Koch, Boris: Der Mann ohne Gesicht

Habt ihr einen Kumpel, der einen Kumpel hat, der dereinst betrunken im Kreisverkehr so lange rückwärts gefahren ist, bis es einen Zusammenstoß gab? Der aber keine Strafe bekommen hat, da die Polizei dem Führer des anderen Vehikels nicht glauben wollte, dass jemand im Kreisverkehr rückwärts fuhr, welcher deshalb positiv auf Alkohol getestet wurde und die Sache ad acta lag, bevor man sich dem Kumpel eures Kumpels zugewendet hat.
Wenn dem so ist, seid ihr höchstwahrscheinlich mit einer urbanen Legende in Kontakt gekommen. Einer, die zwar im vorliegenden Buch nicht vorkommt, die mir aber in Realität schon ein paar Male zu oft erzählt wurde, quer durch Deutschland.

Urbane Legenden, das sind eben jene Erzählungen, wie man sie sich Nacht am Lagerfeuer erzählt. Zumeist schaurige Geschichten, die oft zu überzogen sind, um wahr zu sein, die den Reiz ihrer Authentizität nicht zuletzt aus der „Einem Kumpel von mir...“-, „Einem Onkel von mir...“-, „Meinem Vater...“-Einleitung gewinnen.
Dürften jedem Leser der DORP ein Begriff sein, oder?

Ein Reiz geht zweifellos von ihnen aus. Das merkte wohl auch Autor Boris Koch, mit dem meine bisherigen literarischen Erfahrungen ja eher unüberzeugt verlaufen ist – wer nicht weiß, was ich meine, der lese meine Rezi zu „Die Tote im Maisfeld“. Koch aber wählte einen Ansatz für seine Sammlung, der mir doch zu interessant war, um ihn zu übergehen. Und da ich ja der Letzte wäre, der nicht von einem Werk auf ganze Autoren schließt, griff ich dann doch mal zu. Welcher Ansatz? Koch will nicht wissenschaftlich sammeln oder auch nur Geschichten herausgeben, wie in einer herkömmlichen Anthologie. Er will „sammeln und erzählen“, nicht „sammeln und erklären“. Er ist sich zwar des Unterschieds in der Form der Tradierung bewusst, doch möchte er mit seinem Buch vor allem unterhalten.

Das Ergebnis ist überraschend gut geworden. Aufgeteilt in vierzehn Bereiche wie „On the road“, „Die lieben Kleinen“ oder natürlich (?) „Sex“ liefert er, wie auf dem Cover zu lesen, 100 Erzählungen quer aus allen Gebieten ab. Streng genommen sogar 101, denn im Vorwort lässt er es sich auch nicht nehmen, selbst eine Anekdote aus enger Verwandschaft preis zu geben – eine sehr spannende, wie ich meine.

Die eigentliche Auswahl ist meines Erachtens gut getroffen, eine feine Mischung aus bekannten und unbekannten Erzählungen. So dürften gerade die auf den Straßenverkehr bezogenen Geschichten recht hohe Bekanntheit haben, etwa was vor Axtmördern warnende Tankstellenpächter und gefährlich aussehende Anhalter betrifft. Doch ich denke, selbst dort wird der Leser noch Neues entdecken können, wenn er jetzt nicht gerade ein totaler Fanatiker auf dem Gebiet urbaner Legenden ist.

Bei aller Freude am Erzählen hat Koch aber dennoch nicht vergessen, zumindest generelle Nachweise zu führen und bietet so allen, die nach etwa 220 Seiten noch immer mehr wollen, noch eine Übersicht über andere Literatur zum Thema und sogar einige Filmtitel, deren Auswahl aber eher rudimentär zu nennen ist.

Abschließend kann ich sagen, dass „Der Mann ohne Gesicht“ wohl eine der besten Sammlungen zum Thema ist, die ich kenne. Sie bietet viele schöne Geschichten, fertig zum Erzählen am nächsten Lagerfeuer, präsentiert sie aber auch sprachlich so gut, dass man auch auf der Couch daheim schaurige Freude daran haben kann.
Die Rechnung geht auf. Denn anders als bei anderen Büchern zum Thema ist die Reaktion hier nicht, dass man nickend zur Kenntnis nimmt, was es da so alles gibt. Eigentlich möchte man es viel lieber gleich weiter erzählen – und eine weitere Schauergeschichte im eigenen Arsenal kann ja auch nicht schaden.
Das Buch ist mit 9,90 Euro sicherlich nicht ganz billig, aber sein Geld locker wert.


Name: Der Mann ohne Gesicht
Verlag: Festa
Sprache: Deutsch
Autor: Boris Koch
Seiten: 220
ISBN: 3-935822-87-1{jcomments on}

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