Jones, Richard A.: Athanor - Geschichten des Nordens

Das Buch vor mir ist ein eigentümlicher Geselle. „Athanor“, das ist der Name eines jungen, deutschen Fantasy-Rollenspiels das irgendwann um das Jahr 2011 herum aufbricht, eine neue Spielerschaft zu erobern. „Geschichten des Nordens“ ist nun ein erster Band dazu, der aber nicht zum Spielen, sondern nur zum Lesen ist: Es handelt sich um einen Kurzgeschichtenband.

Dennoch wollte man wohl nicht kleckern, sondern klotzen und insofern ist es ein eindrucksvolles Buch geworden. Das Hardcover in Lederimitat-Optik zeigt im silbernen Prägedruck den Titel sowie das Logo des Spiels und ist, aufgrund eines sehr hochwertigen Papieres, ansprechend dick. Ein Lesebändchen veredelt neben dem klaren, kraftvollen Druck den überaus positiven, ersten Eindruck. Nicht kleckern, sondern klotzen gilt hier übrigens auch für die Auflage, denn mit erheblichen 9000 (!) regulären Exemplaren sowie einer limitierten Auflage in schönerer Ausstattung mit weiteren 1000 Exemplaren (!!) beweisen die Macher wahlweise wirtschaftlichen Wagemut jenseits aller Vernunft oder aber großes, großes Vertrauen in ihr Spiel.

Das Buch weist ein paar Innenillustrationen auf, die allerdings großteilig eher von bestenfalls durchschnittlicher Qualität sind und, meist ohne bedruckte Rückseite daherkommend, etwas nach Seitenschinderei riechen. Noch skurriler mutet dabei für mich nur das besagte Logo an, das nach empirisch wertloser Umfrage im Freundeskreis von acht Leuten für eine Thermoskanne, von einem für ein Vogelhäuschen und von einem, annähernd richtig, für einen Ofen gehalten wurde. Es ist ein Schmelztiegel, ein sogenannter - aha! - Athanor. Nun denn, Logos die man erklären muss, sind immer eher problematisch...

Schauen wir aber mal in das Buch hinein. Auch wenn der Name des Autors da täuschen könnte, so ist es genuin in deutscher Sprache verfasst und liegt nicht etwa in Übersetzung vor. Erstaunlich gut ist dafür, das noch vorweg, das Lektorat des Bandes, von dem sich mancher große Verlag noch eine Scheibe abschneiden solte.
Das Buch umfasst, neben einem Pro- und einem Epilog insgesamt 21 Geschichten aus dem Norden der Welt Athanor. Die Anzahl der Geschichten verrät es schon, wenn man die Seitenzahl beschaut - sie sind eher kurz. Insofern steht das Buch eher in einer deutschen als in einer englischen Kurzgeschichtentradition und erzählt jeweils kurze Begebenheiten und bringt meist die Pointe zügig auf den Punkt.
Das hat mir extrem gut gefallen, wenn es auch dazu führt, dass das Bild, das man sich von der thematisierten Welt machen, ein eher assoziatives ist. Es gibt beispielsweise in dem Buch auch keine Karte oder irgendeine Hilfe, die es einem ermöglichen würde, die Geschichten geographisch zuzuordnen. Parallelen, selbst örtliche, verlaufen in reiner Namensnennung. Hier wurde klar Potential verschenkt.

Dabei macht die Lektüre des Buches durchaus Spaß und ein paar Highlights hat der Band zweifelsohne zu bieten. Einige Geschichten sind eher obskur und lustig - etwa der Beutezug eines einzelnen Goblins, der ihn mit wahrlich schrecklichen Kreaturen konfrontiert - einige sind eher auf Action ausgelegt und wiederum andere operieren vor allem mit Stimmung. Dabei werden dem Land sehr viele, multikulturelle Facetten gegeben ohne dass dabei absolute Ausrutscher passieren würden. Man bekommt durchaus Lust, mehr über Athanor zu erfahren - nur schweigt da Buch dahingehend, wie gesagt.

Somit ist ein Fazit nicht ganz leicht, denn „Geschichten des Nordens“ mutet etwas unwuchtig an, wenn man zusammenfassend darauf blickt. 21 teils sehr kurze, aber großteilig gute Geschichten und eine extrem beeindruckende Ausstattung stehen dort vor allem einem Problem gegenüber: Das Buch ist zwar okay, aber es ist auch kein Meisterwerk. Somit ist es zwar schön, aber im Endeffekt zählen die Textseiten mehr als die tolle Aufmachung und ob man gewillt ist, für ca. 200 Seiten Text 14,90 Euro auszugeben, kann man nicht pauschal beantworten.
Den Preiskampf mit den Phantastik-Abteilungen großen Verlagen verliert das Buch da natürlich; andererseits wiederum muss man sagen, dass eine Auflage von 10.000 Stück auch deutlich jenseits dessen liegt, was im Kleinverlags-Bereich normalerweise gedruckt wird. Klar, das Buch sieht toll aus, aber die Frage ist, ob man mit einer dezenteren Ausstattung und dafür einem signifikant kleineren Preis zumindest der Mission, das Setting zu verbreiten, besser hätte dienen können.

Alles in allem ist es ein Buch geworden, wo ich jeden, der es lesen wollte, bekräftigen würde, es zu tun, denn die Lektüre macht schon Spaß. Es aber für 14,90 Euro zu kaufen kann ich nicht empfehlen.


208 Seiten Hardcover
Infinite Monkeys‘ Press
ISBN: 978-3-9813439-0-8 {jcomments on}

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