu entdecken oder gar große Versteckmöglichkeiten.
Wie ein Zauberer am Anfang demonstriert, dass er nichts in den Ärmeln hat, zeigt auch Christie, dass diesmal alles ohne Falltüren und Spiegel gemacht wird. Gerade das lässt den Leser, neben der Frage, wen es denn nun als nächsten erwischt, bis zum Schluss mitfiebern, bis zum sehr packenden Finale.
Der Schauplatz, die Figurenkonstellation und die interessante Art und Weise, wie die beteiligten Personen nach einander sterben, nämlich fast immer exakt den Reimen des Gedichts folgend, macht das Ganze zu einem schön spannenden, abgerundeten Werk.

Natürlich gibt es wie bei den meisten Vertretern dieses Gernes auch immer die Kritik wie logisch die ganze Geschichte doch im Augenschein der Realität ist. Gut, ich gebe zu, im Krimikosmos einer Agatha Christie ist die Geschichte absolut logisch und einleuchtend, ob sie auch im realen Leben so durch zu führen ist wage ich zu bezweifeln.
So mag vielen die Handlung hingegen konstruiert vorkommen, aber es macht trotzdem Spaß und wie die Autorin selber betonte wollte sie nie eine realistische Geschichte schreiben, sondern ein schon logisches Gedankenspiel so aufbauen, dass es den Leser fesselt, aber nicht mit einer absolut absurden Lösung überrascht und die gesamte vorherige Handlung ab adsurdum führt. Und das, so muss man ihr zugestehen, ist ihr gelungen.
Denn es ist nichts gegen eine Geschichte einzuwenden, die innerhalb ihrer Regeln bestens funktioniert und einem nicht mit dem Schluss den ganzen Spaß den man beim Lesen hatte, wieder verdirbt.

Ebenso wie „Mord im Orient-Express“ nach fast siebzig Jahren auch immer noch lesenswert, nicht nur, weil es sich um einen Klassiker aus der Feder Agahtah Christies handelt, sondern weil die Geschichte zugleich auch wunderbar mit dem Genre spielt, das sie so maßgeblich mitgeprägt hat.


Agatha Christie{jcomments on}
Und dann gabs keines mehr
223 Seiten Softcover, Scherz Taschenbuch
ISBN: 3-502-79371-9

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