Lukianenko, Sergej: Wächter der Nacht

Noch vor wenigen Jahren hätte der Name Lukianenko in Deutschland vermutlich niemandem etwas gesagt. Der 1968 geborene Schriftsteller Sergej Lukianenko ist einer der populärsten Phantastik-Schreiber aus Russland, doch auch als er 1998 seinen Roman, der nun als „Wächter der Nacht“ vor uns liegt, herausbrachte, krähte kein Hahn danach.
Dann aber kam der Film. Zusammen mit Regisseur Timur Bekmambetov und viel Geld kam „Wächter der Nacht“ auf die große Leinwand und von dort aus, mit leichter Verzögerung, auch in den Westen. Die Resonanz war sehr positiv und so war es plötzlich gar keine Frage mehr und Lukianenkos Romane kamen zügig auf den deutschen Markt.

Die Heyne-Taschenbuchausgabe von „Wächter der Nacht“ ist dabei sogar recht schnieke geworden. Matter Einband, geprägter Titelschriftzug, einheitliches Design mit den nachfolgenden Bänden; denn ja, der Band ist der Auftakt einer lose verknüpften Tetralogie, die mittlerweile auch komplett auf Deutsch vorliegt. Bemerkenswert ist übrigens, dass Christiane Pöhlmann die Texte direkt aus dem Russischen übertragen hat und nicht etwa eine englische Fassung übersetzt wurde. Nicht zuletzt dadurch macht die deutsche Ausgabe eine sehr stimmigen und ordentlichen Eindruck, ohne dass ich die Qualität der Übersetzung selbst jedoch konkret überprüfen könnte.

„Wächter der Nacht“ gliedert sich in drei separate Geschichten. Die erste davon war auch Inhalt des Films gleichen Namens, der Rest des Buches wurde dann in abgewandelter Form als „Wächter des Tages“ verfilmt; das Buch „Wächter des Tages“ von Lukianenko hat eine andere Handlung, aber soll heute unser Thema nicht sein.
Protagonist aller drei Geschichten ist Anton. Anton arbeitet bei der Nachtwache, einer mysteriösen Vereinigung, die das Übernatürliche überwacht und in Schach hält. Denn es gibt in der Welt sogenannte Andere, also Vampire, Gestaltwandler, Hexen, Magier und dergleichen. Um die Menschheit zur schützen gibt es daher einen Pakt, der regelt, dass keine der beiden Seiten über die Stränge schlägt. Denn gegenüber der Nachtwache steht die Tagwache, die ihrerseits aufpasst, dass die Welt nicht auf unnatürlichem Wege zu sehr zum Guten gewendet wird.
Das ist ein interessantes Setting und zehrt nicht zuletzt von der großen Stimmung eines Kalten Krieges. Beide Seiten, Licht wie Dunkel, akzeptieren den Pakt und wissen um dessen Nutzen, doch wollen auch beide nicht ins Hintertreffen geraten. Man spielt also nach den Regeln, dehnt sie aber so weit, wie irgendwie möglich aus.

In der ersten der drei Geschichten wird Anton dann auch gleich in zwei größere Handlungen verwickelt. „Das eigene Schicksal“ führt mit Jegor einen Jungen ein, der dabei ist, ein mächtiger Anderer zu werden, dessen Werdegang aber noch unklar ist. Es ist also im Interesse beider Seiten, ihn für sich zu gewinnen. Konkreter wird das Problem allerdings dadurch, dass auch zwei Vampire an Jegor ein ganz eigenes Interesse haben.
Das andere Problem in Moskau rührt von einer Frau namens Svetlana her. Die ist offenbar verflucht wurden – konkret und sehr stark. Das Unheil, dass man ihr an den Hals gewünscht hat, ist so groß, dass es nicht nur sie, sondern vielleicht die ganze Stadt vernichten könnte, weshalb auch hier schnelles Handeln gefragt ist.
Beide Geschichten kulminieren in einem spannenden (und ordentlich vom Film abweichenden) Finale und haben damit die Bühne für das bereitet, was noch folgt.

Denn die anderen beiden Geschichten des Buches, „Der eigene Kreis“ und „Im eigenen Saft“, sind durchaus mit der ersten und auch untereinander verknüpft. Allerdings eher auf einer unterschwelligen und nicht immer direkt erkennbaren Ebene, so dass „Wächter der Nacht“ in sich zwar durchaus eine Einheit bildet, aber andererseits auch als Anthologie bezeichnet werden könnte.
Aber überhaupt fällt es mir etwas schwer, den Roman einzuordnen. Die Vergleiche mit „Harry Potter“ und „Herr der Ringe“, die den Marketing-Leuten so eingefallen sind, sind natürlich ziemlicher Humbug, aber eine Genrebestimmung ist darüber hinaus knifflig. Es sind Krimis, irgendwie. Aber durch das ungewöhnliche Setting sind es okkulte Geschichten, die jenseits unserer Gesellschaft ablaufen. Doch sind sie für die handelnden Charaktere durchaus Alltag, da die meisten von ihnen schon mal hinter den Schleier geschaut haben und wissen, wie die Welt wirklich ist.
Lukianenko ist ein sehr phantasievoller Geist und sein Setting ist sehr eigen. Ich nehme an, manches davon wird auch einfach der russischen Kultur entsprechen, aber das Moskau, wie er es hier schildert, ist schon durchweg eine faszinierende und phantastische Umgebung für die Figuren seiner Geschichte. Man liest weiter, alleine schon, weil man mehr von dieser Welt neben der unsrigen wissen will.

Auch rein formal ist das Buch teils etwas eigenartig. Auf der einen Seite ist da die Teilung in drei Geschichten, aber das ist ja noch eher normal. Interessanter ist da schon die Erzählperspektive. Jeder Geschichte geht ein Prolog voraus, der aus einer externen Betrachterposition her geschildert wird, die Texte dann sind jedoch aus Antons Sicht verfasst.
Innerhalb dieser Bereiche aber bricht Lukianenko dann gelegentlich aus seiner eigenen Norm heraus und berichtet kurz eine Nebenhandlung wieder aus dieser externen Sicht.
Sehr ungewöhnlich, aber spannend.

Doch gibt es auch Kritik an diesem ungewöhnlichen und in weiten Teilen auch guten Roman. Die erste Geschichte hat sehr viel Tempo und lässt einen das Buch kaum weglegen. Die Ereignisse um Jegor und Svetlana sind spannend und die Wendungen reißen einen ziemlich mit. Für die anderen Teile des Buches gilt das jedoch nicht so sehr.
Gerade „Der eigene Kreis“ zog sich in meinen Augen schon sehr hin, die Handlung braucht sehr lange, um Fuß zu fassen und hat sie das einmal, ist sie auch schon fast wieder vorbei.
Auch „Im eigenen Saft“ hat mir nicht mehr so gut gefallen, wie „Das eigene Schicksal“.
Ich kann gar nicht sagen, woran das genau lag. Vielleicht ist es die Handlung selbst, die mir im ersten Teil aufgeweckter erscheint, vielleicht auch dieser Bruch, der zwischen den jeweiligen Geschichten rein durch die Struktur erfolgt. Das Buch ist dann zwar immer noch gut, aber kein Hit mehr, wie ich es nach den ersten 200 Seiten noch erwartet hatte.

Alles in allem kann ich „Wächter der Nacht“ durchaus empfehlen. Für recht teure 13 Euro kriegt man immerhin 524 Seiten Story, wenn auch relativ groß bedruckt. Die Handlung ist insgesamt durchaus gut und vor allem die Mischung aus einer ungewohnten Form der Phantastik und allgemein ungewohnten Einflüssen eines doch recht anderen Kulturkreises, Russland, machen die Geschichte sehr lesenswert. Die Welt der Anderen ist komplex und vielschichtig, der moralische Konflikt, dass ein Pakt zwischen Licht und Dunkel nun einmal auch die Guten zwingt, im Rahmen der Abmachung zu agieren, bringt Tiefe mit sich. Mehr noch, er führt zu dem wundersamen Konstrukt, dass ein Setting mit ganz klarem Schwarz und Weiß in seiner Gesamtheit sehr grau wird.
Nur ist es eben auch kein Must-Read geworden. Die Geschichte ist gut, aber die Dramaturgie kann mit dem Einfallsreichtum bezüglich des Settings einfach nicht mithalten. Man verschwendet seine Zeit nicht an das Buch, aber es gibt viele Bücher, die einem eine vergleichbare Qualität liefern.

Wer also einmal einen etwas anderen Okkultroman lesen will, der ist bei „Wächter der Nacht“ gut aufgehoben, alle anderen lesen ihn vielleicht einfach mal an und entscheiden selbst, ob der Preis für das Gebotene in Ordnung geht.


Sergej Lukianenko
Wächter der Nacht
524 Seiten Softcover, Heyne{jcomments on}
ISBN: 3-345-53080-2

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