DSA #138 – Herr der Legionen

Es ist lange her, dass ich einen DSA-Roman gelesen habe. Nach ein paar Enttäuschungen wie Blakharons Fluch hatte ich der Reihe vorerst mehr oder weniger den Rücken gekehrt, einzig noch mal für die gemischt gute Heft-Reihe Der Kristall von Al’zul zurückkehrend.
In letzter Zeit bin ich aber mal wieder neugieriger geworden. Die Taladur-Reihe klingt ebenso reizvoll wie die Craws Isenborn-Romane – doch all diese sollten eben gerade nicht das Buch sein, was mich nach längerem noch mal zum Kauf bewogen hat. Diesen Erfolg, wenn man so will, kann Judith C. Vogt für sich verbuchen.

Die Autorin, die mit dem von mir bislang ungelesenen Im Schatten der Esse bereits in der Reihe vertreten war und mit Im Feuer der Esse sogar den eindrucksvollen Band 150 dazu beisteuern wird, hat mit dem Zweiteiler, dessen erster Band in Form von Herr der Legionen hier vor mir liegt, die bislang einzigen offiziellen Romane zur inneraventurischen Epoche der „Dunklen Zeiten“ beigesteuert, also der Zeit vor Bosparans Fall.
Der erste Eindruck stimmt auf jeden Fall. Das Buch kommt als Taschenbuch daher und der Sammler in mir freut sich, dass die Romane auch bei Ulisses noch im gleichen Format erscheinen wie schon zuvor bei FanPro und noch davor bei Heyne. Das Cover von Marcus Koch zeigt einen zunächst einmal irgendwie römisch anmutenden Mann mit schneidigem Gesicht, ein Eindruck, der sich bei der Lektüre gar nicht mal als so falsch erweist.

Die Stadt Bosparan erscheint in dem Buch ein wenig wie das langsam ersterbende römische Großreich, zwischen verlorenen und vergessenen Legionen, politischem Ränkespiel und ufernder Dekadenz. Allerdings natürlich gewürzt mit aventurischen Eigenheiten – und auf den ersten Blick gar nicht mal so aventurischer Eigenheiten.
Schnell merkt der mit dem Schwarzen Auge vertraute Leser, das damals doch so einiges anders war. Die Stellung von Dämonen und ihren Beschwörern ist eine ungewohnte, das Pantheon bietet neben bekannten Namen wie Aves und Kor auch so ungewohnte Kandidaten wie Gyldara oder Shinxir, und auch solche, die man garantiert dort eigentlich nicht sehen wollen würde, etwa Bel’Quelel oder Brazirakus.
Damit hatte das Buch mich mit einer Facette direkt gewonnen – zumindest in meiner inhaltlichen Unkenntnis der Box Die dunklen Zeiten aber nach Jahrzehnten des DSA-Spielens ist es immens spannend, sich in dieses so fremde und doch so vertraute Aventurien einzufinden.
Doch den Reiz des Buches darauf zu fokussieren wäre falsch, denn die Autorin kann auf noch ganz anderen Ebenen begeistern.

Die Handlung, das verrät schon das Backcover, ist grob auf die Schultern dreier Hauptfiguren gelegt. Eiria ist Legionärin der fünften Legion, der Shinxiria, die in der Provinz Garetia scheinbar auf verlorenem Posten gegen die Orks kämpft. Sahina wiederum ist eine Adelige in Bosparan, die sich vor allem im Ränkespiel zu üben versucht, wohingegen Puella als Sklavenmädchen zu Beginn des Buches erst in die Hunderttürmige gebracht wird und dort ganz eigene Schrecken kennen lernen muss.

Jeder dieser Erzählstränge kommt mit einem kleinen, eignen Ensemble an weiterer Figuren daher, die – obschon nicht mit eigener Perspektive versehen – nicht weniger wichtig sind. Jede der Figuren beleuchtet ganz eigene Aspekte des Settings und gibt andere Einsichten in die Abläufe hinter den Kulissen.
Es dauert ziemlich lange, bis man erkennt, wo die Verbindungen zwischen den drei Ebenen verlaufen, aber es sei direkt zur Entwarnung skeptischer Gemüter gesagt, das alles wohlgefällig zusammenfindet. Gelegentlich bricht Vogt zudem mit diesen drei Grundpfeilern und wechselt für wenige Seiten in so genannten „Interludien“ an Orte, die andernfalls nicht erreichbar wären, aber auch das fügt sich sauber ein.

Vogt versteht es dabei, allen Aspekten gleichermaßen Raum und Geltung zu verschaffen. Schildert sie Eiria, so kann man die Atmosphäre in der Legion geradezu spüren, die Kameradschaft, aber auch die Härte und die Erbarmungslosigkeit ihrer Aufgabe und Hingabe. Begleitet sie hingegen Sahina, so ist gerade ihr Spiel mit Dekadenz und der doppeldeutigen Schmeichelsprache der Ränkeschmiede untereinander ein absolutes Highlight. Gleichermaßen hat Puella ihre Highlights, doch verrät es mir zu viel vom Buch, das hier weiter auszuführen.

Herr des Legionen ist dabei nur ein halbes Buch. Der zweite Teil, Herrin des Schwarms, schließt absolut nahtlos daran an. Dieser Band endet zwar nicht unbefriedigend, aber mit einem Cliffhanger auf allen drei Ebenen – die Autorin schreibt selber, dass es im Grunde ein 800seitiges Buch sei.
Das ist aber kein Makel – ich jedenfalls war heilfroh, dass ich den ersten Teil mit dem guten Gefühl beenden konnte, dass es da noch mehr von gibt.
Dennoch – wenn man eine Schattenseite benennen müsste, dann wohl höchstens das, führt es doch letztlich dazu, dass die Kosten– trotz der überaus fairen und für die deutsche Phantastik anno 2012 sogar geradewegs günstigen Einzelpreise – für ein vollständiges Leseerlebnis direkt auf 20 Euro steigen.

Aber das ist auch schon das Einzige, was mir einfiele, um es gegen das Buch vorzubringen. Alle Figuren sind interessant, die Handlungsstränge alle spannend und gut miteinander vernetzt, die Geschichte insgesamt gut durchdacht, das Setting absolut fesselnd und auch sprachlich ist das Buch eine reine Freude.
Definitiv einer der besten Titel, die ich dieses Jahr bisher gelesen habe!
Titel: Herr der Legionen
Originalausgabe
Autor: Judith C. Vogt
Verlag: Ulisses
ISBN: 978-3-86889-197-3
Seitenzahl: 416 Seiten Taschenbuch
Sprache: Deutsch
Preis: 10,00 Euro{jcomments on}

Kommentare (7)

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@ Markus:
Ich denke du wirst gerade in der "Aventurienfrage" das Ende des Buches auch recht spannend finden; oder sagen wir schon fast die zweite Hälfte des zweiten Buches. Da gibt es einige sehr, sehr schöne Brücken zum gegenwärtigen Aventurien.

Schätze die Rezi zu Band 2 bringe ich dann auch Mitte der Woche.

Viele Grüße,
Thomas

Thomas Michalski
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Ah, da warst du schneller mit der Rezension...das erste Buch habe ich auch schon durch und bin gerade in der mitte vom zweiten. Im Großen und ganzen teile ich bis jetzt auch deine Meinung. Das unaventurische kam bei mir nur am Anfang rüber, da hatte ich den Eindruck es handle es siche eher um um einen historischen Roman, gespickt mit ein paar aventurischen begriffen. Aber das verliert sich im Laufe der Handlung mehr und mehr wenn die aventurischen Eigenheiten stärker zutage treten. Alles in allem aber auf jedenfall ein lesenswerter erster Teil.

Markus
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Ja, ungenommen! Ich habe auch aus dem Freundeskreis ähnliche Rückmeldungen bekommen, nicht ganz so euphorisch wie deine Rezension, aber durchaus positive Eindrücke. Ich wollte halt nur kurz sagen, dass das nicht zwangsläufig so sein muss beim Lesen.

Ius Soli
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@ Ogerkeule:
Das freut mich natürlich!
Sowohl, dass das Buch gefallen hat, als auch, dass die Rezi ebenso zusagte


Viele Grüße,
Thomas

Thomas Michalski
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@ Ius Soli:
Da werden wir uns wohl darauf einigen müssen, dass Geschmäcker verschieden sind – das ist ja auch gut so. Ich kann im Gegenzug deine Kritikpunkte halt nicht auf meine eigene Leseerfahrung übertragen, weder den Vorwurf der Pedanterie noch das "unaventurische" Gefühl. Sicher ist es sehr anders als das gemeine DSA, das man kennt, aber wie ich ja auch oben schrieb, ging davon gerade ein Reiz für mich aus. Denn es ist anders, aber ich fand es eben nicht unaventurisch.
Und dass ich beide Bände trotz geringer Freizeit mehr oder weniger am Stück verfrühstückt habe, ist auch für mich einfach ein guter Indikator, dass es mich ziemlich gefesselt hat.
Aber, wie ich schon sagte, jedem seine Meinung. Wenn du andere DSA-Romane hast, die dir mehr zusagen, dann sei dir das herzlich gegönnt!


Viele Grüße,
Thomas

Thomas Michalski
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Schöne Rezension!
Schließe mich voll und ganz an.

Ogerkeule
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Ich kann das nicht so recht nachvollziehen. Das Buch ist pedantisch, die Patrizier-Oberschichten-Intrigen langweilig und gequält. Die Atmosphäre erinnert eher an ein Rom mit ein wenig Vodoo als an historisches DSA. Es gibt wenige Gründe, weshalb die Handlung in Aventurien hat stattfinden müssen. Das liest sich eher, als wäre da bereits ein historischer Roman gewesen, den man mit ein wenig Aufwand 'aventurisiert' hat. Spannung und Cliffhanger mögen schon stimmen und passend sein, aber sind bei weitem nicht alles beim Lesevergnügen.

Ius Soli
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