Box of Unfortunate Events, A #1 - The Trouble Begins

„If you are interested in stories with happy endings, you would be better off reading some other book. In this book, not only is there no happy ending, there is no happy beginning and nvery few happy things in the middle.“
Würdet ihr so ein Kinderbuch einleiten? Vermutlich nicht, ganz besonders nicht, wenn es sich dabei um die ersten Worte des ersten Bandes einer gleich dreizehnteiligen Reihe handelt.
Lemony Snicket hat es jedoch getan und eröffnet damit The Bad Beginnings, den ersten Band seiner Series of Unfortunate Events. Der Titel kommt bekannt vor?
Richtig, erst letztes Jahr war eine (im Grunde sehr gut eingefangene) Adaption der vorliegenden drei ersten Bücher im Kino und erhielt, vermutlich allerdings eher wegen dem Hauptdarsteller Jim Carrey, die Aufmerksamkeit, die sie verdient hat. Aber wir wollen gar nicht weiter auf den Film eingehen, dass macht [ego] irgendwann einmal, wie er meinte.

Der Titel, der bei der deutschen Filmveröffentlichung auf „Eine Reihe rätselhafter Ereignisse“ verharmlost wurde, ist im Englischen jedoch wesentlich programmatischer. Die Protagonisten aller dreizehn Bücher sind dire Geschwister – die Baudelaire-Waisen. Violet, die gerne Sachen erfindet (was man daran erkennt, dass sie ihre Haare zusammenbindet, damit sie ihr nicht in den Augen hängen), Klaus, der gerne liest und Sunny, die gerne beißt. Das ist verständlich, ist sie doch noch ein Kleinkind … jedoch eines mit vier scharfen Zähnen.
Waisen? Richtig, denn sozusagen direkt bevor das erste Buch der Reihe einsetzt, brennt das Anwesen der Familie nieder und lässt nur die Kinder zurück.
Ohne Eltern müssen sie in die Obhut eines Verwandten – und nach einiger Recherche findet ihr Verwalten Mr. Poe dort auch einen. Count Olaf ist ein ebenso schlechter wie erfolgloser Schauspieler und zudem noch ein ausgesprochen schlechter Mensch. Denn schnell wird klar, ihm und seiner finsteren Theatergruppe geht es nicht um das Wohl der Kinder, sondern um das gigantische Erbe, das Violet antreten kann, wenn sie volljährig wird. Das aber ist noch vier Jahre hin.
Olaf ersinnt also einen diabolischen Plan, doch – ich denke, bei Band 1 von 13 einer Kinderbuchreihe gilt das kaum als Spoiler – es gelingt den Kindern, ihm zu entkommen.

Mr. Poe versucht sie daraufhin auch in den beiden nachfolgenden Bänden zu entsprechenden Pflegeeltern zu bringen, doch folgt ihnen Count Olaf auf dem Fuße und versucht auch in den Folgebänden, an das vermögen zu kommen, ganz gleich ob sie bei einem fürsorglichen Reptilienforscher (in The Reptile Room) oder einer ängstlichen Frau in einem abenteuerlich gebauten Haus an einer Steilküste (in The Wide Window) untergebracht sind.
Das klingt etwas nach repetativer „Roadrunner wird vom Kojoten gejagt“-Unterhaltung, funktioniert jedoch auf weitaus mehr Ebenen. Es stimmt zwar, gerade die ersten drei Bände wirken etwas schematisch, aber das löst sich mit den kommenden Schubern – soviel vorweg genommen.

Was aber nun ist es, dass diese Bücher zu dem Insider-Kult erhoben hat, aus dem letztlich sogar ein Hollywood-Film erwachsen ist? Zunächst mal sicherlich die für ein Kinderbuch ganz ungewöhnliche Düsternis der Geschichte. Es sterben liebgewonnene Charaktere und oftmals wird von sehr ernsten Themen erzählt. Das aber auf eine überaus charmante, fast rührende Art, die aus schwer zu beschreibenden Gründen, zugleich neben diversen Dosen reinem Zynismus Bestand haben kann.
Es gibt beispielsweise eine Stelle, in der Snicket von jenen Momenten erzählt, in denen man einen Fehler macht und sich für den Rest seines Lebens dafür verfluchen wird, diesen Fehler gemacht zu haben. „Das ist doch nichts für Kinder!“ mag man aufschrecken, doch ... eigentlich ist es das schon. Sicherlich, der (vor allem älteren) Kinderbüchern anhaftende Weichspüler fehlt hier, was die Thematik betrifft – es geht immerhin um unglückliche Ereignisse – aber es wird in so netten, ehrlichen Worten erzählt, dass auch jüngere Leser nicht zu schockiert sein werden.

Das ist sicherlich nur eine der zahlreichen guten Seiten des dem Buch eigenen Schreibstils. Snicket schafft es, mit wenigen Worten ungewöhnliche Charaktere exakt zu beschreiben, ihnen Tiefe zu geben, schwierigere Wörter ohne Fußnote, mitten im Text, noch zu erläutern und zieht einen so augenblicklich in die Handlung.
Um mal noch ein Beispiel, direkt vom Anfang des ersten Buches zu bringen:
„Their misfortune began one day at Briny Beach. The three Baudelaire children lived with their parents in an enormous mansion at the heart of a dirty and busy city, and occasionally their parents gave them permission to take a rickety trolley – the word „rickety“ you probably know, here means „unsteady“ or „likely to collapse“ – alone to the seashore, where they would spend the day as a sort of vacation as long as they were home for dinner.“

Das funktioniert nicht zuletzt deshalb so gut, weil Snicket etwas sehr spannendes gelingt – er schafft es, den Autor (oder, für die Literaturstudenten unter uns: das empirische Subjekt des Autors) zu einem Teil der Geschichte zu machen. Geschickt verwebt er Hintergrund und Erzählebene, macht seinen Erzähler gleichzeitig zu einer unbeteiligten Person und eben doch Teil der Geschichte, macht sich dabei selbst aber auch zu einem Teil dieser Person.
Klingt verwirrend? Nun, abgesehen von Äußerungen direkt im Text und der Tatsache, dass der Erzähler eben auch Lemony Snicket heißt, sind es Details. Jedes der Bücher ist einer gewissen Beatrize gewidmet – mit bitterbösen Widmungen übrigens, die aber jeder für sich selbst lesen sollte – die, so erfährt man langsam, offenbar Teil der Handlung ist.
Gab es eine echte Beatrize? Welche Rolle spielt sie aber in der Geschichte?
Snicket verwischt die Ebenen und zieht sich dabei so ins Unbekannte zurück, dass man auch außerhalb der Bände selbst kaum Informationen über ihn erhalten kann. Es gibt zwar eine Biographie zu kaufen (mit dem Titel „Unofficial Autobiography“ – den muss man sich auf der Zunge zergehen lassen!), doch auch die ist Teil des literarischen Werks.
Das ist eine Komponente, die man komplett ignorieren kann, wer sich aber darauf einlässt, wird vermutlich schnell gebannt jegliche noch so kleine Informationen in den Texten aufgreifen und darüber ins Grübeln kommen.

Dieses Erlebnis wird auch noch einmal dadurch verstärkt, dass man beim Verlag offenbar sehr bereitwillig mitspielt, was diese Realitätsvermischung betrifft. Die Bücher erscheinen im Hardcover, allerdings mit sehr willkürlich zurechtgeschnittenen Seiten. Das verleiht den Büchern bereits den Flair von alten Büchern, aus einer Zeit vor der maschinellen Fertigung.
Backcover-Text und Teaser auf den nächsten Band sind in jedem Buch ebenfalls von Snicket selbst verfasst und führen das Spiel um die Verwischung der Realität weiter. Die Illustrationen der Bücher zuletzt werden in direkter Kooperation zwischen Snicket und dem Zeichner gefertigt und passen daher ganz exzellent zu der Geschichte und prägen einen ganz bestimmten, leicht phantastischen Gesamtlook.

Man merkt vermutlich, ich bin ziemlich begeistert. Es war bei mir eher der Film, der meine Neugierde geweckt hat, aber man kommt nicht umhin festzuhalten, dass die „Unfortunate Events“ kleine Meisterwerke sind, zumindest die ersten drei Bände. Die restlichen zehn werde ich im Laufe der Zeit Schuber für Schuber besprechen, denke ich.
Man kann darüber streiten, ob die Bücher wirklich für Kinder geeignet sind, ich persönlich habe da aber eingentlich nur wenig Zweifel. Definitiv geeignet sind sie jedenfalls für Erwachsene, die mal eine spannende Geschichte lesen wollen, geschrieben von einem sprachlichen Virtuosen, wie es sie auf dem Buchmarkt heutzutage leider viel zu selten gibt.


Name: The Bad Beginnings, The Reptile Room & The Wide Window
Verlag: HarperCollins
Sprache: Englisch
Autor: Lemony Snicket
Empf. VK.: 13,50 Euro
Seiten: 162, 190 und 214
ISBN: 0-06-029809-X{jcomments on}

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